• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 09:59

    Amélie Nothomb: Der japanische Verlobte

    10.05.2010

    Tokio, mon amour

    Japan im Jahre 1989. Eine junge belgische Diplomatentochter trifft auf einen neureichen, einheimischen Französisch-Studenten. Der Beginn einer interkulturellen Liebesbeziehung? Von INGEBORG JAISER

     

    „Meine Poesie hatte stets einen Hang zum Größenwahn.“ Dieser zentrale Satz aus Amélie Nothombs neuem Roman repräsentiert symptomatisch ihr literarisches Schaffen und ihr eigenes Leben. Häufig ist beides eng miteinander verwoben. Die 1967 in Kobe geborene Tochter eines belgischen Diplomaten verbringt ihre ersten Kindheitsjahre in Japan – und es sind ihre glücklichsten. Als sie nach langjährigen Aufenthalten in China, Burma, Laos und New York ein Studium in Brüssel beginnt, wird sie doch stets vom Heimweh nach Japan geplagt.

     

    Mit 21 kehrt sie in das Land ihrer Sehnsüchte zurück, um Japanisch zu studieren und eine Stelle beim Tokioter Großunternehmen Yumimoto anzutreten. Um noch tiefer in die örtlichen Gebräuche und Gegebenheiten einzutauchen, entschließt sie sich zu einem Akt des Gebens und Nehmens. Auf ihre in einem Supermarkt gepostete Kleinanzeige „Französisch-Einzelunterricht, attraktiver Preis“ meldet sich ein einziger Interessent. Doch er ist der richtige.

     

    Verliebt, verlobt, verlassen

    Der 20-jährige Rinri, Spross einer reichen Tokioter Juweliers-Dynastie, spricht ein grottenschlechtes Französisch, erweist sich jedoch sofort als Bilderbuch-Japaner: sanft, höflich, zuvorkommend und mit einem besonders hübschen Nacken gesegnet. Man trifft sich in einem Café im angesagten Viertel Omotesando, beschnuppert sich vorsichtig und beschließt weitere Zusammenkünfte auf privatem Terrain. Rinri, der stets standesgemäß im weißen Mercedes vorfährt, absolviert das komplette Programm eines japanischen Freundes und Liebhabers. Er stellt Amélie seiner widerwärtigen, in einem „Betonschloss“ residierenden Familie vor, präsentiert sie seinen sonderbaren Freunden und arrangiert traditionelle Ausflüge nach Hiroshima, auf den Fuji und auf die Insel Sado. Dort passiert, was abzusehen war: Rinris Heiratsansinnen kann die zutiefst verstörte Amélie gerade noch in eine Verlobung umwandeln, höflichkeitshalber. Dabei findet sie den adretten Jungen einfach nur nett und interessant. Schließlich lässt sich sein Drängen nur noch durch eine überstürzte Abreise nach Europa beenden.

     

    Mit Staunen und Zittern

    Nothombs neuer Roman (wenn man diesen schmalen Band von gut 160 Seiten überhaupt so nennen kann) trägt unzweifelhaft autobiografische Züge. Letztendlich zeigt er die liebenswerte, leichte, private Seite ihrer Zeit in Japan – quasi den Gegenentwurf zur erniedrigenden Schufterei im Großkonzern Yumimoto, die Nothomb in Mit Staunen und Zittern kongenial beschrieben hat. Ihre exzentrischen Spleens treten dieses Mal glücklicherweise in den Hintergrund. So gerät ihr krankhafter Hang zur Anorexie, der überschwänglich in der Biographie des Hungers  (http://www.titel-magazin.de/artikel/5841.html) thematisiert wurde, nun eher zur Projektion. „Wenn ich meine Vergangenheit betrachte, stelle ich fest, dass hundert Prozent aller Wesen, die in meinem Leben eine Rolle gespielt haben, dünn waren.“

     

    Natürlich zeichnet sich auch Rinri durch Dünnsein aus. Trotzdem kommt es zu aberwitzigen kulinarischen Szenen, die zu den amüsantesten dieses Buches gehören. Noch am Anfang ihrer Freundschaft spielt Amélie so fasziniert mit einem japanischen Fondue-Set („ein Rechaud mit intergalaktischem Brenner, ein Säckchen mit Schaumstoffkäse, eine Flasche mit Frostschutzweißwein“), dass ihr Rinri hinterher die gummiartige Substanz von den Fingern knabbern muss. Und auf der Insel Sado, wo lebende kleine Tintenfische serviert werden, umschlingt ein kämpferisches Exemplar mit den Saugnäpfen Amélies Zunge – ein verwirrendes Abbild für Rinris einzwängendes Liebeswerben.  

     

    Der japanische Verlobte ist ein zuweilen poetisch angehauchtes, oft erstaunlich pointiertes Buch über den Akt der Selbstfindung in der Fremde. Doch die vordergründige Heiterkeit wird nicht selten von einem herben Unterton begleitet. „Denn eine Speise ist nur dann wirklich köstlich, wenn sie etwas Bitteres enthält.“

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter