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    Freitag, 28. Juli 2017 | 02:40

    Roberto Bolaño: 2666

    14.01.2010

    Literatur & Verbrechen, Wirklichkeit & Wahnwitz

    Zu den rätselhaftesten Roman-Projekten der gegenwärtigen Weltliteratur zählt das monumentale Fragment 2666 des Lateinamerikaners Roberto Bolaño, der über seiner Fertigstellung mit nur 50 Jahren 2003 gestorben ist. In dieser Zeit der dicken Bücher ist das von Christian Hansen vorzüglich übersetzte 2666 mit seinen knapp 1100 Seiten eine der größten literarischen Herausforderungen. Ein Lektürebericht in drei Teilen von WOLFRAM SCHÜTTE (3). Zum 1. Teil

     

    Im abschließenden „Teil von Archimboldi“ (mit 352 Seiten der zweitumfangreichste der fünf Romane) schreibt Bolano die Biografie seines fiktiven deutschen Dichters von A bis Z: ein literarisches Virtuosenstück – wenngleich man gegen dessen Ende den Eindruck hat, dass es Fragment geblieben ist und Echevarria einiges zusammengeflickt hat, was Bolano unausgeführt & unverbunden zurückgelassen hatte.

     

    Die Tragödie der revolutionären Literatur im Stalinismus

    Jedoch: im „Teil von Archimboldi“ treibt der gelehrte Fantast und brillante Erzähler Bolano sein literarisches Patchwork am Buntesten. Die märchenhaft beginnende, groteske und abenteuerlich weit ausgreifende deutsche Dichterbiografie Hans Reiters & seines Pseudonyms Benno von Archimboldi, breitet Bolanos immenses Wissen von der europäischen Kultur- & Literaturgeschichte geradezu verschwenderisch & quasi unter der Hand des allwissenden Biografen aus – so vielfältig, dass man als Deutscher nur staunen kann: sowohl über Bolanos literarhistorischen als auch über seine geographisch-lokalen Kenntnisse, trotz mancher kleiner Unschärfen.

     

    Der 1920 geborene Hans Reiter – Sohn eines einbeinigen Weltkriegsveterans und seiner einäugigen Frau – schießt von früh an zu einem friderizianischen „Langen Kerl“ auf (wie der „Blechtrommler“ Oskar ewig willentlich ein Gnom blieb), der als „tumber Tor“ in der Nachfolge von Wolframs Parzival, seines Lieblingshelden, 1939 „zu den Fahnen gerufen wird“, mit der Wehrmacht nach Polen, Rumänien und in die Ukraine kommt und 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft einen Beteiligten am Holocaust tötet – der ihm erstmals von den deutschen Verbrechen gesprochen hatte.

     

    Aber Bolanos monströs-ironisch erfundener exemplarischer deutscher Lebenslauf erlaubt ihm eine weitere Horizonterweiterung seiner Fantasmagorie von Literatur & Verbrechen, Sexualität & Tod, Wirklichkeit & Wahnsinn. Er lässt den am Dnjepr verwundeten jungen Deutschen in einem verlassenen Haus die Aufzeichnungen des russisch-jüdischen Schriftstellers Ansky entdecken, der auch im Deutschland der Weimarer Republik sich aufgehalten und mit Größen wie Alfred Döblin verkehrt hatte. Das „Fundstück“ gestatte Bolano, die große Zeit der revolutionären Literatur von Babel, Platonow, Belji, Pilnjak é tutti quanti gewissermaßen augenzeugenhaft heraufzurufen und das Schicksal ihrer Autoren im mörderischen Stalinismus in sein großes erzählerisches Panorama zu integrieren.

     

    Unter den Aufzeichnungen des verschwundenen Ansky findet Reiter aber auch sein Nom de plume, als er im Nachkriegsdeutschland zum Schriftsteller wird, von dessen erwähnten zehn Romanen uns nur die Titel, aber nichts über ihre Sujets, Themen oder Inhalte mitgeteilt wird.

     

    Schon Ansky suchte im Werk des hochmanieristischen Italieners Giuseppe Arc(h)imboldo Trost – „wenn es in der Wirklichkeit zu schlimm“ für ihn wurde. „Die Technik des Mailänders war in seinen Augen die personifizierte Freude“, weil der Maler seine einzigartigen Bilder mit Objekten (wie Blumen, Früchte oder auch Bücher) so komponierte, dass sie sich zu Menschenporträts verdichteten oder „Umkehrbilder“ malte, die einerseits das komisch-humoristische Bild eines Kochs zeigten und andererseits, auf den Kopf gestellt, das „Schreckbild“ eines „grimmig lächelnden Söldners, der dich anschaut, als wüsste er Dinge von dir, schreibt Ansky, von denen noch nicht einmal du selbst etwas ahnst“.

     

    Ariadnefaden gefunden - oder bloß selbst geknüpft?

    Der mit drastischer Deutlichkeit assoziierte Verweis auf den exzentrischen, spielerischen, „verrückten“ Maler macht dessen Ästhetik zum Sinn- & Vorbild dessen, worauf Bolano mit seinem ebenso ambitionierten wie begriffs- & sinnfeindlichen literarischen Weltbild in allen seinen wahnwitzigen, irritierenden, ausschweifenden erzählerischen „Niederauffahrten“ (Giorgio Manganelli) abzielt.

     

    Mehr noch: Dieses fünfteilige Spiegelkabinett von Erzähl-Bildern flüchtiger sexueller Lust und permanenter Exekution des Schreckens, des Wahns, des Sadismus und des Mordens gleicht einem episch ausgeuferten Siebten „Gesang des Maldoror“, in dem – wie ein Essayist im „Haus aller verschwundenen Schriftsteller Europas“ dem Besucher Archimboldi im Roman erklärt – „alle Eloquenz des Schmerzes ist“.

     

    Bolanos „Buch seiner Bücher“ ist ein ebenso trauriger wie gelegentlich sogar höhnischer Abgesang auf die Weltdeutungsmacht der über alles geliebten Literatur, die in den Augen eines Verzweifelten, der seinen Tod erwartet, nichts anderes ist als „eines Toren Fabel nur, voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar“ – wie Faulkner einst in seinem gleichnamigen Roman The Sound and the Fury William Shakespeares „Macbeth“ zitierte.

     

    Mehrfach wird an verschiedenen Stellen von 2666 gegen die Wirklichkeit – sie „ist wie ein bekiffter Zuhälter in einer Gewitternacht“ oder „eine aidsversuchte läufige Hure“ – und gegen die Geschichte, „diese mausgraue Hure“, als tröstende Hoffnung die Schopenhauer’sche Erlösungsidee ins Spiel gebracht: „die Möglichkeit, dass alles nur ein Trugbild sein könnte“ – eine „Besatzungsmacht, die noch die äußersten und entlegensten Bereiche der Wirklichkeit kontrollierte“. Wahrscheinlicher aber ist auch oder gerade die Literatur nur ein verzweifeltes Trug-, als künstlerisches Vexierbild der Wirklichkeit, hilf- & hoffnungslos.

     

    Und der „Nachruhm“, auf den einer wie der gegen seinen absehbaren Tod anschreibende Roberto Bolano mit seinem Opus Magnum hoffte? „Der Nachruhm ist ein Vaudeville-Witz“, wie Archimboldi auf der letzten Seite von 2666 erfährt. Nichts ist in der Erinnerung der Nachwelt von dem großen deutschen Botaniker, Landschaftsarchitekten und aufklärerischen Schriftsteller Fürst Pückler-Muskau geblieben, als das „äußerst rätselhafte Vermächtnis“ eines „Fürst-Pückler-Eises“, das Archimboldi in Hamburgs Planten un Blomen verzehrt hat, bevor er am nächsten Morgen abflog: nach Mexiko. (Denn der dort inhaftierte Klaus Haas ist sein Sohn!)

     

    Und den Leser, der ein ebenso rätselhaftes wie faszinierendes eintausendundfünfundachtzigseitiges Leseabenteuer hinter sich hat, wieder allein zurücklässt: nicht erschöpft, nein; aber einem Labyrinth entronnen, von dem er im Nachhinein immer noch nicht, jetzt erst recht nicht weiß, welchem Bann er erlegen und welchem Sog er gefolgt war und ob der Ariadnefaden seines Lektüre-Erlebnisses von Roberto Bolano ausgelegt oder ob er ihn sich nicht bloß selbst – fadenscheinig – geknüpft hatte.

     

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