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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 19:26

    Rana Dasgupta: Solo

    04.10.2010

    Leben und Träumen

    Der 1971 in England geborene Autor mit indischen Wurzeln führt uns in seinem mit dem Commonwealth Writer´s Prize ausgezeichneten Debütroman – immer auf der Suche nach dem Sinn der menschlichen Existenz – in verschiedene Epochen, Gegenden – und Bewusstseinszustände. Von TOM ASAM

     

    Ulrich ist ein fast 100 Jahre alter Mann, der das Augenlicht verloren hat und in einem heruntergekommenen Wohnblock der bulgarischen Metropole Sofia lebt. Durch Sinneseindrücke daher kaum noch abgelenkt, wendet sich sein Blick nach innen. Er erinnert sich an Zeiten, zu denen er noch glaubte, die Regeln des Lebens zu verstehen. Schließlich wendet sich sein rückwärtsgewandter „Innenblick“ ab von der Vergangenheit und er beginnt sich in seinen Tagträumen ein neues Leben zu erschaffen.

     

    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Bulgarien ein aufstrebendes Land. Ulrichs Vater, der eine Schwäche für alles Deutsche hat, ist Eisenbahningenieur und hat die Vision, Europa und Asien zu verbinden. Ulrichs Mutter lernt Türkisch und Arabisch und nimmt ihn als kleinen Jungen immer wieder mit auf tagelange Ausflüge. Er liebt die Musik und erlernt von einem Zigeuner das Geigenspiel. Nachdem sein Vater seine musikalischen Anwandlungen jedoch jäh unterbindet, beschließt er, künftig weniger von sich und seinen Neigungen preiszugeben. In den zwanziger Jahren nimmt er ein Chemiestudium im pulsierenden Berlin auf. Die Deutschen sind in vielen naturwissenschaftlichen Bereichen führend und eine große Karriere scheint ihm bevorzustehen. Doch als sein Vater erkrankt, lässt er nicht nur seine beruflichen Aussichten, sondern auch eine Liebe zurück, indem er zurück nach Sofia eilt. Das Land steht in politischen Wirrungen und auch Ulrich hat den Anschluss an seine ehemaligen Freunde, - an sein ehemaliges Leben verloren. Seine Ehe geht in die Brüche, als ihn seine Frau samt Kind mit einem anderen Mann Richtung Amerika verlässt. Mehr und mehr entwickelt er sich zu einem verschlossenen Einzelgänger.

     

    Vom Anfang und Ende des Einzelnen

    Im Rückblick auf sein Leben, das seiner Meinung nach schon viel zu lange andauert, fragt sich Ulrich, ob sein Leben gescheitert sei. Doch findet er keine Maßstäbe mehr für Gelingen oder Scheitern. Er erinnert sich an Einstein, dem er einst in Berlin begegnete, und an dessen kurz vor dem Tod formulierte Gedanken: „Ich fühle mich so solidarisch mit allen Lebenden, dass es mir einerlei ist, wo der Einzelne anfängt und aufhört.“ Und so scheint es auch für Ulrich beliebig, wo die Erinnerung an sein eigenes Leben anfängt und die Tagträume ihn in ein durch die Phantasie kreiertes Leben voller neuer Möglichkeiten führen. Der zweite Teil des Buches, „Tagträume“ benannt, umfasst dementsprechend auch fast exakt die gleiche Seitenzahl wie das im ersten Kapitel rekapitulierte „Leben.“ Die überwiegend im New York des 21. Jahrhunderts angesiedelte Handlung, stellt immer wieder Bezüge zum ersten Teil da. Es geht um die Magie der Musik und deren gnadenlose Kommerzialisierung – um den Preis, den man dafür bezahlen muss, will man Großes erreichen. Es geht um politische, materielle und kriminelle Macht, um manipulierte Massen und die Gier.

     

    Musik als Metapher

    Der Leser mag sich fragen, warum die Flucht in Tagträume nicht rundweg positiv ausfällt. Aber Ulrich scheint die Realität des Lebens auch in seine konstruierte Lebensvariante einbeziehen zu müssen. Da durchgängiges Gelingen und reine Freude sowieso nicht möglich sind, sieht er wohl keinen Grund dafür, in diese Richtung zu phantasieren. Der kurz aufflammende Gedanke, ob Erinnern und Phantasieren wirklich so funktionieren, wie es der Autor darstellt, wird beim Lesen schnell wieder verworfen. Dialoge und Handlungen sind ja auch im „echten Leben des Romans“ nicht wirklich realistisch darstellbar.

     

    Warum ein junger Mann mit indischen Wurzeln und anglo-amerikanischer Sozialisation den Ausgangspunkt der Handlung nach Bulgarien verlegt, ist natürliche eine legitime Frage. Dasgupta scheint fasziniert von gewissen Parallelen zwischen der bewegten Geschichte dieses Landes im 20. Jahrhundert und die daran geknüpften Herausforderungen für seine Bürger sowie den Realitäten der globalisierten Welt der Jetztzeit. Scheinbar große Individualität und Wahlmöglichkeiten treffen immer wieder auf Einschränkungen und Widerstände, ob es die Machtausübung eines Regimes und die Zwänge einzelner Gesellschaftsformen oder die Grenzen des freien Willens sind. Der Mensch ist in seinem Streben nach einer Bedeutung im Leben immer gleichzeitig auf sich selbst zurückgeworfen als auch abhängig von sozialen Netzwerken und den gerade herrschenden „Realitäten“.

     

    Wie so oft kann man auch in Solo vieles aus dem Mikrokosmos Musik auf größere Zusammenhänge übertragen. Während in Ulrichs echtem Leben eine tiefere Auseinandersetzung mit der Musik nicht erwünscht war, spielt diese in seinen Phantasien eine zentrale Rolle. In den Tagträumen wird der bulgarische Musiker Boris zum großen Star aufgebaut. Als Bulgarien Jahrhunderte lang Teil des Osmanischen Reichs war, vermischten sich asiatische und türkische Einflüsse mit der Musik der Zigeuner. Die Kommunisten verboten all das später. Die Musik von Boris soll nun zu dem geformt werden, was für Industrieunternehmen und das erfolgsorientierte Musikmanagement möglichst kommerziell zu verwerten ist, damit es einem möglichst großem Publikum, das an typisch osteuropäischer Weltmusikfolklore interessiert ist, andreht werden kann. Individualität und Lebensfreude einzelner Künstler sind nicht länger von Bedeutung, es geht jetzt um Börsennotierungen und persönliche Machtkämpfe.

     

    Solo ist ein vielschichtiger Roman, der historische Begebenheiten und phantasievolle Geschichten miteinander verwebt. Dasgupta nähert sich mit großem erzählerischen Talent der Frage nach dem Nutzen des in einer Lebensspanne angesammelten Wissens bzw. nach dem Sinn der menschlichen Existenz im Allgemeinen.


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