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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 11:51

    Doron Rabinovici: Andernorts

    16.08.2010

    Ein Kaddisch für den Vater

    Ethan Rosen, Sozialwissenschaftler in Wien und Publizist, schaut vom Flugzeug hinab auf Tel Aviv und erinnert sich an seine Kindheit. In ihr sind die Bedingungen für sein weiteres Leben definiert ... Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Als Motto dient Rabinovici ein jiddisches Gedicht von Itzig Manger, das im Volksliedton eine Parabel vom Trost für die Gedemütigten spricht. Es kann als der Leitgedanke verstanden werden, der die Tiefenstruktur bildet für die Oberflächenhandlung des Romans. Vor dem letzten Kapitel spiegelt ein kurzes Gedicht von Elfriede Gerstl das Motto. Ethan Rosen pendelt zwischen Israel und Österreich. In Israel besucht er seinen aus Österreich stammenden Vater Felix, der eine neue Niere bekommen hat (ein Motiv, zu dem Sabine Grubers Über Nacht angeregt hat?). Auch dieser Besuch gibt Anlass zu Rückwendungen.

     

    Als rote Fäden ziehen sich ein nicht geschriebener Nachruf auf den verstorbenen Freund Dov Zedek und der Konflikt mit dem Konkurrenten Rudi Klausinger durch den Roman. Geschickt verknüpft Rabinovici diese Stränge, die das Spielfeld abstecken, ohne einander im Wege zu stehen oder aufgesetzt zu wirken. Dov Zedek war Freund auch von Ethans Vater. Die Botschaft, die er nach seinem Tod auf einer Tonbandkassette hinterlassen hat, fügt einen weiteren Blick in die Vergangenheit hinzu und liefert die Interpretation gleich mit. Was Klausinger betrifft, fügt Rabinovici dem in der Literatur vorgeformten Motiv der plötzlich entdeckten Verwandtschaft – man denke an Nathan der Weise oder an Scribes und Halèvys Die Jüdin – eine eigenwillige Variante hinzu.

     

    Unübersehbarer Antisemitismus

    Doron Rabinovicis neuer Roman Andernorts ist sein bislang reifster, am besten komponierter Roman.

    Rabinovici kommt von seiner Biographie nicht los. Stets ist in seinen Helden auch der Autor erkennbar. Die jüdische Thematik lässt den in Israel geborenen und seit seiner frühen Kindheit in Wien lebenden Schriftsteller und Historiker nicht los, beherrscht ihn wie ein Trauma. Aber das besagt noch nichts über den literarischen Wert eines Romans. Wenn es ihm gelingt, im Persönlichen Allgemeines sichtbar zu machen, dann erlangt, was egozentrisch motiviert sein mag, auch allgemeines Interesse, und genau dies muss man Andernorts bestätigen.

     

    Doron Rabinovici und seinen Ethan Rosen treibt ein Problem um, das er mit vielen Juden in Österreich (und nicht nur dort) teilt: Angesichts eines unübersehbaren Antisemitismus, der ihn umgibt, fühlt er sich genötigt, Loyalität gegenüber Israel zu manifestieren, wo ihm sein kritischer Verstand eigentlich Bedenken aufdrängt. Die Angst vor dem „Beifall von der falschen Seite“ verleitet ihn zu einem Doppelspiel, das in letzter Konsequenz seine Identität gefährdet. Überdeutlich wird dies, wenn Rosen sich selbst, je nachdem, mit wem er gerade spricht, unterschiedliche Namen gibt. Die Umstände, so meint er, gestatten ihm nicht, er selbst zu sein. Sie zwingen ihn zum Taktieren.

     

    Präzise poetisch

    Auch in seinen jüngsten Roman packt Rabinovici eine große Zahl von Debatten, die sich zum Teil eher einer essayistischen als belletristischen Behandlung anböten. Einige Figuren scheinen nur dafür erfunden, eine bestimmte Position zu vertreten, einer Diskussion dialogischen Charakter zu verleihen. Aber mehr als in seinen früheren Büchern gelingt es Rabinovici, sie durch atmosphärische Ergänzungen anzureichern, dem Erzählfluss jene Luft zu lassen, die Bilder und nicht nur Gedanken entstehen lässt. Auch in Andernorts fordert der Autor seine Leser zum Widerspruch heraus, auch hier nimmt er gerne deren mögliche Einwände vorweg, um ihnen zu kontern. Auch hier gibt es Stellen, deren rechthaberischer Gestus irritiert. Insgesamt aber besticht der Roman durch die Fülle seiner Details und durch eine Sprache, die präzise und poetisch zugleich ist.

     

    Im Roman finden sich, eher sentimental als ironisch gefärbt, Partien, die fast zu Klischees erstarrte Besonderheiten des Umgangs in jüdischen Familien rekapitulieren. Es finden sich Spannungselemente, die neugierig machen auf verborgene Zusammenhänge und überraschende Wendungen. Exakt in der Mitte des Romans kommt ein Rabbiner ins Spiel, der ein Geheimnis zu offenbaren hat. Hier bricht Meyrink ins Zeitalter der DNA-Analyse ein. Rabinovici bedient sich bei verschiedenen Genres, ohne sich selbst auf ein Genre festzulegen. Er will in der Tradition von Arthur Schnitzlers Weg ins Freie Ideen verbreiten, und er will es, indem er Geschichten erzählt. Das ist ihm diesmal besser noch als zuvor gelungen.

     

    Ein Unbehagen bleibt

    Bleibt die Frage, warum sich Leser in Österreich und Deutschland, sofern sie jünger sind als 65, also zur Zeit des Holocaust nicht geboren waren, für die jüdische Problematik mehr interessieren sollen als sich Juden für die Probleme der Palästinenser interessieren, also sie mit jener Empathie thematisieren, die sie sich für die eigene Bezugsgruppe wünschen. Auch für Juden gelten die allgemeinen moralischen Prinzipien. Auch für sie gilt der kategorische Imperativ. Von den Österreichern und Deutschen dürfen sie Interesse für ihr Schicksal nur erwarten, wenn sie ihrerseits Teilnahme zeigen am Schicksal der Palästinenser. Den Österreichern und Deutschen dürfen sie den fehlenden Widerstand gegen die Judenverfolgung im Dritten Reich nur vorwerfen, wenn sie ihrerseits Widerstand leisten gegen die Diskriminierung von Palästinensern in Israel. Wenn sie sich zu Recht wehren gegen die Relativierung von Schuld, wo sie deren Opfer waren, dürfen sie nicht selbst relativieren, wo ihresgleichen schuldig werden.

     

    Davon ist, wie auch bei den meisten israelischen Autoren, trotz aller Differenzierungsversuche bei Doron Rabinovici nichts zu lesen. Das sei nicht sein Thema, mag er erwidern. Genau das ist das Problem. Martin Walser hat man diese Verteidigung seines Springenden Brunnens nicht durchgehen lassen. Die Palästinenser sind aus Rabinovicis Roman, der größtenteils in Israel spielt, ausgeblendet wie es die Schwarzen lange Zeit aus amerikanischen Romanen waren. Das kann man machen und es damit begründen, dass es nun eben um eine jüdische, respektive in Amerika: um eine WASP-Familie geht. Ein Unbehagen bleibt dennoch. In Bezug auf amerikanische Romane wird es mittlerweile von den meisten Menschen geteilt.

     

    Wenn freilich Norbert Bolz schamlos verkündet, „Hier zeigt sich besonders deutlich, dass sich der nachträgliche Kampf gegen die Nazis in den letzten fünfzig Jahren zu unserer größten Denkblockade entwickelt hat“, wenn nicht der andauernde Antisemitismus, sondern dessen Bekämpfung als Denkblockade gelten soll und die Nation über diese Zumutung nicht empört ist, darf man auch einem Juden eine Einseitigkeit verzeihen.

     

    „Dort, wo die Soziologen keine Antwort fanden, wurden die Rabbiner zu Experten.“ Denkt das noch Ethan Rosen, oder ist das die Meinung des Erzählers, die Überzeugung von Doron Rabinovici? Man muss ihr, so oder so, nicht folgen. Aber sie soll wohl als jener Trost verstanden werden, den das Motto ankündigt.

     

    Die Botschaft von Dov Zedek lautete: „Für mich muss kein Kaddisch gesprochen werden.“ Ethan spricht am Ende des Romans zusammen mit dem Rabbiner für seinen Vater das Kaddisch.


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