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Donnerstag, 30. März 2017 | 16:27

Georg Klein: Roman unserer Kindheit

19.04.2010

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Unter den fünf nominierten belletristischen Neuerscheinungen wurde dieser Roman mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Und das vollkommen zu Recht findet INGEBORG JAISER.

 

Am Anfang fließt Blut – frisches, hellrotes Bubenblut, das auf den aufgeweichten Teer des hochsommerlich heißen Straßenpflasters tropft. Just zu Beginn der Sommerferien verfängt sich der Ältere Bruder mit der Ferse in den Fahrradspeichen und wird den Rest der freien Tage in körperlicher Eingeschränktheit befangen sein, erst in einen ausrangierten Zwillingskinderwagen verbannt, dann angestrengt auf Krücken humpelnd. Und das muss gerade ihm passieren, dem unbestrittenen Anführer der kleinen Kinderbande einer Arbeitersiedlung.

 

Wir schreiben das Jahr 1963. Das Wirtschaftswunder Deutschland boomt, die ersten Telefone und Fernseher halten Einzug in die Haushalte. Dem anhaltenden Wohnungsnotstand werden hastig hochgezogene Neubausiedlungen entgegengesetzt, mit in Leichtbauweise vermauerten „Flüstersteinen“, die die Geräusche der Nachbarn näher kommen lassen, als es einem lieb sein kann. Die Väter sind auf Montage oder im Gaswerk, die Mütter gehen noch nicht arbeiten, sondern ziehen daheim die Kinderschar groß, halten sich tagelang mit Instantkaffee wach und lehnen an den Küchenfenstern. Manch eine kann auch dem Reiz fremder Herrenbesuche nicht widerstehen.

 

Es geschah am helllichten Tag

Mit dem Fahrradunfall purzeln wir unversehens hinein in den Mikrokosmos eines abgegrenzten Areals zwischen den Neubaublöcken einer süddeutschen Stadt. Eine Handvoll Grundschulkinder tobt durch den Hof: die dralle Schicke Sybille mit ihrer kleinen Schwester, die Witzigen Zwillinge mit ihrem Älteren Bruder, der Ami-Michi, der Wolfskopf und der Schniefer. Vor ihnen liegen die Ferien, eine schier endlos erscheinende Abfolge von verheißungsvollen Sonnen- und seltenen Regentagen. Eine herrlich bedeutungsfreie Zeit, die es zu füllen gilt mit Kartenspielen und Sammelalben, mit Entdeckungen und Exkursionen. Selten werden Kindheitserinnerungen so allgegenwärtig, allgemeingültig und allmächtig heraufbeschworen wie durch Georg Klein, ganz gleich, ob man selbst in den 60er-Jahren oder zu einer anderen Zeit aufgewachsen ist.

 

Doch nicht allein dieses archetypische Gefühl macht die Sogwirkung des Romans aus, es ist vielmehr das erahnte, heraufdräuende Unglück, ein vage vermutetes Mysterium, ein kreiselndes, sich immer tiefer grabendes Geheimnis. Das fühlt sich an, wie die Süddeutsche Zeitung treffend bemerkt, „als hätte ein David Lynch den Fünfziger-Jahre-Film Es geschah am helllichten Tag neu gedreht“.

 

Magischer Realismus

Mal gilt es, sich der asozialen Hühlenhäuser Sippe aus der Nachbarschaft zu widersetzen, mal bilden eine einsame Laubenkolonie und das Grundstück des aufgelassenen Bärenkellers das dämonische Szenario eines suspekten Abenteuerspielplatzes. Und welche Rolle spielen die traumatisierten Überlebenden des letzten Weltkriegs – der Mann ohne Gesicht, der Fehlharmoniker, der fallsüchtige Kikki-Mann –, die wie verirrte Fremdkörper durch die Siedlung spuken? Was ist Sybilles kleiner Schwester widerfahren, die man eines Tages verschreckt und verstockt, ohne Strümpfe und Sandalen, aus einem überwucherten Grundstück zieht? Wer steckt hinter der seltsamen, in die Zukunft blickenden Ich-Erzählerin? Als der epileptische Kikki-Mann einen Mord vorhersagt, bekommt das Grauen einen Namen. Und dieses Grauen lässt den Leser bis zur letzten Zeile nicht mehr los.

 

Wir driften in den Untergrund, dem finalen, schaurigen Showdown im Bärenkeller entgegen. Und der Autor zieht noch einmal alle Register: mit einer fein geschliffenen Kunstsprache verleiht er dem Schrecken ein magisches, atmosphärisch dichtes Abbild. Georg Klein ist ein genialer Erzähler und ein wortgewaltiger Meister seines Faches. Mit seinem bislang umfangreichsten Roman hat er einen großen Coup gelandet.

 

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