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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:56

    Erwin Einzinger: Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach

    31.05.2010

    Was das Leben & Lesen so hergibt

    WOLFRAM SCHÜTTE über Erwin Einzingers wunderliches literarisches Kaleidoskop Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach.

     

    Etwas nach der Buchmitte, zu der ein Leser gelangt ist, der sich nicht von dem scheinbaren Wildwuchs kleinteiliger Erzählstücke hat irritieren lassen, trifft man in Erwin Einzingers Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach auf das Kapitel „Kranke Blätter“, wie der Autor „einst ein Tagebuch nannte“, das er nach eineinhalb Jahren abbrach. Er fährt nach dieser Mitteilung fort: „Ein anderer, ebenfalls wieder abgebrochener Anlauf, in welchem es über Länder und Kontinente, über Berge und durch Täler voller wild durcheinandergeschüttelter Einzelheiten aus dem Leben verschiedener Leute ging, von denen sich manche nur so durch den Tag treiben ließen, hieß seltsamerweise >Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach< und sollte unter anderem von der Reise eines jungen Menschen aus dem fernen Afghanistan durch Steppen und Wüsten bis in die Türkei und weiter nach Europa erzählen. Auch Kamele kamen vor.“

     

    Als gerade involvierter Leser des gleichnamigen Romans mit dem geografisch kalauernden, seltsamen Titel könnte man dieser Inhaltsbeschreibung durchaus zustimmen & hinzufügen, dass Erwin Einzinger den sogenannten „Anlauf“ offenbar doch nicht abgebrochen, sondern nach 465 Seiten mit dem Bild eines schweigsamen Kameltreibers abgeschlossen hat, der den „wolligen Höcker“ eines dieser Lasttiere „krault“. Allerdings befinden sich die Reisenden dieser Kamelkarawane von Europa über die Türkei auf dem Weg nach Afghanistan. Aber spielt das denn eine Rolle – in einem Buch bestehend aus zehn Teilen mit an die 150 Kurzkapiteln & dessen erstes Motto aus Jean Pauls Kampaner Tal stammt & lautet: „... in den Gehirnhöhlen der Entenpfuhl ...“ – what ever that means?

     

    Zwar „spielt“ das Buch u. v. a. in Japan und Siebenbürgen, in den Pyrenäen und den Karpaten, im Burgenland und England, in Rostock und in Taschkent, im Kaukasus und im Steiermärkischen Kloster Admont – aber ob man deshalb in dem 1953 geborenen österreichischen Autor einen welterfahrenen Reiseschriftsteller vermuten soll, sei dahin gestellt. Eher kann man sich mit dem Gedanken anfreunden, dieser Erwin Einzinger sei einer aus der Gilde jener Imaginationskrösusse, deren deutscher Stammvater der von ihm zitierte „hinterwäldlerische“ Oberfranke war, der in seinem Titan den Lago Maggiore & in ihm die Isola Bella derart sprachmächtig beschworen hat, dass man annehmen musste, er selbst habe sie besucht & mit eigenen Augen gesehen. Dabei hatte er sie sich nur aus Kupferstichen herbeifantasiert. Ähnlich dürfte sein österreichischer Nachfahre die Rohstoffe seiner Weltreisen „von Dschalalabad nach Bad Schallerbach“ aus zweiter Hand empfangen und sie dank seiner Vorstellungskraft zum Fleckerlteppich seines Romans verwoben haben.

     

    `Roman` ist gut gesagt!

    Inkohärenter dürfte bisher kaum eine längere Prosaarbeit dahergekommen sein, die Anspruch auf das moderne Genre einer episch-kohärenten Erzählung erhoben hat. Ein paar wiederkehrende Themen oder Motive – zu denen auch die von Einzinger erwähnten Kamele gehören, ein Zirkus & ein Auto des Arbeitersamariterbunds oder das von zwei jungen Frauen verfolgte Fotoprojekt, Teppiche in Klos aufzustöbern & zu fotografieren – stiften einen ebenso losen wie überraschenden, zugleich geheimnisvollen wie (erzählerisch) irrelevanten Zusammenhang unter den vielen mitgeteilten seltsamen Erzählungen, absonderlichen Kuriositäten & verstrubbelten Abenteuern.

     

    Von Peter Handke, den Einzinger nur anonym, nämlich als „einen Mann, der in fünf ausgedehnten Wanderungen ganz Spanien zu Fuß durchquert und darüber poetische Reiseberichte verfasst hat“, einmal zu Wort kommen lässt, borgt er sich die narrative Poetik seiner literarischen Exkursionen in die weite & nächste Welt. Der Erzähler als „Vagabund (...) ist zwar ein Mensch guten Willens, aber seine Zeit ist begrenzt und seine Mittel desgleichen. Folglich sind seine Vagabundereien (...) immer ein wenig bruchstückhaft und unvollständig, ein wenig zusammenhanglos und nicht abgerundet. Mehr gibt das Leben nicht her“, schreibt Handke.

     

    Einem Humoristen wie Erwin Einzinger, der an einer anderen Stelle dem geistesverwandten, heute fast ganz vergessenen Richard Brautigan, dem Hippie-Avantgardisten von Forellenfischen in Amerika, einen kleinen Erinnerungsaltar errichtet, „gibt das Leben“ jedoch eine Fülle von Erzählstoffen und Charakteren preis, die er – wie ein märchenhafter Weihnachtsmann seinen Sack voller Geschenke – vor uns staunenden Lesern immer aufs Neue verschwenderisch ausbreitet, so dass wir zum Beispiel zwei fliegenden Mönchen begegnen, einem Japaner auf der Suche nach Strindberg oder Ceausescus Doppelgängern.

     

    Der besondere Reiz von Erwin Einzingers romanesker Vagabondage Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach besteht aber darin, dass er die Erzählungen, Anekdoten & Faits divers „gehörig verknäult und so sehr verwickelt hat, dass sich auch mancherlei Abstruses hineinschwindeln ließ“, worüber wir Leser so ins Grübeln geraten können, wie die Zeitgenossen des Marco Polo über seine Reiseberichte ins Staunen.

     

    Das literarische Kaleidoskop, das der österreichische Erzähler sich dadurch erdreht & erschüttelt hat, steckt also voller Zeichen & Wunder, die uns sein einbildungsstarker Autor ganz nahe vor die Augen stellt – als wären es Erinnerungen, die er unserem Gedächtnis abgerufen hat. Das ist wahrlich: ein starkes Stück!

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