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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 10:51

    Ruth Landshoff-Yorck: In den Tiefen der Hölle

    06.12.2010

    Zeiten der Grausamkeit

    In den Tiefen der Hölle führt über eine konventionell erzählte Kriminalgeschichte in die Abgründe der Seele. Ruth Landshoff-Yorck verbindet in ihrem in den 1950er Jahren entstandenen, bislang unveröffentlichten Paris-Roman Elemente der Unterhaltungsliteratur mit einer kritischen Sicht der Psychoanalyse. Von MONIKA THEES

     

    Robert Lorme hat seine Mitmenschen reichlich satt. Mochten sie sterben, wie und wo sie wollten, erstickt, erdrosselt oder einfach nur im Bett. Er gähnt über den Akten der Mademoiselle Dupois. Alter 28, gefunden im Bois de Boulogne, splitterfasernackt, mit durchschnittener Kehle. Ihn geht das nichts an, er träumt von seinem Haus in der Bretagne, dort, wo er hingehört, wo die geliebte Schwester seit Jahren alleine lebt. Doch Pflicht ist Pflicht und Dr. Lorme Chef der psychiatrischen Abteilung der Pariser Polizei. Als Spezialist für »Operative Fallanalyse«, so wohl der heutige Ausdruck, weiß er: Motiv und Profil des Täters sind entscheidend.

     

    Ein zweites Mordopfer, ein drittes, aufgefunden unter Rhododendronbüschen im Bois, den Kopf haarscharf unter der Kehle durchtrennt. Die Presse tobt, fordert Aufklärung, sein Vorgesetzter einen Verdächtigen. Doctor Lorme checkt die Fakten: drei Frauen, die sich nicht kannten, nicht vergewaltigt wurden, nicht beraubt. Sie verbindet keine Gemeinsamkeit außer der einen: Sie lagen im Park, sie wurden ermordet. Warum?

     

    Beginnt der Roman mit einem Mord, so lautet die erste Frage stets: Warum? Tritt noch eine junge Assistentin dazu, ganz Inbegriff von Pariser Chic und Eleganz, so wie die schöne Eliane, kann die Lektüre kurzweilig geraten. Der kribbelnde Reiz des Verbrechens, einer Mordserie gar, nonchalant verpackt in Konversation, ein nettes Geplänkel zwischen Chef und keck neugieriger Vorzimmer-Beauty mit kurzem Haar, in Faltenrock und rosa Sweater: Die Zutaten versprechen eine Story à la Ullsteinblatt Die Dame oder kultiviertem Boulevard, ein wenig Psychologie für die gebildete Frau oder die Cocktailparty.

     

    Dazu eine Autorin, die vordergründig das Klischee bedient: Ruth Landshoff-Yorck, geboren 1904 als Ruth Levy, als Rut Landshoff (nach dem Namen ihrer Mutter) mit einer kleinen Rolle in Murnaus Nosferatu (1922) bedacht, war die Nichte des Verlegers Samuel Fischer. Sie schrieb Feuilletons, veröffentlichte 1930 ihren ersten Roman Die Vielen und der Eine, heiratete im selben Jahr den Grafen David Yorck von Wartenberg und figurierte seitdem als Gräfin Yorck.

     

    Shooting Star der 20er Jahre

    Fotografien zeigen sie im modisch kurzen Bubikopf mit Schreibmaschine und Hund (1929) oder vor ihrem Cabriolet (1927), sie galt als Shooting Star der Zwanziger Jahre, ihre Modeberichte, Gesellschaftssplitter und Erzählungen erschienen in Tempo, in der Berliner Illustrirten Zeitung, in Sport und Bild. Nach 1933 hielt sich sie in Frankreich und Italien auf, 1937 gelang ihr die Emigration in die Vereinigten Staaten. Die »Exiled Countess« mit guten Beziehungen zur dortigen Kulturszene startete sie in den USA eine zweite literarische Karriere, als Ruth L. Yorck schrieb sie Romane (Lili Marlene. An intimate diary, 1945, So cold the night, 1948), Theaterstücke, verfasste Rundfunkbeiträge in englischer Sprache und kehrte erst Anfang der 1950er für Kurzbesuche nach Deutschland zurück. Irgendwann in diesen Jahren entstand ein deutschsprachiges Manuskript mit dem Arbeitstitel Die Hölle. Er wurde begutachtet, von Verlagen zurückgelegt oder abgewiesen, erst 2010 im Berliner Verlag AvivA gedruckt. Eine Entdeckung, die lohnt.

     

    Die Wirklichkeit von Macht und Ohnmacht

    Denn während der Leser sich noch wohlig zurücklehnt, ein unschuldiger, ein paar Häppchen Publicity suchender Student der Beaux Arts wieder aus der U-Haft entlassen wird und Doctor Lorme den Weihnachtsurlaub auf seinem bretonischen Anwesen verbringt, wandelt sich die Erzählung unmerklich ins psychologisch Ab- und Tiefgründige. Elaine begegnet an den Seine-Quais einem Clochard, der ihr Angst macht. Dr. Lorme träumt von erlegten Füchsinnen, erinnert Episoden aus der Kindheit, die, lange zuvor in der Lehranalyse thematisiert, wieder gegenwärtig werden. Sadistische Spiele, grausame kindliche Rituale im Namen der Hexe Rosita, harte Szenen, die in unmerklichem Übergang in die Wirklichkeit von Macht und Ohnmacht, von Hass und Einsamkeit führen. Elaines Abstieg zum Seineufer, zum dunklen Strom des Unbewussten, und Lormes Rekurs auf frühe Schlüsselszenen mit seiner ihm ergebenen kleinen Schwester eröffnen einen untergründigen Sog, der den oberflächlich plätschernden Ton des Einstiegs nachhallend färbt. 

     

    Warum mordet jemand? Aus Liebe, Eifersucht, aus Lust? Ist es Wut, Machtgier, Rache? Was führt ihn zum Opfer? Der Zufall, die Liebe oder der Hass? Was unterscheidet ihn von anderen Menschen? Welche Vorgeschichte hat die Tat? Und: Gibt es Heilung? Hoffnung? Was ist mit den Opfern, ihren geschundenen Körpern, den verwundeten Seelen? Und was mit der Schuld? Der Polizeipsychologe Dr. Lorme muss sich hineinversetzen in den Täter, dessen Logik folgen, um ihm auf die Spur zu kommen, ihn zu finden. Der Gesuchte kann die Maske der Freundlichkeit tragen, des fürsorglichen Familienvaters, der unscheinbaren Gattin. Ein Mörder kann weinen beim Anblick eines kranken Hundes und ohne jede Regung auf Unschuldige zielen. Er kann den Befehl geben zu töten ohne einen Moment des Innehaltens. Er kann ein Mann sein oder eine Frau; Aggression, Gewalt als auch Irrsinn sind Teil der anthropologischen Grundstruktur, meiner, deiner, aller Menschen.

     

    Grenzerfahrungen der Psyche

    Lorme weiß dies. Doch noch nie war er in wirklicher Gefahr, kein Wahnsinniger hat ihn je bedroht. Alles ist berechenbar, so das Credo seiner Wissenschaft. Der Doctor kennt keine Überraschungen, außer vielleicht bei Elaine. Ein leiser Zweifel keimt auf, Verliebtheit gar? »Vielleicht langweilten ihn die Menschen nicht deshalb, weil er sie so gut verstand, sondern weil er sie nicht gut genug verstand.« So zieht es ihn zum Quai, dort, wo Elaine den Landstreicher sah mit den sauberen Händen, hinterlässt er eine Nachricht mit seinem Namen und der Adresse des Büros. Noch ahnt er nicht, wen er trifft, in welche Gefahr er sich begibt ... Folter, Isolation, die äußerste Demütigung – die Stufen zum inneren Höllenkreis sind steil, sie führen in das dunkle Verlies, in Grenzerfahrungen der Psyche und des Körpers. Die Hölle ist unten, in den Tiefen von Schuld und Verstrickung, von Brutalität und Wahn. Ruth Landshoff-Yorck setzt sie nicht konträr zu Elaines heller Welt. Sie existiert parallel zum Smalltalk in feiner Gesellschaft, zur Leichtigkeit des Luxus, des Spiels.

     

    Ruth Landshoff-Yorcks deutlich mit englischen Spracheigenarten durchsetzter Roman weist über die psychische Disposition des einzelnen Täters weit hinaus. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und der Schrecknisse kollektiver Gewalterfahrung thematisiert sie die Nachwirkungen erlittener Traumatisierung wie auch die Instrumentalisierung der Psychoanalyse als eilfertige Flickschusterei, die Wunden nicht heilt, sondern fahrlässig kleistert und damit perpetuiert. Eingebettet in die Rahmenhandlung eines konventionellen Kriminalromans erweitert ihre Erzählung das klassische Muster des Whodunit, die spannende »individuelle Falllösung» ist verwoben mit Reflexionen über die Grausamkeit und den Möglichkeiten ihrer Überwindung. Ein außergewöhnliches, anspruchsvolles Buch, geschrieben von einer Frau, die es längst verdient hat, aus der Vergessenheit gerissen Erwähnung und Wertschätzung zu finden als mutige, eigenwillige Schriftstellerin und Vertreterin bislang sträflich vernachlässigter Exilliteratur.


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