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Roberto Bolaño: 2666

04.01.2010

Literatur & Verbrechen, Wirklichkeit & Wahnwitz

Zu den rätselhaftesten Roman-Projekten der gegenwärtigen Weltliteratur zählt das monumentale Fragment 2666 des Lateinamerikaners Roberto Bolano, der über seiner Fertigstellung mit nur 50 Jahren 2003 gestorben ist. In dieser Zeit der dicken Bücher ist das von Christian Hansen vorzüglich übersetzte 2666 mit seinen knapp 1100 Seiten eine der größten literarischen Herausforderungen. Ein Lektürebericht in drei Teilen von WOLFRAM SCHÜTTE (1).

 

„Alles in diesem Land ist eine Anspielung auf alle Dinge dieser Welt, einschließlich der Dinge, die es noch gar nicht gibt.“ (2666, S. 417)

 

Als der in Chile geborene, aber nach Pinochets Putsch 1973 zuerst in Mexiko und ab 1976 in Spanien lebenden Roberto Bolano 2003 im Alter von 50 Jahren starb, hatte er – im drohenden Schatten seines ihm lange angekündigten Todes durch Leberzirrhose – bis zuletzt an seinem Opus Magnum 2666 geschrieben. Das Konvolut von fünf in sich geschlossenen Romanen, die sich jedoch alle auf den „innersten Kreis der Hölle“, die Santa Teresa genannte Imagination der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, beziehen, ist Fragment geblieben, das Bolanos mexikanischer Freund Ignacio Echevarría 2004 edierte. Unklar blieb, trotz seines editorischen Nachworts, wie weit Bolano seine Konzeption noch realisieren konnte und wo & wie der Editor in das aber offenbar weit fortgeschrittene Fragment eingegriffen hat. Christian Hansen hat – bis auf die lässlichen Sünden kleiner Verschreibungen – die im Deutschen fast 1100 Seiten umfassende Prosa des Lateinamerikaners bewundernswert übersetzt.

 

 

Nichts lässt einen ahnen, wohin sich das Lektüre-Abenteuer von 2666 bewegen wird, wenn man die Ouvertüre des Buchs zu lesen beginnt. Das ist auch zum Beispiel in Joseph Conrads Herz der Finsternis so; aber dort annonciert der Titel eine Ahnung des „Grauens“, auf die der Erzähler & der Leser stoßen wird, wohingegen Bolanos Titel-Zahl nur ein Rätsel ist – und übrigens auch bleibt. Allenfalls außerhalb des Romans, in einem anderen Buch des Autors, wird die Zahl einmal erwähnt – als ein zukünftiger Friedhof. Ist 2666 also ein Friedhof der Verschwundenen, eine aufleuchtende Sammlung des Verschwindens?

 

Der „Teil der Kritiker“, mit dem der literarische Koloss anhebt, erzählt von den literarischen Obsessionen, die drei europäische Literaturwissenschaftler aus Spanien, Frankreich und Italien und eine englische Kollegin erotisch zusammenführen. Sie alle beschäftigen sich mit der Exegese oder auch der Übersetzung der zehn Bücher des 1920 geborenen deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldi, der Dank ihrer Aktivitäten vom Status des auflagenschwachen deutschen „Geheimtipps“ zum international bekannten Nobelpreiskandidaten aufsteigt – obwohl er (wie Thomas Pynchon) nur als Phantom existiert. Da Archimboldi von ihnen qualitativ in der Nähe der namentlich erwähnten Günter Grass und Arno Schmidt lokalisiert wird (& ebenso unnahbar wie dieser ist), gleicht Bolanos literarische Fantasie einer Fiktion, die womöglich vom „Dechiffriersyndikat“ und dem Bargfelder Boten inspiriert wurde. (Wie auch Bubis, der Name von Archimboldis deutschem emigriertem Verleger, oder Borchmeyer, der Name eines deutschen Archimboldi-Germanisten, für unsereins auffällig ist im Roman des Lateinamerikaners.)

 

Auf der Suche nach dem verschwundenen Autor

Anders als die Kenner & Liebhaber des Bargfelder Eremiten, die sich einzig seinem Œuvre widmen, begnügt sich diese literaturwissenschaftliche Internationale der vier Archimboldianer jedoch nicht mit dem Kongresszirkus des Wissenschaftsbetriebs und dem dortigen Kampf der Deutungsfraktionen. Sondern alle sind auf der Suche nach dem im Verborgenen lebenden Autor. Der häufige persönliche Austausch über das Objekt des gemeinsamen Begehrens nach ihrem literarischen Deus abscondidus verführt sie bald zu einem munteren erotischen Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, das die attraktive Engländerin mit dem Spanier und dem Franzosen praktiziert.

 

Als sie den Tipp bekommen, der deutsche Autor sei augenblicklich in Santa Teresa – einer wüsten Grenzstadt des nördlichen Mexiko –, reisen die drei mobilen Rechercheure dorthin, bewegen sich in der universitären Community, ohne jedoch auch nur eine Spur von dem Verschollenen zu finden. Gerüchteweise hören sie von der alltäglichen Gewalt in Santa Teresa, deren Mordopfer junge Frauen sind, zugleich aber wirkt der gespenstische Ort auf sie und ihre Albträume ein, Unheimlichkeit breitet sich aus.

 

Überstürzt verlässt die englische Literaturwissenschaftlerin Santa Theresa und flieht in die Arme des an den Rollstuhl gefesselten italienischen Archimboldianers in Turin. In mehreren Briefen berichtet sie vom Glück ihrer beider Liebe, während ihre zwei verlassenen Liebhaber in der befremdlichen Stadt ausharren, der Spanier eine flüchtige Liebesbeziehung mit einer jungen Teppichverkäuferin auf dem Markt knüpft und der Franzose sich täglich am Swimmingpool wieder in Archimboldis Werke vertieft. Die beiden in einem Luxushotel Santa Teresas gestrandeten Literaturwissenschaftler haben zuletzt den Eindruck, im Anblick eines Betonklotzes, „in dem sich die Sauna befand“ und der ihnen vorkam „wie ein Bunker mit einem Toten im Innern“, Archimboldi „so nahe“ zu sein, wie sie ihm „nie wieder sein werden“.

 

Der „Teil der Kritiker“ endet ein wenig wie eine „shaggy-dog-story“; zumindest lässt sie einen als Leser frustriert zurück: Der gesuchte Schriftsteller, um den so viel Wind gemacht wurde, taucht nicht auf und die vier Kritiker verschwinden im Banalen und Ungefähren: so what?

 

Mit dem zweiten Buch, dem „Teil von Amalfitano“, verdichtet sich die Atmosphäre des Unwirklichen, Rätselhaften und Bedrohlichen. Amalfitano, der den europäischen Archimboldianern schon im „Teil der Kritiker“ begegnet war, ist ein fünfzigjähriger chilenischer Emigrant, der mit seiner siebzehnjährigen Tochter Rosa als Philosophie-Professor in Santa Teresa gestrandet ist. Lange hatte er zuvor in Barcelona gelebt, wo ihn seine Frau Lola verlassen hatte, als ihre Tochter zwei Jahre alt war. Über die Jahre hin hatte ihm Lola in sporadisch eintreffenden Briefen von ihrer abenteuerlichen Vagabondage durch Spanien berichtet. Sie suchte die sexuelle Nähe eines verrückt gewordenen, schwulen spanischen Dichter-Gurus, den sie in einer Irrenanstalt auf- & heimsucht; als Herumtreiberin, die auf Friedhöfen nächtigt, stirbt das Groupie des esoterischen Hippietums der siebziger Jahre schließlich an Aids.

 

Das Geometriebuch auf der Wäscheleine

Amalfitano, dem seine verrückte Frau die Drohung hinterließ, wonach Wahnsinn ansteckend sei, scheint von Bolano als Allegorie der Philosophie gedacht zu sein, die „Chaos in Ordnung verwandelt, wenngleich um den Preis dessen, was man gemeinhin Vernunft nennt“ – wenn er, Marcel Duchamps Ready-made-Ästhetik folgend, ein Geometriebuch an eine Leine in seinem Garten wie ein Hemd aufhängt und der Wind je nach seiner Stärke die Seiten umschlägt. Diese Installation scheint, durch ihre Verbindung von Mathematik & Zufall, so etwas wie die luftige Poetik Bolanos in 2666 zu versinnbildlichen: ein Hin-& Herblättern in Geschichten, Anekdoten, Fantasien und Träumen.

 

Zunehmend aber wird der solipsistisch lebende Philosophieprofessor, dessen Gedanken zu dem verrückt-absurden Gründungsmythos Chiles schweifen, in dem von dem angeblichen Griechentum, der weitreichenden Telepathie & der Geheimschrift der araukanischen Ureinwohner die Rede ist – zunehmend wird Amalfitano von flüsternden Stimmen heimgesucht, die ihn an allem zweifeln lassen, was er glaubte: „alles verrät uns – nur die Ruhe nicht“. Der machistische Sohn des Universitätsrektors, der sich an Amalfitano hängt, weil er in ihm einen Geistesverwandten sieht, erklärt ihm, dass er nur noch Lyrik lese („Einer meiner Lieblingsdichter ist Georg Trakl“), weil sie nicht „verseucht“ & „frei von Kommerz“ sei, also „gesunde Nahrung und keine Scheiße“.

 

Bevor Bolano den zweiten Teil abrupt und wie auf einem schrillen Ton enden, nämlich Amalfitano aus einem Traum erwachen lässt, der ihm „federleichtes Wohlbefinden verschafft“, belehrte ihn sein Traumgast Boris Jelzin, „der letzte kommunistische Philosoph“, darüber, dass das Leben nichts anderes sei als „Angebot + Nachfrage“; aber weil man mit dieser tristen ökonomischen Wahrheit nicht leben könne, gelte die Formel: Angebot + Nachfrage + Magie. „Magie ist Epik und Sex und dionysischer Nebel und Spiel.“ Mit dieser Nietzscheanischen Reminiszenz, die auch eine ironische Reflexion über die zwielichtige Rolle der Literatur ist, schließt der „Teil von Amalfitano“.

 

Nach dem Scheitern der Philosophie angesichts der Redundanz und des Wahnwitzes des Lebens versucht der schwarze politische Reporter Quincy William, der sich Oscar Fate (Schicksal) nennt, von der New Yorker Zeitung Black Dawn (Schwarze Morgenröte) Licht in das Dunkel von Santa Teresa zu bringen. Dabei war er, dessen Mutter gerade gestorben ist, nur als Ersatz eines eben in Chicago ermordeten Sportreporters nach Santa Teresa geschickt worden, um über einen Boxkampf in der mexikanischen Grenzstadt zu den USA zu berichten.

 

Je länger er sich aber in diesem dritten Roman von 2666 vor und rund um den Boxkampf in Santa Teresa aufhält (und dabei auf Amalfitanos Tochter Rosa trifft & sich in sie verliebt), desto mehr ist er von der rätsel-, ja: seuchenhaften Mordserie an jungen Mädchen und Frauen fasziniert, von denen er hört. Er möchte für seine Zeitung darüber recherchieren & schreiben, wird aber zurückbeordert, wobei er die bereits Kokain konsumierende Rosa, auf Bitten ihres Vaters, mit über die Grenze nimmt und sie damit wohl vor dem sicheren Tod in der höllischen Unterwelt bewahrt.

 

Hier nun, im „Teil von Fate“, erreicht Roberto Bolano seine literarische Meisterschaft, die sich zuvor nur phasenweise angedeutet hatte. Raffinierter und souveräner als schon zuvor entfaltet Bolano in diesem dritten Roman ein episches Kontinuum des Erzählens, das der labyrinthischen Gleichzeitigkeit von Angst- & Traumzuständen, wie sie David Lynchs Filme kinematografisch entwickelt haben, literarisch entspricht.

 

Zum 2. Teil von Wolfram Schüttes Auseinandersetzung mit 2666.

 

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Jeder, aber auch jeder Kritiker, der das Buch je besprochen hat, meinte, daß der "Teil von Fate" der schwächste von den fünf sei. Also entweder haben alle anderen unrecht, von der New York Times über El Pais bis zur FAZ, oder Wolfi Schütte will mal wieder unbedingt klüger sein.
| von Peter K., 08.01.2010

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