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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 00:42

    Arno Geiger: Alles über Sally

    31.05.2010

    Don´t Look Back in Anger

    Es gibt viele, sehr viele Lieder, über die Liebe aber wenige, fast keine über die Ehe. Würde man Arno Geigers Romanfigur Sally auf diese Tatsache ansprechen, würde sie wahrscheinlich sagen: Kein Wunder! Wenn man jung ist, denkt man ja an Liebe, nicht an Gewöhnung. Von SIMONE SCHRÖDER

     

    Seit mehr als zwanzig Jahren ist Sally mit Alfred verheiratet und fühlt sich zunehmend von dessen „Mentalität des Bewahrens“ beeinträchtigt. Ins Museum, wo Alfred arbeitet, passt sie, zu Hause aber ist sie störend. Alfred dagegen „fand es verlockend, wenn ihm etwas vertraut war oder zur Gewohnheit wurde; und natürlich kroch das ins Liebesleben“. So wirkt es nur konsequent, dass Sally, als sich die Gelegenheit bietet, eine Affäre mit Erik, dem Mann der Nachbarsfreundin, anfängt. Alfred und Erik, das ist, als würde man einen rappeligen Opel Ascona neben einen polierten Jaguar E-Type stellen. Der eine Mann mit Stützstrumpf und Altersmacken, der andere karrierebewusst und ziemlich glatt. Was Sally an Erik gefällt, ist klar: Erik ist im Bett aufregend anders als Alfred. Vielleicht liegt es am Hotelzimmer, in dem sie sich treffen, vielleicht an der ungewohnten Fremdheit beim Sex. Aber obwohl Geiger den Erik-Episoden einigen Platz einräumt, ist die Affäre nicht das eigentliche – im doppelten Sinne – Herzstück des Romans. Vielmehr ist der Nukleus, um den sich alles entspinnt, die Art und Weise, wie Sally denkt und fühlt. Dabei wird in der Tradition der großen Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts die Innenschau einer facettenreichen Frauenfigur entwickelt, in deren Bewusstsein die Schauplätze, Figuren und Geschehnisse einfließen

     

    Child in Time

    „The times they are a-changin’“, sang Bob Dylan 1964. Sally steht für jene Generation, die groß geworden ist in einer Zeit, da die Bürgerlichkeit zur Zielscheibe von linkem Spott wurde und die Figur der in der Mutterrolle aufgehenden Frau durch Literatinnen wie Simone de Beauvoir oder Christine Rochefort dekonstruiert wurde. Dass Sally ein Kind der 1960er- und 70er-Jahre ist, zeigt sich besonders in der Schule, wenn die Lehrerin wie ein weiblicher Sisyphos gegen die leistungsorientierte Angepasstheit ihrer Schüler anredet: „Wenn jemand Überzeugungen hat und bereit ist, sich für diese Überzeugungen der Lächerlichkeit auszusetzen, ist das eine Haltung, die moralischen Wert besitzt. Hingegen besitzt es allenfalls ökonomischen Wert, wenn jemand immer der Mehrheit gefallen will, wie bei den Talentshows, die ihr euch anseht. Die Wirtschaft versucht, uns alle dorthin zu bringen, dass wir für Fernsehen, Telefonieren, Kalorien, Sex und Leistung leben. Und wenn genug Leute mitmachen, dürfen sie sich als normal empfinden. Alle anderen sind nicht normal, die stehen in den Augen der Mehrheit als Trottel da.“

     

    Um sich vorzustellen, dass ihre Reden bei den Schülern nicht auf fruchtbaren Boden stoßen, braucht es nicht viel Fantasie. Es ging Arno Geiger zum Glück nicht darum, einen Diskursroman zu schreiben. Raum für Gesellschaftskritik besteht, doch der Text geht darüber hinaus, er ist dann am stärksten, wenn er etwas zum Ausdruck bringt, was man als „Wahrheit“ bezeichnen könnte. Gerade der Umstand, dass er die Gegenposition zum Emma-Frauenbild miterzählt, ohne sie zu diffamieren, macht den Roman so gelungen. Sally ist kein Schablonencharakter, wie der Blick unter die Oberfläche der linken, autonomen Frau offenbart, die eben noch mit der Tochter telefoniert, in der Mittagspause ins Hotel mit Erik geht und sich am Abend auf ein Glas Wein mit dessen frustrierter Frau trifft. Alles über Sally schält aus der linken Sally eine weitere Sally heraus, die sich nach traditionellen Geschlechterrollen und Sicherheit sehnt. „Die Küche gehört mir!“, ruft Sally, als Alfred einmal mit den drei Kindern einen Tunnel für die Modelleisenbahn vom Wohnzimmer durch die Wand bohren will. „Spätestens damals hatte sie begriffen, dass Wohnen etwas Emotionales ist und dass sie mit ihren Gefühlen weit weniger links stand als ideologisch. Von da an hatte sie gewusst, Gefühle sind konservativ, sie verändern nicht die Welt.“ Im Jahr 2010, in Sallys und unserer Zeit, werden Bob Dylans frühe Lieder im Schulunterricht gesungen. Manches hat sich geändert, vieles ist gleich geblieben und so schwingt in diesen Zeilen ein ganz anderer Subtext mit – dennoch ist der Roman von einem leichten, ironischen Ton geprägt, ohne nostalgisch zu werden.

     

    So I start a revolution from my bed

    Sally erinnert sich gerne, aber sie trauert dem Jahr 1977 nicht nach, in dem Alfred und sie sich in der staubgesättigten Hitze Ägyptens kennenlernen. Er sammelt auf Kairos Märkten historische Gegenstände fürs Museum, sie arbeitet dort für das österreichische Kulturinstitut. In einer schäbigen Wohnung haben sie aufregenden Sex und schmieden Zukunftspläne. Wieder zurück in Österreich folgen die Heirat, der Einzug ins Reihenhaus in einem Wiener Vorort und drei Kinder. Alfred erhält eine feste Anstellung im Museum, Sally wird Lehrerin und muss bald erfahren, wie sich das neue Umfeld auf ihre Lebensweise auswirkt. Der Lehrerberuf und ein Leben jenseits der bürgerlichen Norm vertragen sich nicht. Mit der Sicherheit, die das Lehrerdasein qua Beamtenstatus verspricht, werden die Weichen zugleich in Richtung einer bürgerlichen Existenz gestellt. Ist der Zug erst einmal auf diesem Gleis, kann er nicht wieder zurückrollen. Wenn Sally mit Mitte fünfzig Bekannte in ihrem Alter trifft, die ihren Wein aus „mundgeblasenen Gläsern“ trinken, dann überkommt sie „ein drückendes Unbehagen, deplaziert zu sein“. Da bietet die Affäre mit Erik zumindest eine Möglichkeit, den Beweis gegen die eigene Spießigkeit anzutreten. Als die Beziehung zu Erik jedoch eine unerwartete Wendung nimmt, ist auch das nicht mehr möglich.

     

    Don´t look back in anger

    Am Ende des Romans – Alfred und Sally sitzen nach den Weihnachtsfeiertagen auf dem Sofa, der Weihnachtsbaum verliert die ersten Nadeln, von draußen drückt sich Neuschnee gegen die Fensterscheiben – stellt Sally fest: „Schade, dass unser Angriff auf das bürgerliche Leben kaum zehn Jahre gedauert hat.“ Ein wenig Melancholie schwingt in diesen Sätzen mit, doch Sally wirkt nicht unglücklich, eher pragmatisch, wie die Sally, von der bei Oasis die Rede ist: „And so Sally can wait, she knows it’s too late, as we’re walking on by. Her soul slides away – but don’t look back in anger, I heard you say.“ Und weil sie eine so vielschichtige, widersprüchliche und dennoch liebenswerte Figur ist, mag man Arno Geiger die Bürgerlichkeit des Schlusssatzes nur zu gerne nachsehen, ist es letztlich die bittere Wahrheit, wenn Alfred sagt: „Ich glaube […], dass sich neue Ansätze, wenn sie brauchbar sind, immer verbürgerlichen. Wie sich auch, was weiß ich, der Surrealismus verbürgerlicht hat. Oder Mick Jagger.“

     

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