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Georg Haderer: Ohnmachtspiele

13.09.2010

Depression, die Quote und das Kartenspiel

Der Beruf des Polizisten darf, bei neutraler Betrachtung, zu den härteren Berufen gezählt werden – arbeiten ist immer dann, wenn andere feiern, dazu mittelmäßige Bezahlung und der Umgang mit Mitbürgern, die im günstigsten Fall komatös, im schlechteren Fall gewaltbereit daherkommen. Schwerwiegender als glatte Beindurchschüsse und abgeschrappte Handrücken vom rettenden Hechtsprung in den Straßengraben sind jedoch die seelischen Wunden, die mancher Einsatz zu hinterlassen geeignet ist. Von STEFAN HEUER

 

Auch Johannes Schäfer, Major bei der Polizei in Wien, ist ein Opfer seiner Psyche geworden. Seit einem Vierfach-Mord in Kitzbühel hat er mit schweren Angstzuständen, Verzweiflung und einer inneren Verlorenheit zu kämpfen, die ihm das Arbeiten unmöglich macht. Nach gut einem Monat beendet jedoch ein Anruf den Krankenstand: Bei dünner Personaldecke und einer Statistik, die nach deutlich höherer Aufklärungsquote verlangt, kommt Schäfers Assistent Bergmann nicht umhin, seinen Vorgesetzten zu reaktivieren. Ausschlaggebend ist das Auffinden einer weiblichen Wasserleiche am Ufer der Donau: Sonja Ziermann, 32jährige Lehrerin, bei allen beliebt wie die Biene beim Imker, vorbildliche Ehe, gute Schwimmerin, dennoch ertrunken.

 

Schäfer hat daran Zweifel, nicht nur wegen Abschürfungen an den Händen der Toten, die auf fremde Gewalt deuten. Sein erwachter Ehrgeiz, den genauen Todesumständen der Frau auf die Spur zu kommen, erfährt einen Schuss vor den Bug, als er zugunsten einer geschönten Statistik dazu aufgefordert wird, die Angelegenheit nicht weiter zu verfolgen und als Unglücksfall zu den Akten zu legen (dass so etwas in einem Krimi nicht funktioniert, weiß natürlich jeder ...). Parallel zur Wasserleiche nimmt sich Schäfer eines Falles an, der bereits vor seiner Krankschreibung reinkam und seither von seinen überlasteten Kollegen vernachlässigt wurde: eine bislang nicht identifizierte männliche Leiche, dessen Knochen sich bei Auffinden unter einem Reisighaufen bereits vollständig vom umhüllenden Fleisch verabschiedet hatten und in deren Haupthaar Rauschgift nachgewiesen worden war.

 

Mal bissig, mal politisch

Aller bösen Dinge sind drei, und so lässt die nächste Leiche nicht lange auf sich warten: Bei einer jungen Frau aus wohlhabendem Hause wird ebenfalls der Tod durch Ertrinken festgestellt – pikanterweise nicht in der Strömung eines Flusses, sondern in der heimischen Badewanne bei von innen verschlossener Zimmertür. Ihr Ehemann ist aus vielerlei Gründen durchaus verdächtig, was sich jedoch ändert, als sein Auto von der Straße gedrängt wird und auch er stirbt. Schäfer, Chef und Quote im Nacken, schiebt immer häufiger Panikattacken – gefüttert durch seine innere Ohnmacht, die Zweifel an System und Sinn, Schlafmangel und einen fortschreitenden Weg in den Wahn, versteigt er sich in eine Theorie, welche die Todesopfer in Zusammenhang mit den Bezeichnungen altdeutscher Spielkarten bringt. Nicht zu Unrecht denken seine Kollegen, Schäfer sei nun komplett durch, nächtliche Zechtouren mit Blechschaden und planloses Umherwandern im Wald, welches mit dem panischen Erschießen eines zahmen Hundes endet, runden dieses Bild ab, bis ... ja, bis sich im Handschuhfach des von der Straße abgekommenen Wagens eine Spielkarte findet, die das perverse Spiel zu bestätigen scheint ...

 

Ohnmachtspiele liest sich gut weg, was an den spannenden Umständen und konkludenten Ermittlungen, vor allem jedoch an Georg Haderers Schreibstil liegt. Mit variierendem Tempo schleust er den Leser durch die Geschichte, schildert den Polizeialltag bar jeder Romantik (und Schäfer und dessen Kollegen als moderne, strukturierte Ermittler, die am PC ihre Dossiers zum Fall auf dem Laufenden halten) und brilliert dabei durch mehrere Dinge: durch sicher durchdeklinierte, glaubwürdige Dialoge, durch glaubwürdige, nicht zu aufdringliche Charaktere (auch bei den Nebenfiguren), vor allem aber durch einen eigenwilligen Humor, der mal bissig (Dialog: „Die Reform des Ministers zeigt nicht den Erfolg, den er sich erwartet hatte.“ – „Na ja... Hitler war mit dem Zweiten Weltkrieg schlussendlich auch nicht ganz zufrieden.“), mal politisch daherkommt (Spitzname: Mugabe – weil er schwarz, machtgeil und unfähig sei...)

 

Georg Haderer, 1973 geboren, hat nach realitätsnahen Brotberufen (u.a. Barmann, Landschaftsgärtner und Skilehrer) seine Nische in der Fiktion gefunden. Ohnmachtspiele ist nach Schäfers Qualen von 2009 bereits der zweite Krimi rund um Polizeimajor Schäfer, und garantiert nicht sein letzter.


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