• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 12:43

    Michael Sailer: Die Verrückten stehen in der Sonne

    19.07.2010

    ,,Das hier sind die Achtziger, Baby!"

    Der Titel macht schon mächtig auf, wirkt groß, bedeutsam und - geheimnisvoll. Um ihn fassbarer zu machen, kehrt man ihn am besten um und käme somit etwa zu: Die Normalos stehen im Schatten, oder so ähnlich ... Von CHRISTOPH POLLMANN

     

    Das zentrale Wort ist „Sonne“. Nur, was bedeutet sie hier? Wofür steht sie, wenn sie wie hier vermutlich metaphorisch gebraucht wird? Glück, Leben, vielleicht sogar Heil?

    Michael Sailer erzählt in seinem knapp 200seitigen Roman von einer Münchner Film- und Musikertruppe. Und so steht die Sonne natürlicherweise auch für das Scheinwerferlicht und den beruflichen Erfolg. Der wird sprachlich schnell genug als Erfolg (und Befriedigung!) des Ego entlarvt. Denn um permanent berauschtes Egotum geht es hier. Keine Seite auf der nicht gesoffen, gekifft oder gesnifft wird – keine!

    Was manchem vielleicht schnell auf die Nerven geht, entpuppt sich aber bald als sehr bewusst gespielter Zug in der Sailerschen Erzählstrategie. Man wundert sich über die Drogenquanten, man moralisiert, man bemitleidet, man mag heimlich sogar mittun wollen – aber immer bleibt eine Frage übrig: Wohin? Und dieses Wohin bezieht sich sowohl auf die Figuren als auch auf den Roman, der vielleicht auch noch als Erzählung durchgehen könnte oder sogar eine sehr lang geratene Kurzgeschichte. Was ihn jedoch zweifelsohne als Roman auszeichnet, ist der unbedingte Wille, ein Panorama zu zeichnen, eines von Münchner Endzwanzigern auf radikalem Bohèmetrip.

     

    Ein kleines Erzählwunder

    Der Zeitraum der Ereignisse: ein paar Wochen, zwei Monate. rhythmisiert durch sechs Kapitel. Das siebte ist das nichtgeschriebene, die Zeit der Pause und der Besinnung, nach der großen Besinnungslosigkeit. Fast biblisch, eine seelische Erschaffungsgeschichte.

     

    In all dem Suff und Kiff versieht aber erst der Koitus die immergleich scheinenden Tage mit dem  Stempel des Erfolgs und einer vagen Sinnhaftigkeit. Moment: Immergleich? Geht es denn nicht um Kreative, Intellektuelle, auf dem Höhepunkt ihrer Vitalität und Schaffenskraft? Vordergründig ja, und an diesem Vordergrund arbeitet sich Michael Sailer auch ab. Er stellt ihn dar, schonungslos, lässt uns dabei sogar zum voyeuristischen Teilhaber werden. Aber man kann´s verraten: Das Immerneue verkommt mehr und mehr zum Immergleichen, das nur vorgeblich das Besondere und Einmalige ist.

     

    So sehr sie tagtäglich weggefickt und wegesoffen werden soll, die Sinnfrage kommt mit Gewalt. Und so könnte man dem Roman natürlich vorwerfen, er nehme nur mächtigen Anlauf zu einer recht übersichtlichen Moral, so verfehlt ist dieser Vorwurf doch, weil Michael Sailer ein feines Gefühl dafür hat, wie weit er den Bogen spannen muss, damit der Pfeil wirklich trifft. Und zwar wohin? Sie ahnen es – tatsächlich ins Herz!

     

    Und das ist dann tatsächlich ein kleines Erzählwunder: Denn die Zynik des Beginns beheimatet am Ende tatsächlich den Keim der inneren Wende, die jedoch überhaupt nicht moralisch konstruiert daherkommt und zeigefingerlang, sondern schockhaft echt!

     

    Und so erkennt man schließlich als Leser, dass doch schon sehr früh vom Sterben die Rede gewesen ist. Und man erkennt zudem, dass all die so prall mit Leben gefüllte Zeit nichts anderes war als Stillstand. "Wir sollten die Zeiger festkleben", sagt Mojo, der Ich-Erzähler, der sich selbst als wandelnden Rausch bezeichnet. "Oder einfach sterben, das ist dasselbe", antwortet sein Freund David darauf.


    Flattr this

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter