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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 06:06

    Ortheil: Die Moselreise

    01.11.2010

    Sentimental Journey

    Eine zweiwöchige Wanderung mit dem Vater verändert das Leben eines 11-jährigen Jungen von Grund auf. Von nun an sind Leben und Schreiben, Erfahren und Notieren untrennbar miteinander verwoben. Von INGEBORG JAISER

     

    Mit seinem im Herbst 2009 erschienenen autobiographischen Roman Erfindung des Lebens hat Hanns-Josef Ortheil sein wohl intimstes, persönlichstes und eindringlichstes Werk vorgelegt. Darin beschreibt er die Jugend seines Alter Egos Johannes Catt, einem Jungen, der in tiefer Symbiose zu seiner verstummten Mutter aufwächst und dabei selbst fast die Sprache verliert. Erst als der gemobbte und als Idiot verschriene Johannes von der Schule fliegt, greift der beherzte Vater zu einer außergewöhnlichen Erziehungsmaßnahme. Eine gemeinsame Reise soll den verstörten und verängstigten Jungen wieder an die Schönheiten des Lebens heranführen: an Landschaft und Natur, Essen und Trinken, Gehen und Sehen, Reden und Schreiben.

     

    Schnappschüsse und Skizzen

    Hanns-Josef Ortheil hat diese Reise mit dem Vater tatsächlich unternommen: als Elfjähriger, im heißen Sommer 1963, als legendäre, fast zweiwöchige Wanderung von Koblenz bis Trier, dessen Aufzeichnungen er jetzt in der Moselreise veröffentlicht. Das gemächliche Unterwegssein zu Fuß, „ein nicht zu rasches Reisetempo, das eine genaue, geduldige und dabei beruhigende Beobachtung der Umgebung ermöglicht“, wird für den jungen Hanns-Josef zum prägenden Initialerlebnis. Hier entstehen die Wurzeln für sein späteres Schaffen, für seine lebenslange Arbeitsmethode: Täglich protokolliert und sammelt er fortan Eindrücke unterschiedlichster Art und fügt sie zu einer mehrschichtigen Collage zusammen: spontane Notate und schriftliche Aufzeichnungen, Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte, Post- und Eintrittskarten, Schnappschüsse und Skizzen. Noch heute steht Ortheil sehr früh auf, um sich täglich gegen 6 Uhr an den Schreibtisch zu setzen und seine Tageskalender und Skizzenbücher mit dem Erlebten zu füllen. Seine Romane erwachsen fast alle aus diesem unerschöpflichen Fundus.

     

    Cröver Nacktarsch und Bullayer Brautrock

    Den Untertitel „Roman eines Kindes“ hat Die  Moselreise jedoch nicht verdient. Eher ist sie ein durch Essays, Fotografien, Vor- und Nachbetrachtungen angereichertes Reisetagebuch eines sehr ernsten, wissbegierigen, um Redlichkeit und Aufrichtigkeit bemühten Jungen, der dennoch streckenweise den überraschenden Reizen des Unterwegseins erliegt. Erst stellt ihm der pädagogisch versierte Vater kleine Schreibaufgaben: „Warum ich den Wald mag“ / „Womit ich am liebsten spiele“. Dann zieht der lebenserfahrene Ältere den zaghaften Jüngeren schrittweise ins Leben hinein; zeigt ihm, wie man Weine verkostet; ermuntert ihn, auf Fremde zuzugehen und sie in ein Gespräch zu verwickeln; übernachtet mit ihm in Privatquartieren und einer Jugendherberge.

     

    Hanns-Josef spielt mit, gibt den gelehrigen, aufmerksamen Schüler, denn an der Akzeptanz und der Wertschätzung des Vaters ist ihm viel gelegen. Ausgerüstet mit Bunt- und Bleistiften, mit Schere, Kladde und Fotoapparat protokolliert er das Tagesgeschehen genauso wie Gedanken, Emotionen, Träumereien. Tapfer widersteht er Heimweh und Sehnsucht nach der geliebten Mutter. Über manche Notizen staunt man dennoch: Dass der Junge seinen Spaß hat an den Bezeichnungen mancher Moselweine („Cröver Nacktarsch, Bullayer Brautrock“), dass er Listen anfertigt über Vorlieben und Abneigungen des Vaters, ist vollkommen nachvollziehbar, doch mag sich ein 11-jähriges Kind wirklich ernsthafte Gedanken machen über das Zweite Vatikanische Konzil?

     

    Voller Wolkenbilder

    Auch wenn Die Moselreise das anrührende Protokoll eines langsamen Erwachsenwerdens und Freischwimmens abgibt, steht es doch im Schatten von Der Erfindung des Lebens. Viel mehr als ein weiterführendes Quellenverzeichnis, ein Supplement und Addendum zum erfolgreichen Vorgängerwerk ist es leider nicht. Dass man es trotzdem gerne in die Hand nimmt, mag mit an diesem wundervollen Einband liegen: Ein schillernd aufgebrochenes, grünlich changierendes Cover mit der weichen Haptik gewaschener Seide erinnert an Monet und die Impressionisten. Und nicht zuletzt an Ortheil, der schon als Junge in seinem Reisetagebuch festhält: „Die Mosel ist grünblau und grünbraun, an den Rändern aber eher grün. In der Mitte ist die Mosel wie ein dunkler, stiller Teich, fett und dunkelgrün und unheimlich (…) Ich wäre gern einmal von der Fähre aus in die Mosel gehüpft, in der Mitte, wo sie voller Wolkenbilder ist.“


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