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    Sonntag, 20. August 2017 | 10:01

    Anna Gavalda: Ein geschenkter Tag

    12.04.2010

    Bonjour nostalgie!

    Die Literatur braucht ihre Stars. Und ganz groß im Verehren ihrer eigenen Leute sind die Franzosen. Seit ihren Erzählungen von 2002 gehört auch Anna Gavalda dazu, die jetzt mit Ein geschenkter Tag bereits ihren fünften Roman veröffentlicht. Hierzulande mögen wir sie aber auch. Von SENTA WAGNER

     

    Ein Geschenk kriegt jeder gern. Aber gleich einen Tag geschenkt zu bekommen, das ist was anderes. Ein Geschenk des Lebens vielleicht, aufregend und einmalig. Dann der Umschlag: Er hüllt das Büchlein, denn mehr als ein Federgewicht ist es nicht, in ein wogendes Lavendelfeld, das ein kleines Fahrzeug quert. Anzunehmen ist eine Landschaft irgendwo in Frankreich im Sommer.

     

    Simon, Carine und Garance sind en route: Es geht mit dem Auto von Paris zu einer Hochzeit in einem „gottverlassenen Dorf“. Die Fahrt macht so ungefähr den gefühlten ersten Teil des Buches aus. Garance und ihre Schwägerin haben sich zum Ärgern gern, perfekt erscheint dafür der geschlossene Miniraum eines Autos. Sofort hallt dieser wider von fiesen Sticheleien, die zwischen den beiden in hohem Dialogtempo hin- und herfliegen. Gavalda zeigt sich in dieser Kunst als hochkomisch und stilsicher, die Lesenden dürfen viel lachen.

     

    Dazwischen gestreute, ruhigere Passagen gehören den Reflexionen und Erinnerungen von Garance, der Ich-Erzählerin. Während Simon unbeirrt fährt und fährt, bekommen wir eine Ahnung von dem tiefen Glück von Familienbanden, dem Übermut der Kindheit – die Tonart ausbalanciert zwischen zärtlich-melancholisch und ironisch. Echt Gavalda sind dabei die zahlreichen Absätze, die nicht grobe Zäsur sein wollen, sondern im Gegenteil dem Text formal und inhaltlich seine Leichtigkeit geben.

     

    Auf und davon

    Unterwegs wird Lola eingesammelt, dann sind wir schon in der Buchmitte und auch im Dorf. In dem Moment, als die Hochzeitsgesellschaft in der Kirche verschwunden ist, steigen Simon, Garance und Lola wieder in den Wagen und hauen ab. Carine lassen sie zurück. Das ist eine Wucht, ein rotzfrecher Befreiungsschlag, denn Abhauen tut man nicht, höchstens Kinder. „… wir düsten in einer Staubwolke davon. Als hätten wir soeben eine Bank ausgeraubt. Anfangs trauten wir uns nicht zu reden. Wir waren trotz allem ein wenig ergriffen …“

     

    Lola, Simon und Garance wollen lieber ihren kleinen Bruder Vincent besuchen, der nicht wie erwartet zur Hochzeit erschienen ist. Gleichzeitig dem Upperclass-Getue der Pariser Sippschaft zu entkommen, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Vincent treffen sie auf „seinem“ Schloss bei einer Schlossführung an.

     

    Beglückende Prosa

    Die vier Geschwister sind altersmäßig alle locker um die dreißig herumgruppiert und – sie lieben sich wie Brüder und Schwestern. Sind sich beste Freunde. Freilich, die eine kann mehr mit der als mit dem, der andere mehr mit dem als mit der.

     

    Simon hat mit Carine zwei Kinder und ist glücklich, Lola hat zwei Kinder, ist geschieden und unglücklich, Vincent werkelt vor sich hin, Garance wirkt orientierungslos, punktet aber als Erzählerin. Unterschiedliche Lebensentwürfe haben sie allmählich voneinander getrennt.

     

    Nach einer Nacht auf dem Schloss von Vincent bricht ein neuer Tag an: Es ist der „geschenkte Tag, ein gnädiger Moment“. Ein aufregender und einmaliger Tag. „Denn so ist es doch. Die Zeit trennt diejenigen, die sich lieben, und nichts ist von Dauer.“ Ja, klar, wissen wir, aber egal. Die vier liegen im Gras, trinken Wein, die Sonne scheint, es wird herumgealbert, der Alltag ist weit. Zu schön, um wahr zu sein. Das sind beglückende, schwerelose Passagen, mit denen Gavalda, ohne viele Worte zu machen, eine ganz besondere Atmosphäre schafft. Dennoch: Der Tag ist heiter und traurig zugleich, weil er Abschied bedeutet: von der Kindheit, dem liebevollen Beieinandersein, einer „universellen Harmonie“.

     

    Die Rückfahrt ist Musik, im Auto läuft ein Liedermix zusammengestellt von Vincent, der endet mit Jeff Buckleys Hallelujah. Au revoir nostalgie! Es lebe der Sommer.

     

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