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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. Juli 2017 | 14:47

    Chika Unigwe: Schwarze Schwestern

    30.08.2010

    Die Wünsche hinter den Begierden

    Vier nigerianischer Frauen brechen in ein besseres Leben auf und arbeiten dann als Prostituierte in den Straßen Antwerpens. Als eine von ihnen stirbt, beginnt die Selbstreflexion - und alles verändert sich. Von CATHÉRINE WENK

     

    Genug Geld, um ein angenehmes Leben zu führen, sich all die schönen Dingen zu kaufen, die man begehrt, ein eigenes Haus mit einem Mann, auf dessen Heimkehr man abends sehnsüchtig wartet und Kinder, denen man eine gute Zukunft bieten kann. Dieser Traum ist es, der Sisi, Ama, Efe und Joyce nach Europa zieht. Von Nigeria aus haben sie sich dorthin schleusen lassen, in der festen Hoffnung, dass dort ein besseres Leben auf sie wartet. Doch dann sitzen sie Nacht für Nacht in den Schaufenstern des Schippers-Quartiers in Antwerpen und müssen ihre Körper anbieten und dabei allabendlich das Gefühl von Demütigung ertragen. Dazu tritt ständige Kontrolle und finanzieller Druck. Monatlich müssen sie 500 Euro an ihren Schleuser überweisen. Sisi, Ama, Efe und Joyce sind in ihrem Schicksal eng miteinander verbunden, doch bereits am Ende des ersten Kapitals erfährt der Leser, dass dieser Gemeinschaft ein schwerer Riss bevorsteht: Am nächsten Tag wird Sisis Leiche auf der Straße gefunden werden.

     

    Der unsichtbare Antrieb

    Schon zu Beginn des Romans offenbart sich so eines der Charakteristika von „Schwarze Schwestern“. Es gibt keinen chronologischen Erzählverlauf. Stattdessen umspannt die Ermordung Sisis den gesamte Roman, fungiert so als Start- und Zielpunkt für alle weiteren Erzählereignisse. In diesen Spannungsbogen, der auch den erzählerischen Rahmen des Romans bildet, bettet Chika Unigwe die Geschichten der übrigen drei Frauen ein. Der Tod ihrer Mitschwester lässt Ama, Efe und Joyce ihr bisheriges Lebens reflektieren und bringt sie dazu, sich einander aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Das berührt und macht begreifbar, warum sie sich für ein Leben als Prostituierte in Europa entschieden haben.

     

    Efe will ihrem Sohn ein besseres Leben ermöglichen, mit Bildung und Zukunft auf einen guten Job. Joyce hieß früher eigentlich Alek. Nachdem ihre gesamte Familie von Rebellen im Sudan ermordet und sie selbst vergewaltigt wurde, verliebt sie sich in einem Flüchtlingslager in einen Soldaten. Sie geht mit ihm nach Nigeria, träumt von Heirat und Kindern. Doch die Familie des Mannes ist gegen die Heirat, und kurzerhand vermittelt ihr Geliebter sie an den Schleuser. Oder Ama, die mit acht Jahren regelmäßig von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde und später zu einer Verwandten nach Lagos zieht. In dem Angebot in Europa als Prostituierte zu arbeiten, sieht sie die Chance zum Ausbruch und zur Verwirklichung ihres Traumes vom Wohlstand. 

     

    Und auch vom Leben der ermordeten Sisi erfährt der Leser, in einzelnen, immer wieder eingestreuten Kapiteln. Damals hieß sie noch Chisom und lebte mit der ständigen Erwartung ihrer Eltern, einen guten Arbeitsplatz zu finden und viel Geld zu verdienen. In vielen kleinen Sequenzen wird deutlich, wie sich die Unzufriedenheit der Eltern über ihre eigene Existenz allmählich auf die Tochter übertragen hat. In ihrem immer stärker werdenden Wunsch nach Erfolg und Geld, nach einem angenehmen Leben in Europa, wird die ihr als Säugling verkündete Prophezeiung, sie werde eine strahlende Zukunft vor sich haben, zum unsichtbaren Antrieb. Als sie den Bankangestellten Luc kennen lernt und sich in ihn verliebt, entscheidet sich Sisi, aus der Prostitution auszusteigen. Ihr Todesurteil.

     

    Fast dokumentarisch

    An dieser Stelle droht Unigwes Roman ins Kitschige zu kippen. Zu sehr erinnert die Geschichte der durch die Liebe geläuterten Prostituierten, die ein neues Lebens anfangen will und dann jedoch sterben muss, an einen drittklassigen Fernsehfilm. Aber dank Unigwes klarer Sprache und ihrer starken Metaphern verzeiht man dem Roman solche Schwächen. Auch die lediglich skizzenhaft geschilderte Zukunft der übrigen drei Schwarzen Schwestern bewahrt den Leser vor dem irrigen Glauben an eine heile Welt. Zwar können sie sich von der Prostitution befreien und ein eigenes, unabhängiges Leben führen, doch die Welt, die diese Frauen einst ersehnten, bleibt unerreichbar.

     

    „Schwarze Schwestern“ ist lesenswert, kein klassisch emanzipatorischer Frauenroman, wie man vielleicht annehmen könnte, sondern ein Buch, das über soziale Wirklichkeiten berichtet. Es überzeugt durch Authentizität und hat fast dokumentarischen Charakter. „Schwarze Schwestern“ erzählt von Träumen, falschen, fehlgeleiteten Träumen. Im Original heißt das Buch „Fata Morgana“. Und so ergeht es den vier Frauen. Gegen Ende des Romans begreifen Ama, Efe und Joyce nämlich, dass hinter ihren vordergründig materiellen Wünschen noch eine ganz andere Art von Wünschen existiert. Joyce wollte immer als Ärztin arbeiten, Efe immer schreiben: „Mit Worten, die so zerbrechlich, durchsichtig und fein sind wie Schmetterlingsflügel, so fein, dass die Menschen meine Bücher immer wieder lesen wollen.“

     

    Aus diesen Worten spricht die Sehnsucht nach einer Welt voller Brüderlichkeit und Menschlichkeit, bestimmt durch Zartheit und Milde, wo der Einzelne seinen Platz findet, nicht durch das, was er hat, sondern dadurch, wie er in ihr wirkt.


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