TITEL kulturmagazin
Sonntag, 26. März 2017 | 14:55

Eduardo Sacheri: Warten auf Perlassi

20.09.2010

Fußball als Schlüssel zu Welt

Die Suche nach einem ehemaligen Fußballstar als Parabel für den Weg zu einer eigenen Identität und einen Platz im Leben. Von TOM ASAM

 

Der 42-jährige Araoz steigt in den Zug und macht sich auf den Weg in ein Kaff in der argentinischen Provinz, das seit Jahren von der Landkarte verschwunden ist. In den zurückliegenden Monaten hat er so manche Entscheidung getroffen. Eine davon ist, kein guter Mensch mehr zu sein. Vor allem aber will er Perlassi, sein Fußball-Idol aus Kindheitstagen treffen - und zur Rede stellen. Warum hat dieser nur das entscheidende Tor im – von anderen – längst vergessenen, Weichen stellenden Match nicht verhindert. Der darauf hin erfolgte Abstieg seines Teams scheint für Araoz unauflösbar mit den Niederlagen und Verlusten verknüpft, die er in seinem Leben hinnehmen musste. Statt des alten Idols, mittlerweile Inhaber einer schlecht laufenden Tankstelle, trifft er auf dessen Mitarbeiter. Er gibt sich als Sportreporter aus und beschließt, auf Perlassi, dessen Rückkehr zeitlich ungewiss ist, zu warten.

 

Die Liste der Niederlagen

Er bezieht eine einfache Unterkunft bei Perlassis Mitarbeiter und begegnet diesem zunächst distanziert und unaufrichtig. Doch wie so manches misslingt ihm auch sein Versuch, zum unangenehmen Zeitgenossen zu mutieren. Anhand von Rückblenden in Araoz´ Vergangenheit und mittels der Dialoge mit dem vermeintlichen Angestellten Perlassis erfahren wir als Leser mehr und mehr über den Suchenden, dessen Angewohnheit, eine Liste seiner Niederlagen zu führen, nur einer von vielen Ticks ist. Der Fußball im Allgemeinen und eine lange zurückliegende Spielsituation im Speziellen hatten anscheinend großen Einfluss auf sein Leben. Nach und nach kommt er den Ursachen der ihn so prägenden Ereignisse näher. Gleichzeitig beginnt er langsam, sich seiner Lebensrealität zu stellen und sich mit den Verletzungen der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

 

Sacheri, dessen Fußball-Buch „Die Hand Gottes und andere Tangos“ bereits in höchsten Tönen gelobt wurde, mutiert für Kritiker schon zum „Maradona der Literatur.“ Die Hand Gottes braucht er dabei freilich nicht, verfügt er doch über einen ausgezeichneten Stil und die Gabe, einen ruhigen, weitgehend unspektakulären Plot wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. „Warten auf Perlassi“ ist ein kluges Buch, dessen Genuss beileibe keine Affinität zum Fußball voraussetzt. Ist der Fußball doch nur ein mögliches Modell, die Realität des Lebens begreiflich zu machen. Auf die Liste meiner „Niederlagen“ schreib ich nun, das Debut dieses Autors nicht gelesen zu haben. Und dann gilt das Motto: „Warten auf Sacheri.“ Mehr davon!


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