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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 11:52

    Christopher Isherwood: Löwen und Schatten

    19.04.2010

    Auf Wiedersehen, Cambridge

    Generationenbild, Gesellschaftskomödie und Autobiografie: In seinen Memoiren eines jungen Künstlers erzählt Christopher Isherwood, wie er zum Schriftsteller wurde, und zeigt, dass Ironie nicht nur Stilmittel, sondern der Stil selbst sein kann. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

     

    Für deutsche Leser begann Christopher Isherwoods literarisches Leben lange dort, wo dieses Buch endet: In Berlin, wo der junge Schriftsteller 1929 ankam und zum Beobachter der sich anbahnenden Naziherrschaft, aber auch des klein- und großbürgerlichen Lebens der Stadt wurde, in der er als Sprachlehrer sein Geld verdiente und so hinter viele Türen und Fassaden blicken konnte – nachzulesen in seinem Buch Goodbye to Berlin, auf dem später der Film Cabaret basieren sollte. Löwen und Schatten handelt davon, wie es so weit kommen konnte.

     

    Die autobiografische Schilderung einer englischen Jugend in den zwanziger Jahren, wie sie im Untertitel genannt wird, ist zugleich ein Generationenbild, das sich in der Formung zeigt einer sich gegen die eigene bürgerliche Herkunft stellenden Literatenexistenz, die vom Ersten Weltkrieg geprägt ist, ohne dass Isherwood selbst daran teilgenommen hätte. Ursprünglich vor ziemlich genau siebzig Jahren bei Hogarth Press von Virginia Woolf verlegt, blickte Isherwood in diesen Erinnerungen als Fünfunddreißigjähriger zurück auf eine Phase seines Lebens, die in Jahren gemessen eigentlich noch nicht lange zurücklag, aber durch die Abreise aus England abgeschlossen und von der Gegenwart abgeschnitten schien.

     

    Cambridge, Mortmere

    Der Weg bis zu diesem Schritt führte ihn nach der Schule zunächst als Stipendiat nach Cambridge an die Universität. Hier traf er seinen Schulfreund Edward Upward wieder und bildete mit ihm ein intellektuelles Gespann, das sich von den Vertretern der „Schickokratie“ unterscheiden wollte. Dem Universitätsleben mit seinen Ritualen begegneten sie mit der gemeinschaftlichen Erfindung einer Gegenwelt, in der das Sichtbare nur eine Maskerade sein sollte, die sie als Einzige durchschauen konnten: Mortmere. Isherwood und Upward, der hier den Namen Chalmers erhält, entwickeln diesen fantastischen Ort immer weiter, verändern ihn und machen ihn zum Schauplatz literarischer Skizzen und großer Projekte. Das symbiotische literarische Spiel setzt sich auch dann noch fort, als Isherwood durch parodistische Antworten in einer Prüfung seinen Rauswurf aus dem College provoziert, nach London zieht und sich als Privatsekretär und Hauslehrer versucht. Doch je unerbittlicher eine von Sachzwängen gekennzeichnete Realität das Leben bestimmt, umso mehr verflüchtigt sich die Gegenwelt von Mortmere.

     

    London, Berlin

    Isherwood lebt in einem Londoner „Künstlerslum“, sein erster Roman erscheint, findet jedoch kaum Beachtung. Ein Medizinstudium ist noch einmal ein Anlauf zu einer bürgerlichen Existenz, doch Isherwood muss sich schnell seine ungenügende naturwissenschaftliche Begabung eingestehen und beginnt umso intensiver die Arbeit an seinem nächsten Roman, während sich der Knoten, als den er sein unentschlossenes Leben empfindet, immer enger zuzieht.

     

    „Ich konnte mir nicht mit eitlen Lügen über meine große Kunst schmeicheln: Mit meiner Kunst hatte ich versagt, sie war auf dem freien Markt durchgefallen. Und ich konnte mich nicht mehr in Mortmere verstecken – Mortmere hatte uns im Stich gelassen, es hatte sich in Luft aufgelöst … Aber wenn ich jetzt aufhörte – was sollte aus mir werden? Sollte ich zurückkehren zu meinen Hauslehrerstellen, bis ich zu alt sein würde, um die Eltern zu beeindrucken? Sollte ich mich um eine weitere Position als Amateursekretär bemühen und den Rest meines Lebens am Rand der Bohème herumkrebsen? War ich tatsächlich ein völliger Taugenichts, ein hundertprozentiger Versager?“

     

    Nach dem Wiedersehen mit einem anderen Dichterkollegen, Beverly Weston, der ihm von Berlin und der esoterischen Lebensphilosophie eines Psychoanalytikers erzählt, fasst er den Entschluss, sich zu befreien. Von den Empfindungen, die ihn auf der Zugfahrt nach Berlin begleitet hätten, sei ihm nichts in Erinnerung geblieben, schreibt er, er habe einfach im Abteil gesessen, „glücklich in dem Bewußtsein, daß ein neuer Abschnitt meiner Reise begonnen hatte“. Was kommen sollte, ein offener Umgang mit seiner Homosexualität, die Hinwendung zur indischen Philosophie, Arbeiten als Drehbuchautor und das Leben in Kalifornien als anerkannter Schriftsteller, davon findet sich hier noch nichts.

     

    Ironie als Stil

    Isherwood selbst bemerkte einmal, seine Bücher seien in Übersetzungen nicht sonderlich populär, nicht einmal in Deutschland, wo man glauben könne, die Menschen interessierten sich dafür, und zwar, weil es sehr schwierig sei, die Andeutungen und kaschierten Zitate in eine andere Sprache zu übertragen. Joachim Kalka hat die Aufgabe so gut bewältigt, dass man beim Lesen den Eindruck gewinnt, die deutsche Fassung stünde dem Original in Nichts nach, weil sie dessen Changieren zwischen Eleganz und Komik mitträgt, ohne nach der einen oder anderen Seite Schlagseite zu erleiden.

     

    Ironie erweist sich hier als Stil und wird nicht missverstanden als Humor durch alle Arten von Übertreibung oder selbstgefällige Betonung der eigenen Sentimentalität. Isherwood fand diese Stimme nicht nur auf dem Umweg über Cambridge, London und Berlin, sondern auch über zahlreiche angefangene, verworfene und umgeschriebene literarische Entwürfe, von denen hier auch solche von Upward bzw. Chalmers eingearbeitet sind.

     

    Dabei ist die Beschreibung der Entwicklung zum Schriftsteller frei von Rechtfertigungen, Pathos und späterer Legitimierung des eigenen Tuns durch den Verweis auf Erfolg. Als Porträt eines Künstlers als junger Mann ist Löwen und Schatten gerade deshalb so großartig, weil Isherwood eine Komödie schreiben konnte, ohne das Wissen um ein Happy-End.

     

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