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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 17:42

    Martin Walser: Leben und Schreiben

    26.07.2010

    Leiden & Qualen eines existenzbedrohten Kleinbürgers

    Ein Lebensroman in Fortsetzungen: der dritte Band der walserschen Tagebuch-Edition. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Wenn es denn Zufall wäre, so hätte Martin Walser mehr Glück als Verstand gehabt. Denn der dritte Band seiner unter dem Titel Leben und Schreiben von ihm publizierten Tagebücher, der die Jahre 1974/78 umfasst, kam justament kurz vor Marcel Reich-Ranickis 90. Geburtstag heraus. Im März 1976 war jener folgenreiche Verriss von Walsers Roman Jenseits der Liebe in der FAZ erschienen, mit dem M.R.-R. den damals politisch mit der DKP flirtenden 49-jährigen Schriftsteller durch einen maßlosen verbalen Vernichtungsangriff zur „Raison“ bringen wollte. Als Walser ein Jahr später in kurzer Zeit seine Novelle Ein fliehendes Pferd verfasst hatte, von der er selbst bemerkte, sie sei „ohne Sprache“, schrieb sich der FAZ-Kritiker deren Qualität als Erziehungs-Ergebnis seiner politischen Disziplinierung zugute, druckte sie in der FAZ vorab und lobte das Prosastück derart ungerechtfertigt über den grünen Klee, wie er den Roman Jenseits der Liebe ebenso ungerechtfertigt als „unleserlich“ abqualifiziert hatte.

     

    Kurzum: Mit seinem dritten Tagebuchband kann der 83-jährige Schriftsteller sich nun noch einmal der literarischen Öffentlichkeit als Opfer des 90-jährigen Kritikers präsentieren, der ihn sowohl existenzbedrohend in die Hölle verstoßen als auch in den (Bestseller-)Himmel erhoben hatte. „Ich werde nichts schreiben gegen R-R und J. Kaiser“, dessen negative Kritik in der SZ Walser als noch bösartiger empfand. Und er fährt fort in seinem diaristischen Selbstgespräch: “Jetzt nicht. Es hieße, deren Vergnügen mit mir zu verlängern, wenn ich mich jetzt zu wehren suchte. Das Schwerste ist dieses Stillseinmüssen. Aber ich habe es doch gelernt. In der Fiktion kann ich mich ja der Herren erinnern. Aber alles Unmittelbare unterbleibt. Ich bin der Unterlegene. (...) Wenn ich´s noch nicht gewesen wäre, hätten die mich dazu gemacht.“

     

    Rund ein Vierteljahrhundert hat „der Unterlegene“ stillgehalten, dann aber mit der Fiktion seines satirisch gemeinten, jedoch antisemitisch unterfütterten Tod eines Kritikers sich „zu wehren versucht“. Autor & Buch provozierten jedoch damit 2002 einen Skandal, in dessen Verlauf  Walser seinen angestammten Verlag verließ, dessen Verleger Unseld während der Publikation gestorben war – ungeklärt, ob der Moribunde den Fall des Duzfreundes noch mitbekam. Seither hat Martin Walser sowohl für seine zahlreichen späteren Romane als auch für die Edition seiner Tagebücher bei Rowohlt eine neue Heimat gefunden.

     

    Es ist schwer vorstellbar, dass  Siegfried Unseld die intimen diaristischen Konfessionen, Sottisen und Ressentiments Martin Walsers in der nun vorgelegten Form publiziert hätte. Denn die erotischen Eskapaden des Verlegers, die Unseld seinem Kumpel (mit dem er ja auch einmal eine Geliebte geteilt hatte) freimütig mitteilte, präsentiert der Überlebende nun seinen Lesern ebenso klatschsüchtig, wie die offenkundig sich ankündigende Trennung des selbstherrlichen Unseld von seiner ersten Frau Hilde, deren Zeuge der Hausfreund Walser wird.

     

    Warum hat sich Martin Walser überhaupt dazu entschlossen, aus der Geheimbibliothek seiner jahrzehntelangen Selberlebensbeschreibungen & intimen Selbstgespräche in Zweijahresabständen historisch fortlaufend literarische Konzentrate zu publizieren? Schon während er nach dem Ansehensfiasko von Jenseits der Liebe (das ein finanzielles aber nicht war!) sowohl an seinem neuen Roman Seelenleben als auch an der Novelle Ein fliehendes Pferd arbeitete, notiert er: „Zwei Eisen im Feuer. Ich will jetzt immer zwei Sachen fast gleichzeitig haben. Und erst, wenn sie mir dann auch die zweite wieder aus der Hand geschlagen haben, bin ich völlig am Boden“. Also: Überlebensstrategie eines Autors, der im Aufmerksamkeits- & Rezeptionsroulette auf zwei Plätze setzt, um seine Gewinnchancen zu optimieren.

     

    Hausmarke aus literarischem Eigenanbau

    Die süffige Destillation aus bereits mehr als ein Generationsalter abgelagerten autobiografischen Stoffen erschließt dem Autor eine leicht herstell- & verwertbare zusätzliche Erwerbsquelle. Walser kann so, zwischen seinen Romanen Eigenes wiederkäuend, das Publikum mit hausgemachtem biografischem Futter leichthin bei der Stange halten. Wann, wenn nicht jetzt im hohen Alter, könnte er nutz- & honorarbringender die vollen Lager seines von ihm selbst fixierten & filtrierten Lebensromans portionsweise ausräumen – und sich dadurch (sein Lebenstrauma!) kontinuierlich im öffentlichen Gespräch und der publizistischen Wahrnehmung halten?

     

    Gewiss hat Martin Walser sich auch an gleichaltrigen Kollegen wie Walter Kempowski & Peter Rühmkorf  ein Beispiel genommen, die mit ihren Tagebuch-Editionen dem publizierten Oeuvre einen neuen „Kick“ gegeben hatten. Sie haben sich damit gewissermaßen neu „erfunden“ - als „Dichter zum Anfassen“, die den Offenbarungseid der Authentizität leisten, und sich und ihre private Existenz in einem großen Kehraus öffentlich exhibieren.

     

    Nachdem der scheue Walser jahrzehntelang sein Privatissimum verschlossen gehalten und das Eigenste  „bloß“ in fiktiven Figuren (von Anselm Kristlein bis z.B. Xaver Zürn) imaginiert & ausagiert (und vor allem: sich als Person geschützt) hatte, tritt deren bislang diskret gebliebener Autor nun narzisstisch als sein eigener Held vor uns auf. Das 20. Jahrhundert sei „das des Kleinbürgers gewesen, der sich verleugnet“, notiert er 1976, „das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert des sich bejahenden Kleinbürgers sein“. Pünktlich zu dessen Beginn hat der bekennende Kleinbürger Martin Walser seine Kontobücher geöffnet, in denen er über Leben und Schreiben des Schriftstellers, Lesereisenden, verschuldeten Hausbesitzers und Vaters „dreier Kinder in der Ausbildung“, der nicht wie Böll und Grass über „enorme Geldreserven“ verfügt, ausführlich & detailliert seiner Leser-Kundschaft berichtet.

     

    Sei´s, dass er – nach den späten „Skandalen“ seiner Karriere – „nichts mehr zu verlieren“ hatte, sei´s, dass er seinem Lesepublikum sich als „Ecce Homo“ sympathieheischend präsentieren wollte (wie Kempowski/Rühmkorf): - jedenfalls ist Walsers Tagebuch-Edition  das zugleich wagemutigste wie exhibitionistischste Unternehmen seiner gesamten literarischen Karriere. Denn sie erlaubt dem Leser einen solchen intimen Einblick in die Psyche, Denkweise und Emotionalität des Autors, dass die Lektüre, die Walser ja von sich aus zur Besichtigung freigegeben hat, einer Vivisektion des Autors als menschlichem Subjekt in allen seinen Widersprüchen gleichkommt. Das ist ebenso riskant wie schamlos und verdankt sich wohl Walsers gesprächsweise des öfteren in den späten Neunziger Jahren erwähnten Nietzsche-Lektüre.

     

    Mit dem symbolträchtigen Bild des trinkenden Dichters, der den Abend des 7. Januar 1974 allein mit einer Flasche Macon verbringt und dabei das Glas „ca. drei Stunden“ in der Hand hielt, „ohne es je abzusetzen oder an die Wand zu werfen“, beginnt das – wie immer von Kugelschreiber-Kritzeleien durchschossene – dritte Diarium.

     

    Der Anpasser und seine Verwandtschaft von Ja & Nein

    Offenbar brütet der Autor über sein damaliges existenzielles Dilemma: „Der Anpasser beschließt, sich jetzt nicht mehr anzupassen“. Er will endlich er selber sein, macht das Gegenteil von dem, was man von ihm erwartet, bis er bemerkt, dass er damit mitnichten tut, was er will, sondern nur reflexhaft & immer noch fremdbestimmt einzig das Gegenteil dessen tut, was man von ihm erwartet.

     

    Mit einer diese verrückte Situation aufgreifenden wie sie neutralisierenden Bemerkung „Über die Verwandtschaft von Ja und Nein“ schließt  Walser sein drittes Tagebuch am 25. 12. 1978: „Selbst auf die Gefahr hin, geistreich erscheinen zu wollen, gebe ich jetzt zu, dass ich seit langem an nichts so sehr zweifele wie an dem Wesen der Gegensätze“. Was mit der Selbst-Erkenntnis eines bloß störrischen Reflexes der bestimmten Negation beginnt und damit die freie Entscheidung, selbständig zu sein, verfehlt, endet in der Selbstpazifisierung, wonach Gegensätze nicht wesentlich seien – und dem (kurz zuvor geäußerten) Wunsch: „Ich möchte aus Marmor sein, so verschwiegen. Und wenn sie mich schliffen, glänzte ich. Hart, kühl und unbeweglich möchte ich sein“.

     

    So oft er im Laufe der vier Jahre auch seinen Wunsch wiederholt, sowohl schweigen oder verschwinden als auch teilnehmen oder zustimmen zu können, so kontinuierlich protokolliert er doch nur sein Versagen: „Aufmotzen notier ich auch. Aufmotzen und Versagen bzw. Versagen und Aufmotzen, das sind meine Lebensinhalte“.

     

    In diese geistig wie materiell ungesicherte, von Verlag, Kritik und Veranstaltern vollkommen abhängige Existenz(weise) des Freien Schriftstellers schlägt das mörderische Verdikt Reich-Ranickis mit dem Titel „Jenseits der Literatur“ wie eine Bombe ein. Martin Walser hatte sich schon zuvor als Autor begriffen, der „Misserfolg im Geschäft UND in der Kritik“ hat. Auch verstand er sich politisch & literarisch mit seinem intimen Verlegerfreund & FDP-Sympathisanten gar nicht mehr; er bemerkt, wie „Siegfried“ (Unseld) sich mehr Max Frisch, Uwe Johnson, Peter Handke und Thomas Bernhard zuneigt als ihm, dem alten Freund aus den frühen Zeiten des Verlags. Der empörte & verunsicherte Autor von Jenseits der Liebe mutmaßt sogar, der FAZ-Kritiker handele im Einvernehmen mit Unseld; Günter Grass und die Familie Habermas bestätigen ihn sogar in seinem Verdacht eines Frankfurter Komplotts.

     

    Der Ohnmächtige alleingelassen mit seinem Niederlagegefühl

    In der Tat hatte der Verlag werblich wenig für das Buch getan, von dem Unseld ja auch nur knapp nach der Manuskriptlektüre bemerkt hatte, er habe es „gerne gelesen“. (Zwei Jahre später wird Walser von einem  Buchhändler erfahren, dass sein Verlegerfreund, der ihm 12% für die Hardcovers und 4,5–6% für die Taschenbücher bezahlt, anderen Autoren 17, 18 bis 20% für Hardcover und 10% für Taschenbücher bezahlt.) Und als der wütenden Walser, der auch noch am Tag des Erscheinens des FAZ-Verrisses im Frankfurter TAT aus seinem „Sauspiel“ lesen muss, einen Offenen Brief an den Kritiker & einen an die Buchhändler mitbringt, die er auf der Zugreise vom Bodensee nach Frankfurt am Main verfasst hatte, werden ihm beide Gegenwehren vom Verleger ausgeredet, dessen Ehefrau esoterisch dafür das I-Ging befragt – bis sich die Suhrkamp-Gesellschaft anderen Themen zuwendet, während Walser in ihrer Mitte sich mit seinem „FAZ-Kummer“ allein gelassen und peinlich berührt fühlt, als würde jemand auf seiner Beerdigung lachen.

     

    Das „Niederlagegefühl“ des Ohnmächtigen, der sich öffentlich zurückhalten muss mit seiner Wut & Angst, sich aber im Tagebuch austoben kann („Ich spüre ein Recht darauf, diesen Herrn ein für allemal zu hassen. Ich wäre immer noch fähig und bereit, ihm ins Gesicht zu schlagen“), hält lange an. Es helfen auch briefliche Solidaritätsbekundungen von Lattmann, Zwerenz, Astel und Timm wenig. Es sind politische Weggenossen, die literarischen im eigenen Verlagshaus (z.B. Frisch, Johnson, Enzensberger) schweigen. Lesereisen – auch ins Ausland nach Frankreich, Österreich, Japan und mit der Familie in die USA – und Treffen mit Kollegen in der Berliner Akademie oder auf Suhrkamp-Veranstaltungen (wozu er sich von Siegfried „erpresst“ sieht) mildern ein wenig das Gefühl der Existenzbedrohung, das häufiger zu Selbstmordgedanken ausschweift. Aber: „Ohne meine Familie bin ich sofort nichts. Diese Familie, diese Konzentration der Hilfsbedürftigkeit gibt mir jeden Tag die Kraft“.

     

    In diese Zeit, die er als „absoluten Tiefpunkt der beruflichen Laufbahn“ empfindet, fallen aber auch seine ersten Gedanken über sein „gestörtes Verhältnis zur Realität“. Es habe etwas damit zu tun, dass er Deutscher und Jahrgang 1927 sei. „Unsere nationale Realität ist gestört“ und deshalb fehle ihm, im Hinblick auf  BRD & DDR „Vertrauen“. Als „Kleinbürger“, der mit seinesgleichen sozialer Klasse nichts zu tun haben will, weil sie seinen (sozialistischen) Hoffnungen, Bedürfnissen & seiner Sehnsucht entgegenstünden, sei er aber sehnsüchtig nach „Verbindlichkeit“ und „Vertrauensseligkeit“. Es sind Begriffssehnsüchte, die in Walsers öffentlichen Reden und seinen Essays auftauchen und annoncieren, dass der Gefühls-Sozialist „Deutschland“ mit der Seele sucht, wie Hölderlin einst Griechenland.

     

    Merkwürdiger aber noch sind rätselhafte Beschwörungen und Ängste wie: „Ich darf nicht so sein, wie ich will. Wenn ich mich nicht beherrsche, brechen aus mir sofort mit lächerlicher Gewalt alle Meinungen heraus, die man mir je verboten hat.“ Oder im gleichen Sinne: “Ein Recht beanspruchen, dass das eigene Bewusstsein sein dürfe, wie es jetzt, nach allem, mehr unwillkürlich als willkürlich geworden ist. (...) Also keine Kritik, keine Verdammung der eigenen Neigung mehr. Zustimmung zur bisher ununterbrochen bekämpften Neigung. Ein plötzliches Zulassen jahrelang bekämpfter, immer auf Einlass drängender Gedankengespenster, Meinungsmonstren. Das hieße aber, noch verschwiegener sein. Ich dürfte keinem sagen, was ich wirklich denke.“ Warum diese Verschwiegenheit? „Ich wollte ein Posten sein des Fortschritts, der Annäherung an die Humanität. Ich lebte im gespanntesten Zustand. Jetzt, müde, kapitulierend, wäre ich im Handumdrehen besetzt von jeder Barbarei der Vergangenheit“.  Das sind Passagen, die er später in seinem Essay „Händedruck mit Gespenstern“ als Beleg für seine „linken“ Gewissensqualen im Laufe seiner national-deutschen Wendung zitieren wird.

     

    Ein Walser nach Reich-Ranickis Geschmack

    Während er die Apotheose des Kleinbürgerbewusstseins, seinen Chauffeursroman Seelenleben überarbeitet und dessen Helden den Mord an seinem Chef unterlassen lässt, hat er in 14 Tagen eine Novelle geschrieben, deren Schwächen er sieht, weil durch die Eile manches nicht ausgeführt worden sei. „Warum überhaupt eine Novelle?“, fragt er sich; und antwortet: „Auch aus Angst“ –  nämlich wieder erfolglos mit dem ambitionierten Roman zu sein, der dann auch erst ein Jahr nach der Novelle veröffentlicht wird. Wenn Walser notiert, dass „die Novelle ohne Sprache“ sei – also ohne den Humus  seiner künstlerischen Phantasie, die immer aus dem Sprachkörper metaphorisch-assoziativ hervorkam –, so sei doch Ein fliehnedes Pferd sein „erster Versuch, durch sogenannte Komposition Bedeutung zu scheffeln. Auch darüber habe ich früher gelacht. Ich werde noch alles tun, worüber ich früher gelacht habe“, bemerkt er mit bitterer Ironie. Denn der „roman fleuve“, mit dem Walser seine einzigartige Spracherotik & -phantasie entfalten konnte, hatte nie „mit Komposition Bedeutung gescheffelt“.

     

    Es ist aber eben dieses traditionelle realistische Erzählen, das der Lukacsianer Reich-Ranicki seit 20 Jahren bei dem großen Autor der Anselm-Kristlein-Trilogie vermisste. Fortan wird Walser, von seinem Kritiker-Quälgeist dazu animiert, „alles tun, worüber“ er „früher gelacht hatte“ – und zu einem Erfolgsautor werden: je oller, desto doller.

     

    Martin Walsers dritte Tagebuch ist deshalb so aufregend, aufschlussreich und bewegend, weil es diesen wahrhaft schwachen Menschen und schwankenden Charakter, der sich über sich selbst und sein prekäres Verhältnis zur ihn immer wieder überwältigenden Welt, im gewiss tiefreichendsten & folgenreichsten Moment seiner literarischen Karriere ebenso authentisch abbildet - wie er hier auch seine damit zusammengehende persönliche, politische & literarische Wendung in statu nascendi dokumentiert.

     

    Erwünschtes Selbstporträt in einer Onkel-Hommage

    Die schönsten Passagen dieses Selbstkondensats aus vier aufgezeichnet-ausgewählten Spuren im Lebens- & Schreibensroman Martin Walsers zwischen  1974 und 1978 sind die zweieinhalb Seiten, die er dem Andenken seines „jüngsten Onkels“, des Fußballfans und Reaktionärs Thadee widmet. „Seine Tiraden waren Lippengebete. Er wollte das Gegenteil hören. Er diskutierte immer so, dass weder das, was er sagte, stimmte, noch das, was der andere entgegnete, sondern das, was keiner von beiden sagte. (...) Er wollte nie siegen. Nie unterliegen. Er wollte gelten und gelten lassen (...)“.

     

    Wenn mich nicht alles täuscht, hat Martin Walser diesen persönlichen Nachruf auf einen Verwandten, dem er sich nahe fühlte, seinen Lesern nur deshalb vor Augen gestellt, damit sie darin die Wunschphysiognomie des Autors erahnen möchten. So wünschte er sich, von uns wahrgenommen zu werden. Wenn man alles in allem nimmt, was man mit Autor & Werk in mehr als einem Halbjahrhundert als Leser erlebt & erlitten hat, ist man durchaus geneigt, diesem Wunschbild nicht ganz & gar zu widersprechen.

     

     

    P.S.: Am 19.10.75 berichtet Walser von einem Gespräch in der Frankfurter Akademie der Darstellenden Künste mit einem Peter Eden über Walsers Das Sauspiel. In den Anmerkungen von Jörg Magenau wird über den im Register erfassten „Eden, Peter“ nichts mitgeteilt, was auch schwerlich vorstellbar wäre, weil der fiktive Name gleichsam die amerikanische Umschreibung seines deutschen Namensträgers ist. Peter Iden, damals Kunst- & Theaterkritiker der FR, war Leitendes Mitglied der Akademie. Wahrscheinlich wäre der peinliche Schreibfehler Martin Walsers vom Lektorat korrigiert worden, wenn das Buch statt in Reinbek bei Hamburg in Frankfurt bei Suhrkamp erschienen wäre.

     

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