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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:57

    Vladimir Sorokin: 23000

    25.10.2010

    Hohlkörper gegen Geschwister des Lichts

    Auch der Schlussteil von Vladimir Sorokins Ljod-Trilogie sorgt, wie bereits die beiden vorausgegangenen Bände - Ljod - das Eis (deutsch 2001) und Bro (deutsch 2005) - wieder für Irritationen. Dies kann jetzt auch die deutschsprachige Fangemeinde in Teil 3 erfahren. Von DIETMAR JACOBSEN

     

    Auch im Roman 23000 befindet sich weiterhin eine weltweit agierende Organisation auf der Suche nach blonden und blauäugigen Menschen, denen mit Eishammerschlägen aufs Brustbein zu ihrer wahren Identität verholfen werden soll. Wessen Herz unter den Schlägen zu sprechen beginnt, darf frohlocken, denn er zählt zu den 23.000 Auserwählten. Wer lediglich - und bestenfalls - nur schwere Verletzungen im Brustbereich davonträgt, ist eine „hohle Nuss“ und noch schlechter dran als die Milliarden von „Fleischmaschinen“, die den Planeten Erde ansonsten bevölkern und sich Menschen nennen.       

     

    Am 30.06.1908 wurde Ostsibirien von einer gewaltigen Explosion erschüttert. Seither stellt das so genannte „Tunguska-Ereignis“ den Anlass zahlreicher, teils wissenschaftlicher, teils mystisch-religiöser Spekulationen dar. Vor allem dass es keinerlei handfeste Spuren hinterlassen hat, heizt dabei die Fantasie(n) an. Stanis?aw Lem hat in seinem Roman Der Planet des Todes einst Venusianer in der Tunguska verunglücken lassen. Im Werk der Strugazki-Brüdern und zuletzt in Thomas Pynchons monumentalem Gegen den Tag, wo Parallelen zum Reaktorunglück von Tschernobyl hergestellt werden, spielt das Ereignis ebenfalls eine wichtige Rolle.

     

    Vladimir Sorokins Ljod - Trilogie (2002 – 2005, für die Übersetzung des dritten Bandes ins Deutsche hat der Moskauer Autor das letzte Romankapitel neu bearbeitet) basiert auf dem erzählerischen Einfall, dass bei der Tunguska-Explosion jenes Material auf die Erde gelangt ist, das dazu benötigt wird, um 23.000 Auserwählte vom Rest der Menschheit zu sondern. Tief im Osten Sibiriens lagert seit 1908 jenes Eis (russisch: Ljod), das, in Kontakt mit dem menschlichen Körper gebracht, „erleuchtete Herzen“ ermutigt zu sprechen und den wahren Namen des sich damit einer besonderen Spezies Zugesellenden zu offenbaren. Gelingt es, einen Tages alle 23000 Brüder und Schwestern des Lichts durch Eishammerschläge zu erwecken, wird es in einer gemeinsamen Zeremonie möglich werden, die ursprüngliche Weltharmonie wiederherzustellen und dem Experiment irdischer Zivilisation als kosmischem Sonderweg ein Ende zu setzen.         

     

    Das misslungene Experiment irdischer Zivilisation rückgängig machen

    Im vorliegenden letzten Band der Saga ist man diesem Ziel nahe. Und muss es auch sein, denn inzwischen wird das Eis knapp. Außerdem - man schreibt in 23000 das Jahr 2005 - sind die Voraussetzungen für die Suche nach den weltweit verstreuten Sonderlingen jenseits der Jahrtausendwende lange nicht mehr so günstig. Das Jahrhundert der Ideologien und Ismen ist zu Ende gegangen. An die Stelle radikal durchorganisierter Gesellschaften, in denen es für den Einzelnen kaum Schlupfwinkel und wenig Möglichkeiten, sich konträr zu äußern, gab, ist eine offen pluralistische Öffentlichkeit getreten. Sie bietet den Sektierern, deren Zwecke sich am besten im Rahmen totalitärer Regime durchsetzen ließen, nurmehr schlechte Entfaltungsmöglichkeiten. Entsprechend mehren sich die Fälle, in denen man sich mit der brutalen Eishammermethode an den Falschen versucht. Nahe Verwandte der irrtümlich aufgeklopften „hohlen Nüsse“ organisieren sich daraufhin über das Internet und versuchen, die Bruderschaft zu unterwandern.

     

    Zum Showdown kommt es dennoch. Allein er verläuft nicht so, wie seit den Zeiten von Bro, dem ersten Erweckten der Bewegung, prophezeit. Und das ist auch gut so, denn all jene Blonden und Blauäugigen, denen mit kräftigen Hammerschlägen ihre wahre Identität entlockt wurde, auf dass sie loszogen, um ihresgleichen zu rekrutieren, waren durchaus dazu angetan, mit ihren deutlichen Anklängen an die Stereotypen des faschistischen Weltbilds zu irritieren. Indem die Apotheose des Lichts nun exemplarisch nach hinten losgeht, offenbart sie letzten Endes die Perversionen eines Denkens, das auf die Überlegenheit einer Rasse über alle anderen abhebt. Was mit der Bruderschaft des Lichts somit scheitert ist ein elitäres Denken, für das der Zweck die Mittel heiligt und in dessen kruden Weltverbesserungsideen die Mehrzahl der Lebenden nur als Spielmaterial vorkommt.

     

    Die Apotheose des Lichts geht nach hinten los

    Sorokins Roman liest sich leichter, wenn man die beiden Vorgänger-Bücher kennt. Dringend erforderlich ist ihre Kenntnis allerdings nicht. Denn die Voraussetzungen, die zum Verständnis des Buches notwendig sind, hat der Autor geschickt über Rückblenden und in den Dialogpassagen der Figuren, die sich mit der Vergangenheit der Sekte beschäftigen, integriert. So kann man sich unterm Strich ganz auf die Sorokin eigene Kunst der Vermischung unterschiedlichster Genres und der in ihnen gebräuchlichen Erzählweisen konzentrieren. Sich daran ergötzen, wie der Roman mal das Arsenal der fantastischen Literatur plündert, mal zum Spionagereißer wird, um sich gleich darauf wie die Propagandaschrift einer religiösen Vereinigung zu lesen, die ihre Machwerke in Bahnhofshallen an den Mann zu bringen sucht. Stilistisch ein Chamäleon und damit hohe Anforderungen an den Übersetzer stellend, ist die satirisch-kritische Stoßrichtung von 23000 dennoch klar: Wir sind zu viele, um in einem einzigen Paradies Platz zu finden.


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