Grundsätzlich unterscheiden sich alle Autoren, mögen einige Leser an dieser Stelle einwenden. Günter Grass ist nicht wie Jerry Cotton und Jerry Cotton nicht wie Kathy Acker und so weiter. Leser, die so reden, haben grundsätzlich Recht. Andere werden fragen: Ist mit „Don DeLillo“ der amerikanische Autor als Mensch gemeint, oder nicht doch eher „Don DeLillo“, wie er in seinen Büchern schreibend erscheint? Auch diese Präzisierungshilfe, in der die Pedanterie des Literaturprofessors mitschwingt, ist berechtigt. Gibt es jemanden dort draußen, der sagt: Den Satz, der da oben steht, kann ich unterschreiben? Gibt es jemanden, der sagt, genauso geht es mir, wenn ich Don DeLillo lese?
Und geht es diesem Leser wie mir, wenn ich Don DeLillo lese?
Von Der Omega-Punkt habe ich nicht allzu viel erwartet, einen früheren kurzen Roman von DeLillo, Körperzeit, mochte ich zum Beispiel gar nicht so gerne. Aber nun hat mich der Autor wieder erwischt, auf den ersten Seiten schon, und selbst in der deutschen Übersetzung, in der sich Frank Heibert zu Beginn etwas aufspielt, seinen Heibert behauptet gegen DeLillo, und im Weiteren dann nicht anders kann, als sich unterordnen.
Übersetzer müssen sich unterordnen. Heibert wehrt sich dagegen, schreibt auf der ersten Seite zum Beispiel grammatikalisch fragwürdig „manchmal musterte ihn wer beim Rausgehen“, wo DeLillo an der Stelle doch schlicht und melodisch nur feststellt: „people leaving sometimes looked at him“.
Befreite Übersetzer sind gute Übersetzer, aber bei DeLillo ist der freieste Übersetzer derjenige, der sich so unauffällig verhält wie ein Blatt im Wind.
Kein Stolperstein im Deutschen, wo das Englische einfach nur fließt.
Nie bin ich wacher, in jeder Hinsicht, als wenn ich DeLillo lese.
Von DeLillo las ich erst: Mao II, dann las ich Unterwelt, dann Libra und dann alles, was ich zu fassen bekam. DeLillo ist der einzige Autor, bei dem mir egal ist, worüber er schreibt, obwohl er, zuvorkommender und freundlicher Mensch, der er zu sein scheint, dafür Sorge trägt, dass in seinen Romanen Dinge geschehen, die in Romanen zu geschehen haben: Liebesgeschichten, Unglücksfälle, Einsamkeit und Verschwörungen.
Man kann sich gut unterhalten mit DeLillo. Man lernt auch was, in Libra zum Beispiel über das Kennedy-Attentat. Man wird verblüfft, etwa wenn in Mao II die Hauptfigur einiges vor Ende des Buches still und leise auf einer Fähre verstirbt. Man interessiert sich für Dinge, für die man sich nie interessieren wollte, etwa für Baseball in Unterwelt.
Vor allem aber ist DeLillo ein großer Bezwinger, nicht nur von sehr guten, wenngleich manchmal störrischen Übersetzern. Wäre DeLillo ein Raubtierdompteur, würden die Tiger und Löwen ihn so sanft umkreisen, als sei er nicht ein Mensch, sondern ein schroffer Felsen oder ein bodenloser Teich. Mich zwingt er, langsam zu lesen. Das schafft sonst kein Autor. Gierig gleitet mein Auge im Allgemeinen über Sätze und fragt: Was nun? Warum sind wir hier? Was gibt es zu sehen? Nicht so bei DeLillo. Der liest sich (fast) immer wie eine Sprache, die ich gerade erst am Lernen bin.