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Grégoire Bouillier: Ich über mich

12.04.2010

Radierungen mit kalter Nadel

Noch nicht als Schriftsteller sieht sich nach nur zwei schmalen Büchern der französische Künstler Grégoire Bouillier. Dabei beweist schon sein nun auf deutsch nachgereichtes fulminantes Debüt Ich über mich, dass er ein Erzliterat ist. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Das bekannte Paradox des Kreters, der behauptet, alle Kreter lügten (also auch er), mag ein philosophisch-mathematisches Problem beschreiben, trifft aber exakt auf alle Literatur zu, die von sich behauptet, sie sei autobiographisch. Ob sie es ist, ist fraglich, seit es den Ich-Roman gibt, der gerade das auch behauptet. Der Roman selbst aber ist das Kreter-Paradox in Reinform: er simuliert eine Wirklichkeit, von der wir als Leser simulieren, wir glaubten, sie sei Wirklichkeit, obwohl wir wissen, dass sie Fiktion ist.

 

Der französische Maler Grégoire Bouillier, der nach nur zwei Büchern (noch) nicht als Schriftsteller gelten will, nannte sein mit 42 Jahren vorgelegtes literarisches Debüt Rapport sur moi, was sein deutscher Übersetzer Oliver Ilan Schulz auf dem Schutzumschlag noch knapper fasste: Ich über mich. Egozentrischer geht´s nicht.

 

In dem jetzt erst – nach seinem bereits 2008 übersetzten zweiten Buch Der Überraschungsgast – auf deutsch vorgelegten „Bericht über mich“ erzählt der Autor, dass er mit 4 Jahren aufgrund einer seltenen Krankheit seinen Geruchssinn verloren und es lange Zeit „mit eigens dafür entwickelten Strategien kaschiert” habe. Z.B. beteuerte er, dass der Salat nach Zitrone dufte, nachdem er in der Sauce einen Kern gesehen hatte.

 

Seine Intelligenz habe sich also früh schon dadurch entwickelt, dass er seine „Umwelt hinters Licht führte: Schließlich musste ich mich so intensiv mit Äußerlichkeiten befassen, damit sie einen Sinn ergaben, den ich verloren hatte”. Daraus habe er, resümiert Bouillier, gelernt, “das Wahrscheinliche nicht mit der Wahrheit und die Wirklichkeit nicht mit dem Abbild zu verwechseln”. So sei er aber auch sehr früh zu einem Einzelgänger geworden, der sich für die meisten seiner Mitmenschen nicht sonderlich interessierte, weil sie sich so leicht von ihm täuschen ließen.

 

Und nachdem er in der Grundschule seine beste Note für einen Aufsatz bekommen hatte, in dem der in Algerien Geborene die schillernden Farben und berauschenden Düfte des Bazars von Marrakesch beschwor, ohne je dort gewesen zu sein, machte ihn dieser „erste öffentliche Erfolg” nachdenklich über das „Verhältnis von Literatur und Hochstapelei”.

 

Autobiographische Reminiszenzen voller Widerhaken

Aha! Spricht hier also ein „Kreter”? Oder sagt uns ein Autobiograph die Wahrheit über sich? Es ist nicht bestimmbar, unerheblich – aber ästhetisch umso gelungener, je mehr wir diese Aussagen für wahr und wirklich nehmen, weil der Autor, indem er gleich eingangs seinen autobiographischen Reminiszenzen solche Widerhaken einsetzt, uns mit dem Paradox seiner intimen Erinnerungen ironisch vertraut macht.

 

Schon deren erster Satz – „Ich hatte eine glückliche Kindheit” - trifft im Lichte dessen, was ihm folgt, nicht zu. Auf die Frage der ins Kinderzimmer gestürzten Mutter: „Kinder, glaubt ihr, dass ich euch liebe?”, gibt der ältere Bruder „eine klare Antwort“, während der siebenjährige Grégoire zögerlich murmelt: „Vielleicht liebst Du uns ein bisschen zu sehr?” – was zur Folge hat, dass die entsetzte Mutter sich vom Balkon des Hauses im 5. Stock stürzen will, woran sie der Vater gerade noch einmal hindern kann.

 

Dreißig Jahre später hat sie´s erneut versucht, diesmal ist es ihr gelungen – wie der Vater dem Sohn auf dem Anrufbeantworter mitteilt. Aber wunderlicherweise hat sie den Sturz aus 15 Metern Höhe unverletzt überlebt. „Nicht einmal der Tod will mich haben“, klagt sie dem herbeigeeilten Grégoire: „Ein Lächeln huschte über mein Gesicht“, beschließt Brouillier sein Buch: „Ich sagte ihr, das sei doch ein Glück”.

 

So rundet sich als Wiederholung, was der Autor dazwischen auf rund 150 Seiten in einem Kaleidoskop kleiner, pointierter Erzählstücke uns Lesern ebenso drastisch wie rücksichtslos gegen seine Familie und sich als tumben Toren vor die aufgerissenen Leser-Augen gerückt hatte: nämlich seine turbulente Kindheit & Jugend, seine drei längeren unglücklichen Liebesverhältnisse – und vor allem auch seine melancholisch eingetrübten Lebensansichten, die aus einer Folge von Verletzungen und Verstörungen hervorgehen, die durch die Lakonie, mit der er sie darstellt, nicht selten an die mitleidlose Komik früher Charlie-Chaplin- oder Buster-Keaton Kurzfilme erinnert.

 

Literarische Allegorie - mit homerischem Gelächter

Auch muss man, trotz des schmerzlichen Lebensuntergrunds, des Öfteren

an die skurrilen, exzentrischen, erotisch unterfütterten Ausschweifungen Laurence Sternes bei der Bouillier-Lektüre denken, wenn & weil der 1960 in Algerien geborene Grégoire, der eigentlich Nicolas heißen sollte, sein Leben sowohl „von der Sprache strukturiert”, als auch von seiner vielfachen Spintisiererei über magische Zahlenkombinationen und Wiederholungszwänge bestimmt glaubt.

 

Es sind dies alles tragikomische Versuche, dem Chaos seiner sowohl erinnerten als auch bestimmt imaginierten „Education sentimentale et amoureuse” leitmotivische Schemata zu unterlegen, die es ihm erlauben, den wüsten Stoff seines Buchs, als anbrandendes Leben, Lieben & Leiden, zu Schnittmustern einer grotesken Welterfahrung zurechtzuschneidern.

 

Oder: als literarische Allegorie – mit homerischem Gelächter. Denn einmal, nach einer wahnsinnsnahen Lebensbedrohung, habe er, bei den Eltern als verlassener Mann untergeschlüpft, in einer „einzigen, verklärten Nacht” die „Odyssee” verschlungen – und in „deren Lichte klärte sich plötzlich alles. Zwischen meiner Lektüre und meinem Leben zeichneten sich unglaubliche Übereinstimmungen ab (...) In den Abenteuern des Odysseus blitzten meine eigenen auf (...) auf meine Weise hatte ich das alles erlebt. Ich konnte Orte und Zeitpunkte nennen, die Fäden verknüpfen. (...) Das Buch lehrte mich, das Leben aus einer mir unbekannten Perspektive zu betrachten. Es drückte meinen Verwirrungen ein antikes Siegel auf. Es hält bis heute.“

 

Wo immer man Bouilliers Selbsterlebens-Karussell besteigt - und ich habe es jetzt schon dreimal zur eigenen Gemütsergötzung getan –, stößt man auf vielfältige erzählerische Abbreviaturen kleiner Glücksmomente und großer Schmerzensagonien in einem Universum des Absurden und der Erotik. Nicht verwunderlich, dass er nicht nur de Sade, sondern erst recht zu seinen literarischen Hausgöttern Georges Bataille zählt, dessen Initialen G. B. ja auch die seinen sind.

 

Man wird wohl derzeit kaum einen brillanter inszenierten „Bericht über sich selbst” finden als Grégoire Bouilliers höchst eigenwillige, bizarre, mit kalter Nadel gestochene Folge literarischer Radierungen in einem kleinen Juwel von einem Buch, in dem das Erzählerische dem Essayistischen fein austariert die Waage hält.

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