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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 08:50

    Richard Yates: Ruhestörung

    31.05.2010

    Scheitern an der Normalität

    John Wilder, amerikanischer Durchschnittsbürger und Familienvater mit gesichertem Einkommen, will mehr. Mehr Drinks und mehr vom Leben. Doch seine Träume verwandeln sich in einen einzigen Albtraum. Der atemberaubende Einblick in die Psyche eines Alkoholikers auf dem Weg nach unten. Von TOM ASAM

     

    Im Dezember 2008, fast ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen des Buches, fand sich Revolutionary Road, das Debüt von Richard Yates, auf der Bestsellerliste der New York Times. Die kurz darauf erschienene Verfilmung von Sam Mendes machte den Namen des Autors weltweit einem breiteren Publikum bekannt. Erstmals seit 1997 in Titanic sah man Di Caprio und Kate Winslet gemeinsam in den Hauptrollen eines Filmes auf der Leinwand. In den USA gilt Yates, der mit dem 1961 erschienenen Revolutionary Road zwar einen Achtungserfolg erzielte, im Lauf der Jahre aber zunehmend in Vergessenheit geriet, mittlerweile zu den Großen Autoren des letzten Jahrhunderts. In Deutschland erschien der Roman unter dem Titel Zeiten des Aufruhrs 2002 in der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA). Nach weiteren Romanen und Erzählbänden folgt nun im gleichen Verlag Ruhestörung (Disturbing the Peace, 1975).

     

    As John get´s wilder

    Hunderte von Gründen gebe es dafür, so John Wilder am Telefon zu seiner Frau, dass er nicht nach Hause kommen könne. Einer dieser Gründe etwa sei eine PR-Frau, die er auf seiner Geschäftsreise fünf Mal gevögelt habe. And John get´s even wilder! „Willst du es wirklich wissen, Schatz? Weil ich Angst habe, dass ich euch umbringen werde, deswegen!“ Diese Äußerung stört nicht nur endgültig eine Ruhe, die John lange schon nicht mehr in sich spürt, sondern sorgt auch dafür, dass er im Bellevue landet, einer berüchtigten Psychiatrischen Klinik in New York,. Und da das Ganze am Freitag des Labor-Day-Wochenendes geschieht, dauert es Tage, bevor er einen Psychiater zu Gesicht bekommen wird. Dafür mit Auswurfshäufchen übersäte Flure, stinkende Latrinen, eine heruntergekommene Gemeinschaftsdusche und eine Nische mit Matratzen, die Abspritzecke genannt wird. Und natürlich bekommt er die Patienten – oder sollte man angesichts der Zustände sagen: Insassen? – zu sehen. Gänge „überfüllt mit Männern jeden Alters, von Halbwüchsigen bis zu Greisen, Weißen, Schwarzen und Puerto Ricanern ...“ Mister Spivack, im früheren Leben selbst erfolgreicher Mediziner, ist der Wortführer und hält sich selbst für einen, wie er es nennt, „politischen Gefangenen“.

     

    Um sich herum macht er vor allem psychopathische Kriminelle und „Männer im fortgeschrittenen Stadium des Irrsinns, verursacht durch Geschlechtskrankheiten und Alkohol und Drogen“ aus. Und Spivack ist normal genug, um zu erkennen, dass auch bei Wilder Feind Nummer eins der Alkohol ist. Die drastisch-realistischen Schilderungen des Wahnsinns der Menschen und des Systems, dass diese auffangen soll, erinnern an Einer flog über das Kuckucksnest, verfilmt ebenfalls 1975 von Milos Forman.

     

    Griff nach den Sternen

    Nach seiner Entlassung nutzt Wilder jede Gelegenheit, dem gemütlichen Eheleben zu entgehen. Auf Anraten eines Psychiaters schließt er sich den Anonymen Alkoholikern an. Doch schon bald belügt er seine Frau immer öfter, wenn er behauptet, zu einem AA-Treffen zu gehen. Vielmehr nutzt er  jede Gelegenheit zum Ehebruch; er hat sich zu diesem Zwecke sogar gemeinsam mit einem Freund ein kleines Liebesnest in der Stadt eingerichtet. Als er die hübsche und reiche Pamela kennenlernt, scheint seine Stunde gekommen zu sein. Sein alter Traum, Filmproduzent zu werden, rückt in greifbare Nähe. Denn Pamela teilt nicht nur seine Vorliebe für Filme, sie hat auch noch begabte Künstlerfreunde. Und tatsächlich beginnt eine Truppe von jungen Talenten Johns Bellevue-Erlebnisse zu verfilmen – doch es kommt nicht dazu, dass der Film fertig geschnitten wird. Also beschließt John, seine Familie und seinen Job als Anzeigenvertreter hinter sich zu lassen und mit Pamela nach Hollywood zu gehen, um das Filmprojekt auf eigene Faust voranzutreiben.

     

    Absturz

    Der Versuch, mehr als nur ein Rädchen im Getriebe zu sein, führt Wilder ebenso wie das Ehepaar  in Zeiten des Aufruhrs direkt ins Verderben. Wilder hält sich in einem Anfall von Wahn für den Erlöser der Welt, aber weder kann er die Welt retten noch umgekehrt. Er verliert seine Frau, die bei einem Anwalt ihr Glück findet, und auch Pamela: Die wandert zu seinem Rivalen ab, dem ebenfalls alkoholkranken Schriftsteller Pratt. Dieser schreibt Reden für Robert Kennedy und wird so zum Alter Ego von Yates, der auch als Ghostwriter für den Justizminister und späteren Senator tätig war. Und letztlich verliert Wilder auch noch sich selbst im Nebel des Delirium Tremens.

     

    Yates nennt bereits im ersten Satz des Buches das Jahr, in dem die Geschichte angesiedelt ist (1960), in Zeiten des Aufruhrs erfahren wir auch schnell, dass wir uns im Jahre 1955 befinden. Doch seine Psychogramme des Alltagslebens sind nicht nur aufgrund seiner überragenden schriftstellerischen Fähigkeiten auch heute noch von beeindruckender Wucht. Der Traum vom sozialen Aufstieg, der Versuch der eigenen Durchschnittlichkeit zu entkommen sind virulenter denn je. Das Futter für die Illusionen über die Möglichkeiten der persönlichen Traumerfüllung ist in Zeiten scheinbar unbegrenzter digitaler Freiheiten – von täglichem Castinggekasper, schnellen Börsengewinnen und chirurgischer wie biochemischer Körperoptimierung – breiter gestreut denn je. Die Möglichkeiten des Scheiterns ebenso. Und das wohlige Gruseln beim Zusehen des Scheiterns anderer bleibt bestehen, selbst wird man das Ding schon drehen!

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