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Sonntag, 26. März 2017 | 15:00

Tom Rachman: Die Unperfekten

03.01.2011

Noch eine letzte Schlagzeile

Die Zeitungsbranche ist in der Krise, manch einem Blatt steht gar das Ende bevor. Dieses Schicksal trifft auch die internationale Tageszeitung in Tom Rachmans Debüt Die Unperfekten. Doch was geschieht mit ihren Machern und Lesern? In seinem Roman blickt Ex-Journalist Rachman hinter die Kulissen der Zeitung und wurde dafür von der US-Kritik bejubelt. Von CATHERINE WENK 

 

Rom, die ewige Stadt. Einen besseren Ort hätte Tom Rachman für seinen Roman Die Unperfekten wohl kaum wählen können. Umgeben von der Schönheit der historischen Stadt vollzieht sich der hässliche Untergang der dort ansässigen Tageszeitung. Das alles überdauernde und sich immer wieder erneuernde Rom positioniert sich im krassen Gegensatz zur Vergänglichkeit des internationalen Blattes.

 

Geschildert wird der Niedergang der Zeitung aus einer Art Innenperspektive heraus. Rachman erzählt die Geschichte von elf verschiedenen Protagonisten. Sie alle, mit Ausnahme von Leserin Ornella, arbeiten für die Zeitung, und das meist schon seit vielen Jahren. In den einzelnen Abschnitten wird dem Leser somit der Blick freigegeben auf die beruflichen, aber auch privaten Nöte der Personen, ihre menschlichen Verfehlungen, ihre Einsamkeit und Verzweiflung. Es ist ein Bild von Tristesse, das Rachman da zeichnet und das mit der dramatischen Lage der Tageszeitung geradezu Hand in Hand zu gehen scheint.

 

Es stellt sich die Frage: Wer bedingt hier wen? Ist der nahende Untergang der Zeitung Grund für die persönliche Endzeitstimmung der Mitarbeiter? Oder sind sie es, deren voranschreitende Desillusionierung und Resignation das Ende der Zeitung bedeuten? Rachman macht im Laufe des Romans deutlich, dass diese Fragen falsch gestellt sind. Vielmehr besteht zwischen Blattmachern und Blatt selbst eine Verbindung, in der sich beide gegenseitig beeinflussen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie Rachmans Figuren die Zeitung personalisieren und sie zugleich zu ihrem Lebensmittelpunkt erheben. So sehr sie ihre Arbeit auch langweilt, ermüdet und deprimiert, von der Zeitung kommen sie nicht los.

 

Eine kleine Charakterstudie

Ein Beispiel dafür ist Ruby Zaga. Sie arbeitet als Textredakteurin. Jeden Tag muss sie Überschriften für Kurzmeldungen schreiben und Texte redigieren. Ruby ist mehr als angewidert von ihrem Job. Doch als sie fälschlicherweise vermutet, entlassen zu werden, wird sie ängstlich, geradezu panisch. Diese Widersprüchlichkeit findet sich durchgängig in allen Figuren wieder. Rachman gelingt damit nicht nur eine treffendende Momentaufnahme von der augenblicklich verzweifelten Lage der Zeitungsbranche, zugleich entwirft er ein Porträt unserer heutigen Gesellschaft, die von Ziellosigkeit und Verunsicherung geprägt ist.

 

Rachmans Blick auf die einzelnen Figuren liest sich wie eine kleine Charakterstudie. Jeder Abschnitt im Roman, der jeweils über eine der elf Personen handelt, könnte als eigenständige Erzählung an sich stehen. Doch Rachman schafft immer wieder Verbindungen zwischen den einzelnen Passagen. An einigen Stellen gelingt ihm dies, an anderen hingegen wirkt es konstruiert. Beispielsweise, wenn sich Ruby in Dario, den ehemaligen Volontär der Zeitung verliebt, der einst mit der jetzigen Chefredakteurin Kathleen zusammen war. Kathleen hingegen entwickelt ihrerseits erneut Gefühle für Dario. Seiner Mutter Ornella, vereinsamte und unterkühlte Witwe und gleichzeitig treue Leserin der Zeitung, widmet Rachman einige hundert Seiten später ein gesamtes Kapitel. Zu verworren, gewollt und überreizt erscheint hier die Verbindung zwischen den einzelnen Figuren, so als hätte Rachman sie zwanghaft um mehrere Ecken spannen wollen.

 

Die Historie der Zeitung durchzieht den Roman

Dieser Hang zum Überzogenen offenbart sich in Die Unperfekten auch an einigen der von Rachman entworfenen Charaktere. Da ist zum Beispiel der völlig unerfahrene Winston Cheung, der sich gemeinsam mit dem Kriegsreporter Snyder um eine Korrespondentenstelle in Kairo bewirbt. In Militär-Kluft bekleidet, tritt Snyder hier als furchtloser Abenteuerjournalist und Profiberichterstatter in Krisengebieten auf, der den jungen Konkurrenten auszunutzen weiß. Rachman bedient sich hier der gängigen Klischees vom Kriegsreporter. Seine Absicht dahinter bleibt allerdings leider unklar. Denn ob er die Stereotypen nun bewusst karrikieren will oder sie aber in der Realität bestätigt sieht, bleibt für den Leser verborgen.

 

Rachmans Roman verbleibt jedoch nicht allein auf der Erzählebene innerhalb der Figuren. An jedes Kapitel, das dem Leser die einzelnen Charaktere vorstellt, schließt sich ein Abschnitt über die Geschichte des Blattes an. Chronologisch zieht sie sich durch den gesamten Roman, von der Gründung der Zeitung im Jahr 1953 bis zu deren Niedergang 2007. Rachmans Roman erhält somit neben der menschlich, persönlichen Komponente einen sachlichen und historischen Aspekt. Der Leser erhält Einblick in die Hintergründe der Zeitung, ihre zunehmenden wirtschaftlichen Probleme sowie die der gesamten Branche.

 

Der Untergang der Zeitung ist besiegelt

In den USA wurden Die Unperfekten von den Kritikern hochgefeiert. Zu Recht, denn trotz einiger Schwächen ist Rachmans Debüt gelungen und lesenswert. Neben der besonderen Erzählstruktur bedient sich der Jungautor einer Sprache, die von einer positiven Leichtigkeit zeugt und den Leser in die Geschichte eintauchen lässt. Die Unperfekten ist ein ernster, zuweilen nachdenklicher Roman, der ohne jede künstlich anmutende Schwere auskommt. An einigen Stellen wunderbar melancholisch, an anderen wiederum herrlich komisch, öffnet Rachman den Blick auf das Schicksal der Personen, die hinter dem voranschreitenden Niedergang einer Tageszeitung stehen.

 

Auf den letzten Seiten des Romans, wo man als Leser beinahe schon eine zärtliche Beziehung zu den einzelnen Figuren entwickelt hat, gibt Rachman Ausblick auf ihr weiteres Leben nach dem Untergang des internationalen Blattes. Für jede der Personen ergibt sich eine neue Möglichkeit ihrer Existenz, wenn auch nicht unbedingt im journalistischen Bereich. Das Ende der Zeitung hingegen ist besiegelt, ohne jede Hoffung auf einen Neuanfang: Die Zeitung - die täglichen Nachrichten von der Idiotie und der Brillianz der Spezies Mensch - hatte nie zuvor eine Verabredung nicht eingehalten. Jetzt war sie weg.


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