Eva Hornung: Dog Boy
12.07.2010
Das Dunkel der Peripherie
Ein stinkender, ekelhafter und zarter Einblick an den Rand Moskaus. Von JAN FISCHER
Romolus und Remus ließen sich säugen an den Zitzen einer Wölfin, und bauten dann mal eben Rom, aber Romoschkas Moskau ist schon gebaut, und besonders hübsch ist es nicht. Wenigstens nicht am Rand, da, wo die verfallenen Hochhäuser zwischen den Müllbergen stehen, an denen die Obdachlosen leben. Der vierjährige Romoschka lebt da, oder besser: lebte. Denn eines Tages lässt ihn sein Onkel allein, und Romoschka macht sich auf die Suche: Nach Wärme, nach Essen, nach irgendwas, was nicht Alleinsein ist. Er findet es bei einer wild lebenden Hundefamilie, deren Leithündin gerade geworfen hat. Eine Zitze hat sie noch frei, und die überlässt sie Romotschka, der daraufhin mit den Hunden lebt, ihre Körpersprache und ihre Laute lernt, schlussendlich dann von einem Jungen zum Hund wird, der die Herzen und die Leber von erlegten Tieren roh frisst, und genüsslich das Fleisch von ihren Schädeln lutscht.
Zwei bittere Pointen
Eva Hornung zieht Romoschkas Leben langsam größer: Der Junge wird, so einfühlsam und zart sie ihn auch begleitet, am Ende zum Symptom einer Gesellschaft, an deren Rand die Armen und Ausgetoßenen menschenunwürdig leben, vor allem aber sterben: Romoschka richtet sich sein neues Leben ein zwischen all denen, deren Lebensgrundlage der Müllberg ist. Und schlecht getroffen hat er es nicht, besser jedenfalls, als die Menschen rund um den Müllberg, die sich wegen des geringsten Anlasses gegenseitig umbringen: Romoschkas Hunderudel ist klein, aber jeder sorgt für den anderen, teilt sein Futter mit den anderen, und wenn einer aus dem Rudel bedroht wird, kämpfen alle. Das ist die eine bittere Pointe Hornungs: Dass die Hundegesellschaft menschlicher ist als die der Menschen.
Die andere Pointe ist nur für Romoschka bitter: Denn so sehr er Hund wird, so sehr er zu dem Tier wird, das - gleich dem Müllberg am Rand Moskaus – am Rand des Menschlichen lauert, Romoschka kann doch nicht verleugnen, dass er ein Mensch ist. Eine der verspieltesten und schönsten Szenen ist, als Romoschka mit seinem Adoptivbruder Welpe - ein Menschenbaby, dass die Leithündin irgendwo aufgetrieben hat – aus weggeworfenem Spielzeug eine Stadt baut. Die beiden sind aber nicht Romulus und Remus: Das eigentliche Spiel besteht darin, die Stadt zu zerstören. Die zweite bittere Pointe Hornungs ist: Der Mensch ist zum Menschsein gewungen, vielleicht sogar verdammt.
Dreck am Stecken - alle!
Das Wunderbare an Dog Boy ist Eva Hornungs Sprache, die sich unaufgeregt und zart über den ganzen Dreck, den Ganzen Gestank, die ganze Ekelhaftigkeit des rohen, gejagten, vor Kälte noch dampfenden Fleisches legt, die sich aber gleichzeitig auch fern von Sozialkitsch und Moralisierungen hält: Alle Menschen, die auftreten, müssen auf die eine oder andere Art um ihr Überleben kämpfen, und egal wie man es dreht und wendet: Ihre dunklen Geheimnisse haben sie alle. Immer kurz bevor Dog Boy mit seiner kristallin-brutalen Sprache zu einem Bruce-Springsteen-Song voller Romantisierungen über die Armen und Ausgetoßenen wird, dreht Hornung ab, und zeichnet langsam, aber sicher ein Portait des dunklen Randes von Moskau, wo der Unterschied zwischem Mensch und Tier verschwindet.
Das Wunderbare an Dog Boy ist auch, dass es kein trostloser Roman ist: Obwohl alle Dreck am Stecken haben, obwohl alles entweder ekelhaft und dreckig oder verlogen ist, und obwohl Hornung Romoschka als Symptom für eine gesellschaftliches Problem ins Rennen schickt, vergisst sie nicht das Menschliche am Menschen, und das Menschliche ist es am Ende auch, mit dem sie ihre Geschichte auflöst: Die Unschuld mag verloren sein, aber das heißt noch lange nicht, das alles trostlos ist.

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