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Thor Kunkel: Schaumschwester

03.05.2010

Zu wenig und zu viel Schaum

Schaumschwester heißt der neue Roman von Thor Kunkel und ist dem Genre naher Zukunfts-Science-Fiction zuzuordnen. Die Reihe des Verlags Matthes und Seitz heißt „Neue Welt“ und da passt der fünfte Roman von Kunkel gut hinein. Netter Titel, schöne Optik, gute Anlagen – da kann man vor allem nach Kuhls Kosmos Einiges erwarten. SABINA SCHUTTER ist dennoch etwas enttäuscht.

 

In naher Zukunft wollen Männer keinen Sex mehr mit Frauen, weil sie Silikonpuppen haben, die sich anfühlen wie Frauen und nie reden. Sie laufen nicht weg und verlangen nicht, dass die Männer den Müll wegbringen, da ist die Puppe der Frau vorzuziehen. Soweit, so nachvollziehbar. Regierungsmenschen fürchten nun, die Menschheit könnte aussterben, weil die Puppen keine Kinder bekommen können. Hier kommt der neue James Bond ins Spiel, der gemeinsam mit seiner bezaubernden Assistentin Lora dem Puppenmacher das Handwerk legen soll.

 

Unser Held, Kolther genannt, ist aber kein smarter Anzugträger, er ist selbst von einer Scheidung enttäuscht, durch die Puppenansichten frei von Libido, zynisch und versoffen. Lora hingegen eine „password sniffin‘ bitch“, eine von überdurchschnittlicher Intelligenz und Intuition gleichsam gebeutelte attraktive und junge Wissenschaftlerin. Sie, mit silbernem Gecko auf dem Bauchnabel, versucht Kolther zu bekehren oder zumindest zu betören. Die Geschichte könnte von ihrer Anlage her gut oder schlecht sein, zunächst liegt hier nichts außergewöhnlich Neues begraben. Es käme daher darauf an, was der Autor daraus gemacht hat, und bei Thor Kunkel kann man davon ausgehen, dass er kreativ, detailreich und wortgewandt einen umwerfenden Roman geschrieben hat.

 

Kunkel schäumt vor Ideen, Gesellschaftsdiagnostik und Weltverzweifelung oder legt dies wenigstens seinem Helden in den Mund, die schaumigen Schwestern erzeugen Abscheu und Faszination zugleich, zumal der Puppenmacher als Alter Ego des Helden angelegt ist. All das ist im Kern nicht schlecht konstruiert.

 

Die letzte Überarbeitung ausgelassen?

Es scheint jedoch, als hätte Kunkel den letzten Überarbeitungsschritt des Romans ausgelassen. Die Dialoge und Gedanken gehen hölzern ineinander über, die Beschreibungen von Puppen, Technik und Szenerie kommen mir vor wie Notizen, die noch geschliffen werden sollten. Die Agentenszenen sind lieblos zusammengestückelt: „Ganz bewusst hatte sie sich dabei auf Escort-Schickse getrimmt“; „Die Terrasse des Restaurants schien aus allen Nähten zu platzen, doch wieder einmal hatten die Agenten mehr Glück als Verstand“ – das würde an einzelnen Stellen wohlwollend als Pulp-Stil durchgehen, aber selbst das wäre nicht originell. Auch der Antifeminismus, der bei Kuhls Kosmos noch angemessen und teilweise witzig war, ist hier teils gebrochen, da grundsätzlich Kritik an der Schaumpuppenidee vorkommt, andererseits wird er durch die abschätzige Art von Kolther noch extremer und ergibt in sich kein schlüssiges Konzept.

 

Das Buch schäumt an den falschen Stellen und ist an anderen wieder zu klumpig, klobig, platt. Mich enttäuscht das vor allem, weil ich Kunkel zuletzt für ein großes Erzähltalent hielt. Halte. Ich bleibe dabei: Schaumschwester hätte ein toller Roman werden können und wäre von einem anderen Autor etwas akzeptabler gewesen – oder ich hätte ihn dann einfach nicht gelesen. Ich hoffe deshalb auf den nächsten Roman von Thor Kunkel und drücke fest die Daumen.

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