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Donnerstag, 24. Juli 2014 | 03:48

Don DeLillo: Der Omega-Punkt

22.03.2010

Ich und Don DeLillo

Nun ist also Don DeLillos neuster Roman oder eher neuste Novelle erschienen, Der Omega-Punkt, und die Zeit ist gekommen, Folgendes festzuhalten:

Don DeLillo ist wie kein anderer Autor auf der Welt.

Von BRIGITTE HELBLING

 

Grundsätzlich unterscheiden sich alle Autoren, mögen einige Leser an dieser Stelle einwenden. Günter Grass ist nicht wie Jerry Cotton und Jerry Cotton nicht wie Kathy Acker und so weiter. Leser, die so reden, haben grundsätzlich Recht. Andere werden fragen: Ist mit „Don DeLillo“ der amerikanische Autor als Mensch gemeint, oder nicht doch eher „Don DeLillo“, wie er in seinen Büchern schreibend erscheint? Auch diese Präzisierungshilfe, in der die Pedanterie des Literaturprofessors mitschwingt, ist berechtigt. Gibt es jemanden dort draußen, der sagt: Den Satz, der da oben steht, kann ich unterschreiben? Gibt es jemanden, der sagt, genauso geht es mir, wenn ich Don DeLillo lese?

 

Und geht es diesem Leser wie mir, wenn ich Don DeLillo lese?

 

Von Der Omega-Punkt habe ich nicht allzu viel erwartet, einen früheren kurzen Roman von DeLillo, Körperzeit, mochte ich zum Beispiel gar nicht so gerne. Aber nun hat mich der Autor wieder erwischt, auf den ersten Seiten schon, und selbst in der deutschen Übersetzung, in der sich Frank Heibert zu Beginn etwas aufspielt, seinen Heibert behauptet gegen DeLillo, und im Weiteren dann nicht anders kann, als sich unterordnen.

 

Übersetzer müssen sich unterordnen. Heibert wehrt sich dagegen, schreibt auf der ersten Seite zum Beispiel grammatikalisch fragwürdig „manchmal musterte ihn wer beim Rausgehen“, wo DeLillo an der Stelle doch schlicht und melodisch nur feststellt: „people leaving sometimes looked at him“.

 

Befreite Übersetzer sind gute Übersetzer, aber bei DeLillo ist der freieste Übersetzer derjenige, der sich so unauffällig verhält wie ein Blatt im Wind.

 

Kein Stolperstein im Deutschen, wo das Englische einfach nur fließt.

 

Nie bin ich wacher, in jeder Hinsicht, als wenn ich DeLillo lese.

 

Von DeLillo las ich erst: Mao II, dann las ich Unterwelt, dann Libra und dann alles, was ich zu fassen bekam. DeLillo ist der einzige Autor, bei dem mir egal ist, worüber er schreibt, obwohl er, zuvorkommender und freundlicher Mensch, der er zu sein scheint, dafür Sorge trägt, dass in seinen Romanen Dinge geschehen, die in Romanen zu geschehen haben: Liebesgeschichten, Unglücksfälle, Einsamkeit und Verschwörungen.

 

Man kann sich gut unterhalten mit DeLillo. Man lernt auch was, in Libra zum Beispiel über das Kennedy-Attentat. Man wird verblüfft, etwa wenn in Mao II die Hauptfigur einiges vor Ende des Buches still und leise auf einer Fähre verstirbt. Man interessiert sich für Dinge, für die man sich nie interessieren wollte, etwa für Baseball in Unterwelt.

 

Vor allem aber ist DeLillo ein großer Bezwinger, nicht nur von sehr guten, wenngleich manchmal störrischen Übersetzern. Wäre DeLillo ein Raubtierdompteur, würden die Tiger und Löwen ihn so sanft umkreisen, als sei er nicht ein Mensch, sondern ein schroffer Felsen oder ein bodenloser Teich. Mich zwingt er, langsam zu lesen. Das schafft sonst kein Autor. Gierig gleitet mein Auge im Allgemeinen über Sätze und fragt: Was nun? Warum sind wir hier? Was gibt es zu sehen? Nicht so bei DeLillo. Der liest sich (fast) immer wie eine Sprache, die ich gerade erst am Lernen bin.

 

Der Omega-Punkt

Der Omega-Punkt beginnt bei einer Ausstellung in New York, in der ein Mann in einem abgedunkelten Kabinett eine Installation ansieht, die Hitchcocks Psycho in großer Verlangsamung zeigt, statt 24 Bilder pro Sekunde nur 2 Bilder pro Sekunde. Der Mann besucht die Ausstellung seit Tagen, er beschreibt sich, wie er in dem Raum steht, er beschreibt das, was er in dem Raum sieht. Mein Hirn rast, anfangs zumindest. Warum steht im Deutschen „dann gingen sie wieder“, wo das Satzstück, das sich in den ersten Absätzen dreimal wiederholt, im Englischen sicher viel knapper (wieder die Melodiefrage!) „then they left“ heißt? Wie kann der Mann im Kabinett behaupten, er „sehe“ den Film, wo er doch nur einzelne Bilder sieht, die das Auge filmwidrig als zerstückelt wahrnehmen muss? Stimmt es, was ein Freund neulich sagte, dass alleinstehende Männer im Alter fast unweigerlich vereinsamen und eine Serie wie Golden Girls mit alten Herren statt Damen nicht vorstellbar ist?

 

Als wir kurz darauf im zweiten Teil in der Wüste ankommen, habe ich mich bereits ergeben. Das geschwätzige Hirn ist ausgeschaltet. Ich bin dabei –

 

In einem einsamen Haus will ein jüngerer Mann einen älteren Mann, einen Gelehrten, der im Pentagon für die Kriegsstrategen arbeitete, dazu überreden, bei einem Dokumentarfilm mitzumachen. Der ältere Mann gibt seine Einwilligung nicht, scheint aber die Gesellschaft des andern zu mögen. Man verbringt Zeit zusammen. Dann kommt die Tochter des Pentagon-Gelehrten zu Besuch. Der jüngere Mann, frisch von seiner Frau getrennt, stellt sich vor, wie es wäre, mit der jungen Frau zu schlafen. Die drei essen Omeletts. Die beiden Männer gehen einkaufen, als sie zurückkommen, ist die Tochter verschwunden. Hat sie sich umgebracht? Wurde sie von dem Mann, der in New York immerzu bei ihr zu Hause anrief, verschleppt und ermordet? Hat sie sich ganz einfach in Luft aufgelöst?

 

Und schon stehen wir erneut im Kabinett des Museums, wo der Psycho-Liebhaber noch immer verweilt: Die Zeit ist wieder ganz an den Anfang der Novelle gerückt. Eine junge Frau kommt herein, unterhält sich mit dem Besucher. Als sie geht, folgt er ihr und lässt sich von ihr die Telefonnummer geben. Norman Bates, Telefonhörer in der Hand, legt langsam auf.

 

Ganz ehrlich: Viel mehr passiert nicht in dieser Novelle. Der Rest sind Sätze, die wie Musik ineinandergreifen, Betrachtungen über die Zeit und über Psycho, und Verbindungen, die als Sternenstrahlen durch den leeren Raum schießen: War die junge Frau im Kabinett die Tochter des Pentagon-Gelehrten? Ist der Mann, mit dem sie sich unterhielt, ihr in die Wüste gefolgt, um sie zu ermorden? Sind diese 110 Seiten Text keine Erzählung, sondern eine Monade, in sich geschlossen wie ein vollkommener Kristall?

 

Oder möchte mein Hirn das nur gerne so haben?

 

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