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    Dienstag, 27. Juni 2017 | 12:31

    Colm Tóibín: Brooklyn

    04.10.2010

    Der Weg zum Selbstbewusstsein

    Colm Tóibíns Roman einer durchschnittlichen irischen Emigrantin. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Ich erinnere mich noch sehr gut an den unvermuteten erzählerischen Sog, mit dem der mir bis dahin nur als Rezensent des „New York Review“ bekannt gewesene irische Schriftsteller Colm Tóibín mich in die Entfaltung seines Porträts des Meisters in mittleren Jahren gezogen hatte. Tóibín breitete darin eine Reihe von Lebensstationen & Situationen aus, in deren Mittelpunkt  der amerikanische Epiker Henry James stand, der lieber in Europa als in seinem Geburtsland lebte, weil er dort der geschätzten abendländlichen Kultur näher war als in den USA.

     

    Henry James ist einer der eigenartigsten, erzähltechnisch avanciertesten & ästhetisch selbstbewusstesten, aber auch geheimnisvollsten Autoren der Weltliteratur, in dessen Oeuvre die eigene existenzielle Situation – zwischen zwei Kulturen zu leben, zu vermitteln & doch unentschieden zu bleiben – immer wieder in Romanen & Erzählungen reflektiert wird.

    Colm Tóibín setzt sein Porträt aus einigen, in der Biografie seines merkwürdigen Helden bekannten Episoden zusammen, wobei unter der Hand eines hochsensiblen zeitgenössischen Autors das historische Porträt eines stendhalschen Egotisten entsteht, der jedoch seine erotische Beziehung zur Welt ganz & gar ins Schreiben sublimiert zu haben scheint.

    Tóibín gelang im Porträt des Meisters dank einer ebenso erstaunlichen Einfühlung wie Diskretion so etwas wie der – um mit Goethe zu sprechen – „letzteste“ Roman von Henry James. Es war eine faszinierende literarische Camouflage, der jede Anmutung eines Epigonentums fehlte. Colm Tóibín hatte ein sowohl geistreich-psychologisch als auch vibrierend-artistisches Buch geschrieben. Die gleiche Qualität trifft auch auf seine neue epische Erzählung zu, die sowohl ganz anders als auch ganz ähnlich ist.

     

    Mit dem 2005 erschienenen Künstlerroman verbindet sein 2009 publizierter Roman einer „durchschnittlichen“ Verkäuferin & Buchhalterin, der den lapidaren Titel Brooklyn trägt, vielerlei: Zum einen steht in seinem Mittelpunkt eine Emigrantin – Eilis Lacey -, die Henry James Weg nach Europa spiegelverkehrt antritt. Tóibín lässt sie etwa zu der Zeit das irische Städtchen Enniscorthy in Richtung Brooklyn, USA, verlassen, in der er dort selbst (1955) geboren wurde. Zum anderen besteht auch dieser Roman, wie schon das Porträt des Meisters in mittleren Jahren, aus einer jeweils in sich abgeschlossenen Folge von historischen Episoden, welche die Heldin auf ihrem Weg zu einem eigenen Leben jenseits der vertrauten Heimat absolviert: mit offenem Ende.

     

    Wie Henry aus dem dominanten Schatten seines Bruders, des Philosophen William James, heraustreten & einen eigenen Charakter, nämlich den eines Künstlers, ausbilden musste, so kommt Eilis Lacey erst fern ihrer bewunderten, überlegenen und hübscheren älteren Schwester Rose zu sich selbst. Die zwei Frauen leben, nach dem frühen Tod ihres Vaters und dem Weggang der drei älteren Brüder nach England, mit ihrer mittellosen Mutter in einem Haus in Enniscorthy mehr recht als schlecht. Die als Buchhalterin in einem Großbetrieb arbeitende, täglich Golf spielende Rose sorgt für den Unterhalt der drei Frauen, die unscheinbare Eilis findet nur demütigende, schlechtbezahlte Stellen.

     

    Als „Father Flood“ – ein Priester, der nach Brooklyn ausgewandert war – auf seinem ersten Heimaturlaub von den fabelhaften Arbeitsmöglichkeiten in den USA erzählt, sieht Rose die Chance für ihre jüngere Schwester, in der amerikanischen Emigration – jedoch in der von Father Flood betreuten irischen Community des New Yorker Stadtteils Brooklyn – ein viel versprechendes Fortkommen zu finden. Eilis, die ein einfaches Leben in ihrer Heimatstadt erwartet hatte, beugt sich dem Ratschluss ihrer älteren Schwester und folgt der kirchlichen Hilfe. Erst als die „graue Maus“ Eilis, die in Enniscorthy nichts (und schon gar nicht eine Liebe) zu verlieren hat, auf dem Weg zu Father Flood ist, der sich um sie in den USA väterlich kümmern wird, kommt ihr zum Bewusstsein, welches Opfer ihre ältere Schwester für sie zugleich gebracht hat: Rose wird unverheiratet bleiben & sich um die mittellose Mutter kümmern.

     

    Viktorianisch wie Henry James

    Seine irische Heldin in der Neuen Welt stattet Colm Tóibín mit einer gehörigen Portion Zähigkeit, Ehrgeiz & Gleichmut aus. Alle ihre Kraft hat sie ja schon auf der Überfahrt zusammennehmen müssen. Denn das Schiff  kommt in einen Sturm und Eilis bekommt die Seekrankheit und der Autor die einzige Gelegenheit, deren missliche psychischen Umstände & körperliche Eruptionen mit drastischer Genauigkeit dramatisch zu evozieren.

     

    Denn der Rest des Romans ist – wie das Leben von Eilis Lacey in Brooklyn – von wohltemperierter Unauffälligkeit und undramatischer Gleichförmigkeit. Umso größer die unprätentiöse Prosakunst Tóibíns, das Prosaische dieses stillen, ereignislosen Emigrantenlebens poetisch zum stetigen Glimmen zu bringen. Dessen ethische Voraussetzung seiner mit dem Unausgesprochenen agierenden Prosa ist eine umfassende, urteilsenthaltsame Liebe des Autors nicht nur zu seiner Hauptfigur, mit deren Augen und Psyche wir ihre Integration als zum ewigen Lächeln verpflichtete Verkäuferin in der Schönen Neuen Welt des Warenhauses „Bartocci´s“ erleben; sondern seine Empathie gilt auch allen anderen – wie der Wohngemeinschaft im Hause der Witwe Mrs. Kehoe, in der Eilis zusammen mit anderen alleinstehenden, arbeitenden jungen irischen Frauen eines der Zimmer hat, oder Miss Fortini, die Geschäftsführerin mit (später vom Erzähler) diskret angedeuteten lesbischen Neigungen.

     

    Tóibín ist überhaupt, was das erotische, bzw. sexuelle Leben aller seiner Personen (bis auf Eilis´ Entjungferung) geradezu auffällig schweigsam, um nicht zu sagen „viktorianisch“ à la Henry James. Das gibt seinem Roman etwas fast provozierend Keusches - wo doch das breit ausgewalzte Lust-Keuchen heute zur Grundausstattung des banalsten Liebesromans gehört & der sexuelle Detaillismus fast notwendiges Ingredienz jeglicher „Hochliteratur“ geworden ist, die etwas auf sich hält.

     

    Nahezu unauffällig gelingt es dem irischen Epiker, das vergangene Zeit- & Ortskolorit der Fünfziger Jahre durch typische Details heraufzubeschwören – etwa wenn das Warenhaus, immer vom Besitzer ohne Ankündigung von heute auf morgen verfügt, verbilligte Sonderverkäufe von Nylonstrümpfen auf die Tagesordnung setzt, um neue Kundschaft anzulocken. Oder wir werden Zeugen, wie „Brooklyn sich täglich ändert, neue Menschen dorthin kommen“, wie Eilis von Miss Bartocci  bei ihrem Eintritt als Verkäuferin erfährt. Da die alten Kunden nach Long Island ziehen und das Kaufhaus ihnen nicht folgen könne, sei es für das Geschäft lebensnotwendig, dass es seine immer wieder neue Kundschaft mit gleicher Freundlichkeit behandelt (was im provinziellen Irland eben nicht der Fall war). Die Preise der Massenkonsumwaren müssten „auf niedrigem und die Umgangsformen“ des bedienenden Personals „auf höchstem Niveau“ gehalten werden, lautet die usamerikanische Geschäftsphilosophie.

     

    Als die ersten schwarzen Käuferinnen vermehrt im bislang wohl nur von Weißen frequentierten Kaufhaus auftauchen, werden die (selbstverständlich weißen) Verkäuferinnen darauf eingeschworen, die neue Kundschaft wie die alte mit derselben Freundlichkeit zu bedienen wie die alte (sprich: weiße) – obgleich die schwarzen Kundinnen die Verkäuferinnen gar nicht beachteten. Damit deutet Tóibín nebenbei an, dass die schwarze Kundschaft einen höheren sozialen Status hatte als das weiße proletarische Bedienungspersonal.

     

    Das absehbare Eheschicksal wird aufgehalten

    Von Anfang an will Eilis nicht Verkäuferin bleiben, sondern wie ihre Schwester Rose Buchhalterin werden, worin sie Father Flood unterstützt. Es ist eine stille & zähe Energie, die Eilis antreibt – nachdem sie die tiefe Depression überwunden hat, mit der ihr Heimweh sie plötzlich wie eine Krankheit überfallen hatte.

     

    So unterschiedlich die bei der strengen Mrs. Kehoe einwohnenden jungen Frauen sind, so ist Eilis gewiss doch unter ihnen die bravste & unscheinbarste, weil ehrgeizigste. An drei Tagen der Woche besucht sie die Abendschule, um ihre Diplome als Buchhalterin zu machen.

    Ausgerechnet diese Unauffälligste aber lässt sich an den Freitagen, an denen Father Flood in seinem Kirchengemeindesaal züchtige Tanzvergnügen ins Leben gerufen hat, zu denen alle die jungen irischen Frauen gehen, von Tony die Cour machen, der ihr gesteht, dass er, obwohl blond & blauäugig wie ein Ire, dennoch Italiener ist.

     

    Eine prekäre Situation, gelten die Italiener unter den Iren ja nichts & schon gar nichts Gutes – sodass Eilis weder in ihrer Wohngemeinschaft von ihrem italienischen Freund spricht, noch in ihren Briefen an die Mutter überhaupt etwas von einem Mann erzählt. Nur Rose, die Lebenserfahrene, wird von Eilis vorsichtig informiert – hatte die ältere Schwester der jüngeren ja schon in einem ihrer ersten Briefe aus der Heimat angeraten, problematische Informationen, welche die Mutter aufregen könnten, an Rose ins Büro zu schicken. Aber was sie überhaupt von ihrem Leben nachhause berichtet, will jedes Mal im Blick auf seine Folgen von Eilis bedacht sein. Daraus entstehen Verschwiegenheiten - mit späten Folgen.

     

    Es ist eine sehr vorsichtig und zart sich entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Eilis und Tony – unter den obwaltenden Umständen von Zeit & Ort und unter den kritischen Augen von Father Flood, dem Eilis bald ihren Tony vorstellt, damit der Priester über den italienischen Fremdling sein moralisches Urteil abgibt, das vor allem auch für Rose in Irland gedacht ist, die mit dem Priester regelmäßig brieflichen Kontakt hält. Tony – weil er nicht nur vom Aussehen her, sondern auch in seinem züchtigen Verhalten der von ihm Verehrten gegenüber „ganz anders ist als die Italiener sonst“ – findet die Billigung von Father Flood, während Eilis, die Tony nach einigen Rendezvous seinen Eltern und zwei Brüdern vorstellt, dort auch herzlich aufgenommen wird.

     

    Das Absehbare einer künftigen Ehe, mit der Eilis & Tony ihre angestammten ethnischen Grenzziehungen überschritten, wird durch Roses überraschenden Tod in Frage gestellt. Der Choc des unangekündigten Todesfalls treibt Eilis in Tonys offene Arme und beide in plötzliche Leidenschaft, welche die „guten Sitten“, nämlich in Eilis´ Bett in der Pension von Mrs. Kehoe, verletzt - nicht ohne dass die Wirtin den Verstoß bemerkt.

     

    Bevor Eilis aber, mit Father Floods Hilfe Urlaub bei Bartocci´s bekommt, um ihre Mutter zu besuchen, die hofft, nun werde ihre jüngere Tochter zurückkehren, gelingt es dem ängstlich-besorgten und vorausschauenden Tony, Eilis zu einer standesamtlichen Trauung zu überreden – die Eilis jedoch, wie überhaupt ihre amerikanische Liebschaft, vor ihrer Mutter wie ihren alten irischen Freunden & Bekannten geheim hält. Auch weiß sie nicht (& wir mit ihr), ob die Mutter nach Roses Tod Einblick in die nur an Rose gerichteten Briefgeständnisse von Eilis genommen hat.

     

    Die Folgen einer verschwiegenen Loyalität

    Alles in der Heimat, in der die positive Veränderung um Aussehen und Charakter der Amerika-Erfahrenen auffällt, tendiert dazu, sie wieder zuhause zu behalten. Ohne ihre geheime Verbindung mit Tony wäre sie wohl auch, z.B. als Nachfolgerin von Rose auf deren Buchhalterjob in Enniscorthy – an der Seite von Jim Farrell, dem reichen Pub-Betreiber, dessen Eltern sich aus dem Geschäft zurückziehen wollen, dort geblieben. Es war schließlich Jim, ihre erste Liebe, auf den sie ein Auge geworfen und der sie hatte abblitzen lassen und ihr damit die Emigration leicht gemacht hatte. Nun erfährt sie von ihm, dass sie ihn damals fehlinterpretiert und er sie seither geliebt hatte. Zu spät – für beide. Schließlich ist sie eine in den USA verheiratete Frau, die loyal, wie sie ihr gesamtes Leben geführt hat, nach Brooklyn & zu Tony zurückkehren wird. 

     

    Mit einer höchst eindringlichen und schlüssigen, zarteste Gefühlsnuancen und Haltungen im Verhalten von Tochter und Mutter, der sie endlich ihr Ehregeständnis gemacht hatte, bloß andeutenden letzten Volte schließt Colm Tóibín seinen Roman. Es ist das meisterhafte Porträt einer mittelmäßigen Person, die den schwereren Lebensweg wählt. Nichts an diesem Buch ist aufregend. Dennoch gelingt es dem irischen Romancier, einen bis zur letzten Zeile zu fesseln: durch seine diskrete, subtile, ebenso menschenfreundliche wie unsentimentale erzählerische Minimal-Art.

     

    P.S.

    Warum allerdings die Übersetzer bei ihrer dankenswerten Arbeit immer wieder den Genitiv von „Rose“ nicht mit einem „s“, sondern ihn mit einem Apostroph („´“) bilden, ist mir als Einziges rätselhaft geblieben.


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