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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 23:37

    Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro

    01.03.2010

    The death of the ass

    Das Leben ist eigentlich wie der Orgasmus einer Frau. Es dauert ewig, bis es in Fahrt kommt, erreicht dann einen kurzen, aber dramatischen Höhepunkt und flaut endlos unspektakulär ab. Bunny Munros Leben ist wie der Orgasmus eines Mannes: Kurz, heftig, vorüber. Und schließlich ist Nick Caves Roman Der Tod des Bunny Munro wie der Trieb selbst – drängend, unerbittlich und voller Leidenschaft. ANICA RICHTER ist fasziniert.

     

    Take me down to the Paradise City

    Bunny Munro ist ein Säufer. In Amerika würde man einen wie ihn zum White Trash zählen, in Deutschland zum Prekariat und in England, wo Bunny Munro als Vertreter für Kosmetik umhertingelt, darf er getrost als Heroe der Working Class gelten.

     

    Und: Bunny Munro weiß, dass er sterben wird. Wobei sich dieses Wissen nur in einer winzigen, aber entscheidenden Komponente vom Rest der todesgewissen Menschheit unterscheidet: Bunny Munro weiß, dass er bald sterben wird. Bis es allerdings soweit ist, wird Bunny einfach so weitermachen wie bisher und das bedeutet, ein Leben zu führen ohne Verantwortung zwischen Alkohol, fremden Muschis und der Muschi seiner Frau Libby. Glaubt er. Dass dieses, Bunnys Leben nicht von seinem eigenen Tod vor- und frühzeitig beendet wird, erkennt Bunny, als er Libby nach selbstmörderischem Tun erhängt am Schlafzimmerfenster vorfindet. Denn neben ihm und ihr – da steht sein Sohn Bunny Junior.

     

    Where the grass is green and the girls are pretty

    Alles, was nach der Beerdigung von Libby Munro passiert, kann trefflich mit dem Wort Odyssee beschrieben werden. Bunny Munro unternimmt eine Art Geschäftsreise quer durch England, im Gepäck einen Koffer voller Kosmetikartikel und schmutziger Avril-Lavigne-Fantasien. Immer auf dem Beifahrersitz neben ihm sein Sohn Bunny Junior und dessen Enzyklopädie, die ein Geschenk von Libby ist und für den Jungen gleichzeitig das Fenster zur Welt wird.  

     

    So treibt Nick Cave Vater und Sohn in einem Thelma and Louise ähnlichen Road Movie durch englische Vorortsiedlungen, platziert Bunny Munro ein ums andere Mal in schmuddeligen Küchen vor zerknautschten Hausfrauen-Visagen und kreiert somit ein oft trübes, manchmal überraschendes, jedoch meist urkomisches Bild einer zwischen Spießbürgerlichkeit und Verzweiflung schwankenden englischen Gesellschaft.

     

    Und inmitten dieser unwirklichen Wirklichkeit werden Bunny Munro und sein Sohn Bunny Junior zu Getriebenen. Getrieben durch eine Suche, die sich niemals in ein Finden umkehrt. Eine kreischende Suche, die, einem Triebtäter gleich, nach stetiger Befriedigung verlangt, die jedoch nur in den seltensten Momenten die Frage nach dem Warum zulässt.

     

    Bunny Junior braucht einen Vater, braucht seinen Vater. Und das nicht, weil er ein Kind ist, dessen Mutter sich umgebracht hat, sondern weil es gilt, das Fühlen nicht zu vergessen. Und Bunny Munro braucht Orgasmen, um irgendetwas zu fühlen, und er braucht sie, um das, was er fühlt, vergessen zu können.

     

    Take me home (Oh, won´t you please take me home?)

    Das, was Nick Caves Tod des Bunny Munro so besonders macht, sind der Humor und die Ästhetik der selbstverrlichenden systematischen Selbstzerstörung, wie sie in der Figur des Bunny Munro angelegt ist. In Bunny Munro vereinen sich die beißende Ironie und die absolute Absurdität unserer Zeit. Ein Mann, der Schönheitsartikel an Frauen verkauft und der zugleich der weiblichen Schönheit, abseits des Schambereichs, nicht uninteressiert, doch wahrhaft gleichgültig gegenübersteht. Ein Mann, der seine Frau tot am Schlafzimmerfenster hängen sieht und der zugleich darüber nachdenkt, wie geil ihre Brüste aussehen. Ein Mann, der schon vor seinem Tod gestorben ist und der zugleich an der Stelle, an der das Leben entspringt, am Lebendigsten ist. Ein Mann, der seinem Sohn die Welt erklärt:

     

    „Man muss ihnen halt was bieten, von dem sie glauben, sie bräuchten es, weißt du, mehr als alles andere.“

    „Und was ist das, Dad?“

    „Hoffnung…einen Traum. Du musst ihnen einen Traum verkaufen.“

    „Und was ist der Traum, Dad?“

    Bunny Junior sieht, wie sein Vater seine Krawatte zurechtrückt und den Musterkoffer vom Rücksitz des Pluto nimmt. Er öffnet ihn, wirft einen kurzen Blick auf den Inhalt und klappt den Deckel wieder zu. Dann sieht er Bunny Junior an, zieht die Schultern zurück, öffnet die Autotür, richtet den Daumen auf seine Brust und sagt: „Ich.“

     

    Es irrt, wer glaubt, Nick Cave hätte einen Roman über die Abscheulichkeit unserer Zeit geschrieben, die sich darin manifestiert, dass Menschen dämlich sind und nicht wissen, was sie fühlen sollen. Vielmehr erzählt Der Tod des Bunny Munro von einer überbordenden Sehnsucht nach Leben. Denn eben jene Sehnsucht nach Leben ist es, die den eigentlichen Triebdrang unserer Zeit charakterisiert, der sich nur durch die Ausblendung der Abscheulichkeit stetig regenerieren kann.

     

    Wer Hoffnung will, sollte dieses Buch lesen. Denn wir alle sind Bunny Munro. Wir alle wissen, dass wir sterben werden.

     

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