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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 10:47

    Jean Echenoz: Laufen

    01.02.2010

    Emil rennt

    Jean Echenoz, zuletzt Autor eines schmalen biografistischen Romans über den französischen Komponisten Ravel, hat sich nun einem unscheinbaren, jedoch einst weltberühmten Langstreckenläufer zugewandt: Emil Zátopek und durchquert mit der Läuferlegende die CSSR-Geschichte. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Man muss schon etwas älter oder ein kundiger Sporthistoriker sein, um heute bei dem Namen Emil Zátopek einen schmalen Mann vor sich zu sehen, der scheinbar torkelnd, ganz und gar unelegant, mit heraushängender Zunge & vom Schmerz verzerrtem Gesicht über die Aschenbahnen der Stadien in den Fünfzigerjahren läuft, um dann nach fünf- oder zehntausend Metern oder nach dem Marathonlauf als erster durchs Ziel zu gehen. Denn die Wochenschauen seiner Zeit verfolgten den mehrfachen Weltrekordler, vielfachen Europameister und Olympiasieger, der in Helsinki 1952 in allen drei Langlaufdisziplinen die Goldmedaille gewann, während seine nachmalige Ehefrau Dana gleichzeitig die Goldmedaille im Speerwurf errang, auf allen seinen Wegen in den fortlaufenden Ruhm.

     

    Die „tschechische Lokomotive“ wurde das Inbild physischer Zähigkeit genannt. Emil Zátopek war, wie sein großer finnischer Vorläufer der Zwanzigerjahre, Paavo Nurmi, ein Ausnahmeathlet – vielleicht der letzte unzweifelhaft ungedopte; zumindest aber war Zátopek der erkennbarste Beleg für die Schiller'sche und sportliche Realutopie, wonach der menschliche Geist und der Siegeswille die Beharrungskräfte des trägen Körpers überwinden und dirigieren könne.

     

    Zátopek, der als Berufssoldat in der tschechoslowakischen Armee mit jedem internationalen sportlichen Erfolg befördert wurde, schien – im Nachhinein wird es deutlicher als zu seiner Zeit – in seinem sichtbaren Kampf mit seinem Körper aber auch so etwas wie die allegorische Ikone eines kommunistischen „Yes, we can“ gewesen zu sein. Von der KPC wurde er gefördert & dirigiert – er war ein gutmütiger, bescheidener Mensch –, und seine Landsleute haben ihn geliebt.

     

    Vom "lerneifrigen" Lehrling zur Lauf-Legende

    Der französische Erzähler Jean Echenoz, von dem zuletzt auf Deutsch sein schmaler biografistischer Roman Ravel erschien (siehe Titel-Magazin vom 12.4.07), hat in seinem neuen, ebenso kurzen Roman Laufen sich Leben & (Lauf-)Werk des Emil Zátopek vorgenommen. Weiter konnte er sich damit vom Porträt des arroganten, hagestolzen, mondänen musikalischen Dandys nicht entfernen – als zu dem des proletarischen, unauffälligen tschechischen Langläufers, dem wir als siebzehnjährigen „großen blonden Jungen mit einem dreieckigen Gesicht“ zuerst in Laufen begegnen. Da ist er ein „lerneifriger“ Lehrling einer Chemiefabrik im mährischen Ostrava. Die Deutschen haben die „Tschechei“ besetzt und zum Reichsprotektorat gemacht und Emil – wie Echenoz seinen Helden fortan immer beim Vornamen nennt – träumt von einer „netten kleinen tschechischen Chemikerlaufbahn“, wie sein Erzähler mit leicht ironischem Unterton bemerkt.

     

    Beides wird den weiteren Fortgang der Erzählung bestimmen. Indem er den bekannten Nachnamen, soweit es geht, ebenso unterdrückt wie historische Datumsangaben, schafft sich Echenoz einen fiktionalen Raum für Aufstieg & Fall seines von ihm erwählten „Coeur simple“; und indem er einen munter-aufgekratzten, ironisch-lässigen Stil wählt, übersetzt Echenoz die Biografie des 1922 geborenen und 2000 gestorbenen Läufers in ein manchmal etwas gönnerhaftes Parlando, mit dem er zugleich die politischen Zeitläufte skizziert, die „Emil“ durchquert.

     

    Zu seiner ruhmreichen Profession ist er wie die „Jungfrau zum Kinde“ gekommen ist: widerwillig, unverhofft, zufällig. Denn Sport hat der junge Mann, der für seine Familie sorgen musste, verachtet und als brotlose Zeitverschwendung angesehen – wie sein Vater, ein Arbeiter in einer Schreinerei, mit seinen sieben Kindern. Emil wurde aber von seiner Fabrik zwangsweise mit anderen Bauernjungen in langen Unterhosen zu einem Neun-Kilometer-Querfeldeinlauf gegen eine deutsche Wehrmachtsmannschaft („sämtlich Vertreter der Gattung Übermensch“) verpflichtet; und weil er, wie immer davor & danach, ein „gewissenhafter“ Mensch ist, „tut er, was er kann und gibt er, was er hat“. Zum Missfallen der Deutschen wird er Zweiter.

    Einem örtlichen Vereinstrainer fällt der „wirklich merkwürdig“ laufende Emil auf – und ihm selbst, dass er, so nett er ist, „gern kämpft“.

     

    Später begreift er, obwohl ihm das Laufen mittlerweile ein Vergnügen geworden ist, dass „man dieses Vergnügen erlernen muss“. Aber nicht so wie alle anderen, die ihre Ausdauer trainieren, sondern gegen alle Regel trainiert er auf kurzen Strecken die Erhöhung seines Tempos – und das mit Verbissenheit über die Schmerzgrenze hinaus. Das extreme Training wird ihm künftig die „Pflicht“ sein, der Wettkampf aber die „Kür“, bei der er mit seinem Endspurt an allen ausgepowerten Konkurrenten vorbeizieht.

     

    Zum ersten Mal gelingt ihm, der alle Regeln auf den Kopf stellt und eine komische Figur auf den Bahnen abgibt, der Triumph seiner zähen Gewissenhaftigkeit bei einem denkwürdigen Wettkampf der alliierten Armeen im Berliner Olympiastadion. Erst verlacht und verhöhnt, reißt er als Sieger das ganze Stadion zu bewundernder Begeisterung hin.

     

    Lebens-Lauf Mosaik

    Diese Episode ist der erzählerische Höhepunkt der 20 Takes, aus denen Echenoz mosaikartig den Lebens-Lauf seines braven Mannes zusammensetzt und die Zeitreise des Athleten mit den Zeitumständen in seiner kommunistischen Heimat verbindet. Oft laufen sie nebeneinander her, manchmal kreuzen sie sich, z.B. als das Militärkomitee dem mit Einladungen überhäuften Emil plötzlich mitteilt, dass er künftig für jeden Wettkampf eine vorhergehende Genehmigung brauche: „In Ordnung, sagt Emil, das ändert ja nicht viel. Bis jetzt habe ich die Genehmigung immer bekommen. Ja eben, Genosse, wird ihm geantwortet, jetzt bekommst du sie nicht mehr. Du kannst wegtreten. (…) Emil steckt das ein, aber es gefällt ihm nicht. Er sagt nichts, Tatsache ist aber, dass er in der Folgezeit ziemlich regelmäßig verliert.“

     

    Während Emil sich gewissermaßen schweijkhaft zurückfallen lässt, um dann plötzlich wieder mit Weltrekorden aufzuwarten („niemand hat es so weit gebracht wie er“), hat man es „unterdessen auf der Bühne der politischen Prozesse auch weiter gebracht als je. Großes Schauspiel der Staatssicherheit unter dramaturgisch-künstlerischem Beistand sowjetischer Berater, tadellose Auftritte der Beschuldigten, (…)1 a Publikum, alle – Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Angeklagte – beherrschen ihre Rollen aus dem Effeff, bewundernswert, das Drehbuch stimmt haargenau. Perfekte dramatische Steigerung bis zum Paukenschlag, dem Urteil, es regnet Urteile zum Tode durch den Strang, die Vollstreckungen werden üppig beklatscht, zahlreiche Vorhänge, lang lebe Präsident Gottwalt.“

     

    In jener düsteren Zeit des ultimativen stalinistischen Terrors in der CSSR ist, wie eine Million seiner Landsleute, auch Emil, „man muss es nun mal sagen“, der Partei beigetreten: „Nun halte man Emil nicht für einen Opportunisten. Dass er aufrichtig an die Tugenden des Sozialismus glaubt, steht außer Zweifel, ebenso aber, dass es dort, wo er angelangt ist, schwierig wäre, eine andere Position zu beziehen. Er weiß, er steht unter Beobachtung“ – gibt sein sympathetischer Lebensnacherzähler Echenoz zu bedenken. Und dass Emil kein politischer Opportunist & nicht nur ein besessener Sportler ist, sondern „eine ehrliche Haut“ und ein unkorrumpierter Charakter, der das Ethos des Sozialismus ernst nahm, hat er dann vor aller Augen bezeugt, als er sich 1968 auf die Seite Dubceks stellte.

     

    Bei der zweiten Invasion seiner Heimat – als der 46-Jährige schon lange nicht mehr läuft, aber immer noch der beliebteste Mann seines Landes ist – verurteilt er öffentlich die Invasion der „befreundeten Mächte“ und fordert sogar als Sportler den Boykott der UdSSR für die zeitnahe Olympiade in Mexiko. Er wird aus Armee & Partei verstoßen, und als die neuen Statthalter fest im Sattel sitzen, verbannen sie ihn aus Prag (wo seine Frau Dana bleiben muss) und schicken ihn sechs Jahre lang als Lagerist in die Uranminen. Dann wollen sie ihn sowohl befördern als auch demütigen, indem sie ihn zu einem Prager Müllmann machen. Es wird – eine chaplineske Episode – Emils später Triumph: Wenn er mit seinem Besen hinter dem Kübelwagen durch die Straßen der Stadt geht, erkennen ihn die Leute sofort und applaudieren ihm: „Kein Müllmann der Welt ist je so beklatscht worden.“

     

    Als man ihn nach weiteren Versetzungen schließlich nötigt, eine Selbstkritik zu unterschreiben, die derart vor Lügen strotzt, dass sie die Wahrheit ex negativo festschreibt, unterzeichnet er um seines lieben Friedens willen. Man gibt ihm einen Posten im Kellergeschoss des Sport-Informationszentrums: „Gut, sagt der sanfte Emil. Archivar also, ich habe es gewiss nicht anders verdient“ – womit er unseren Leseraugen entschwindet und Jean Echenoz seine tückisch-verharmlosende minimalistische Parlando-Komödie der „tschechischen Lokomotive“ mit einem Candide-Anklang aushauchen lässt. Hinrich Schmidt-Henkel hat, wie immer, den ironisch-flapsigen Ton des französischen Autors aufs Amüsanteste im Deutschen getroffen.

     

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