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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 17:33

    Carl Weissner: Manhattan Muffdiver und Death in Paris

    19.04.2010

    Terror in Technicolor

    In zwei neuen Cut-up-Romanen knüpft Carl Weissner an die literarischen Experimente der amerikanischen Underground-Kultur der sechziger und siebziger Jahre an, wobei die einstige Avantgarde ihre Altersspuren nicht verbergen kann. Von JÖRG AUBERG

     

    Lange verschwand der Autor Carl Weissner hinter dem Herausgeber und Übersetzer gleichen Namens. Zu Beginn seiner Karriere gehörte er neben Jörg Fauser, Jürgen Ploog und Claude Pélieu zur von Brion Gysin und William S. Burroughs angeführten „Internationale“ der Cut-up-Avantgarde, die über die Montage eigener und fremder Texte und die dadurch erzeugten Zufälle neue Bedeutungen und Erkenntnisse vermitteln wollten. Die Cut-up-Produktionen wie So Who Owns Death TV (1967), The Braille Film (1970) oder Cut Up or Shut Up (1972), an denen Weissner beteiligt war, waren Kollektivunternehmungen, bei denen die individuelle „Autorität“ der Texte aufgesprengt wurde – ganz nach Burroughs’ Motto „Worte, Farben, Licht, Töne, Stein, Holz, Bronze gehören dem lebenden Künstler … A bas l'originalité … Vive le vol – rein, schamlos, total.“

     

    Schon früh arbeitete Weissner als Übersetzer amerikanischer Underground-Literatur, etwa für Rolf-Dieter Brinkmanns bahnbrechende Acid-Anthologie (1969), und übertrug in den siebziger und achtziger Jahren kongenial die Texte von Burroughs, Charles Bukowski, Nelson Algren, Frank Zappa und Bob Dylan ins Deutsche. Im Gegensatz zu anderen Übersetzern der Underground-Texte traf er prägnant die Sprachmelodik und das Argot der anarchischen Subkultur und vermittelte den „Sound“ der Zeit authentisch. Trotz allem bestand sein größter Ehrgeiz darin, schreibt der Verleger und Journalist Jan Herman, ein „amerikanischer Autor zu werden“.

     

    Vergangenheitssucht

    Nach vielen Jahren legt Weissner nun zwei neue, „schnelle“ Romane vor, die an die Cut-up-Tradition der sechziger Jahre anknüpfen. Manhattan Muffdiver kommt im Gewand eines E-Mail-Romans daher, in dem ein deutscher Autor beim Schreiben eines Buches die Grenze zwischen Realität und Fiktion verliert und die drei Monate seines Aufenthalts in der „Totenstadt“ New York in einer Montage greller, fragmentarischer realer und imaginierter Szenen präsentiert. Der Ich-Erzähler ist einer „Vergangenheitssucht“ verfallen und führt in seinen Textmontagen eine Retro-Kultur aus den sechziger und siebziger Jahren vor. Politik und Geschichte verfangen sich in Literatur und stehen als bloße Textstrukturen im tristen Raum: Ted Gold, der bei einer versehentlichen Explosion der Weather Underground Organization 1970 getötet wurde, überlebt nur als Name in einem Gedicht von Allen Ginsberg, und der Attentäter Mohammed Atta wird als „Rilke-Fan“ imaginiert.

     

    Paris in Zeiten des Terrors

    Der zweite Roman Death in Paris, der in einer Online-Version bei realitystudio.org verfügbar ist, ist ein an Thomas Manns Tod in Venedig andockender Cut-up-Roman: Anstelle der Cholera-Epidemie wüten in Paris Wellen zufälliger Gewalt, mit der die Bewohner terrorisiert werden. Der Roman ist ein Cut-up-Text, der die Stimmen der Moderne wie die von Arthur Rimbaud, Louis-Ferdinand Céline, Jean Cocteau, Jean-Paul Sartre, William S. Burroughs, Charles Bukowski, Franz Kafka, Thomas Mann, Ernest Hemingway und Raymond Chandler mit Fragmenten aus der Populärkultur wie Robert Rossens The Hustler oder Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango von Paris verwebt und so ein komplexes, verstörendes Textgeflecht erzeugt. „Cut-up hat für mich noch heute einen Reiz“, sagte Weissner kürzlich in einem Interview mit der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, „weil es eine patente Methode zur Herstellung von gruselig guten Technicolor-Effekten ist“. Cut-up ist nicht nur ein Medium des Experiments, sondern auch der Unterhaltung.

     

    Dennoch ist der Erkenntnisgewinn der Cut-up-Literatur – trotz all ihrer Faszination – beschränkt, da sie letzten Endes das Bestehende lediglich in neuen Variationen technisch „aufmischt“ und sich schlussendlich im Immergleichen verliert, ohne eine politisch-ästhetische Konzeption zu entwickeln. „Das ist nicht Schreiben, das ist Klempnerei“, kommentierte Samuel Beckett indigniert die Cut-up-Experimente von Burroughs, und für den New Yorker Verleger Richard Seaver stellten sie eine künstlerische Sackgasse dar, die Burroughs nach den Jahren der Revolte in den Sechzigern schließlich verließ, um sich wieder konventionelleren Erzählstrategien zuzuwenden.

     

    Dieser grauenhafte Fall

    Death in Paris ist sicherlich ein ambitionierteres und gelungeneres Werk als Manhattan Muffdiver, das eher wie ein Abfallprodukt beim Schreiben des „amerikanischen“ Romans entstanden zu sein scheint. Während die Publikation von Death in Paris mit einer glänzenden Einführung von Jan Herman und einer Dokumentation von Weissners Arbeit als Autor und Herausgeber in den letzten vierzig Jahren aufwartet, kommt Manhattan Muffdiver in einem grellen Trash-Kitsch-Cover und mit einem Vorwort des österreichischen Journalisten Fritz Ostermayer daher, das in schmieriger Anbiederung der „Legende Carl Weissner“ huldigt und sie auf eine Stufe mit Burroughs stellt. „Dieses Buch macht geil auf das Leben in all seiner verlausten und jämmerlichen Glorie“, grölt der Zeilenschinder dem Leser entgegen. „Macht geil, was euch geilt macht!“ Ostermayer wirkt wie der „Fatzke“ zu Beginn von Naked Lunch: ein „Spießer, der auf hip machen will“. Dieses Vorwort hätte man besser „atrophiert“ und der „Legende“ wie dem Leser erspart.

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