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Rainer Schmidt: Liebestänze

19.12.2009

Der Mehltau auf meiner Seele

Rainer Schmidt erzählt von der Liebe in den Zeiten des Techno. Dabei klingt er wie Barbara Cartland. Ist die Sehnsucht nach der besseren Welt vielleicht untrennbar mit Kitsch verbunden? Von BRIGITTE HELBLING

 

Am besten ist es, wenn keiner redet. Stattdessen: Die Halle. Soundgewitter. Bollernde Bässe. DJs wie Schamane hinter den Plattentellern. Und tanzen. Tanzen. Tanzen. Reden muss aber die Romanfigur, wenn sie erzählen will, wie das damals war bei den Techno-Raves in den 1990ern. Felix heißt der junge Mann, der sich in diese Szene hineinwirft. Tagsüber arbeitet er im Finanzgeschäft. Nachts ist er immer unterwegs. Beides gleichzeitig geht nicht lange gut.

Liebestänze ist der Roman zur Szene von Rainer Schmidt; inoffizieller Untertitel: „Der wahre Roman über die deutsche RAVEolution der 90er-Jahre.“ Man kann das Buch als Dokumentarbericht der Zeit lesen und profitiert. Viele merkwürdige, lustige und beunruhigende Dinge hat der 45-jährige Autor damals anscheinend mitbekommen. Seine Erfahrungen wirft er Protagonist Felix als Mantel über und lässt ihn losziehen. Nicht einfach so - Felix hat auch Sehnsüchte. Die kreisen um die DJ Karla, die er von früher kennt und noch immer liebt. Bis die beiden sich finden, gerät einiges dazwischen, das ist in solchen Storys so und soll auch so sein: Dem langen Vorspiel der Liebeswerbung folgt ganz am Ende, dezent angedeutet, das Glockengebimmel der Vereinigung. Barbara Cartland hat mit diesem Prinzip eine Menge Geld gemacht.

Am Glücksee schrillen die Sirenen

Warum Barbara Cartland? Nun – die Stiefgroßmutter von Prinzessin Diana war eine Meisterin des schwülstigen Klischees, und Rainer Schmidt ist ihr würdiger Nachfolger. „Mike irrte damals durch die Nächte, Verzweiflung dort, wo sein Herz saß.“ Oder (der Tänzer wird von einer Dame angefasst): „Am Glückssee schrillte eine helle, durchdringende Sirene.“ Oder: „Diese Erkenntnis läge wie Mehltau auf ihrer dürstenden Seele, nach großen Gefühlen wolle sie sich verzehren.“ Neu (wenn auch nicht mehr so neu) ist die Szene, die beschrieben wird, altmodisch die Sprache, die dafür eingesetzt wird. Schon deutschsprachige Romane zum Aufbruch der Jugend aus den 1920ern, aus den 1960ern klingen so. Ist die Hoffnung auf eine bessere Welt literarisch vielleicht untrennbar mit Kitsch verbunden?

Hier soll keine Lanze für die Literatursprache gebrochen werden, mit der sich wunderbare, neuartige, extrem aufregende Dinge anstellen lassen - Dinge, die den Buchautor Schmidt nicht zu interessieren scheinen. So be it! Hier soll eine Lanze für Liebestänze gebrochen werden, das sich mit herzerfrischendem Eifer in die Darstellung einer Zeit wirft. Das Buch ist nicht nur „wahr“ oder zumindest (vermutlich) wahrhaftig, es enthält auch eine ganz ordentliche Liebesgeschichte und eine schöne Nachzeichnung der Ambivalenz eines Lebens im Techno-Taumel. Ist die große Vereinigung wirklich die neue Religion? Oder doch nur ein gemeinschaftlich getragenes Lügengespinst, gespeist von Pillen und Koks? Und wie, jenseits von Feiern und Ideologie, verhält es sich eigentlich mit der Liebe?

Öder Ruf nach dem Lektor

Man würde Liebestänze mit Genuss lesen, wenn das Buch nicht unentwegt dabei wäre, über die eigenen Sprach-Klumpfüße zu stolpern. - Man hat in seinem Leben vielleicht schon zuviel gelesen. Man hat sich zu oft berauscht an Büchern, deren Sprache Horizonte aufreißt. Das Glück einer ganz neuen Welt. Man ist vielleicht zu belesen... anderseits. In Liebestänze geht es um Musik, DJ-Sets, Sound – da ist auch jeder falsche Ton ein Desaster.

Bleibt also nur, Hallo, Lektor!?! zu schreien, der ödeste Ruf in der Rezensionslandschaft. Trotzdem: Was immer an Lektoratsarbeit für dieses Buch stattgefunden hat – es hat nicht ausgereicht, um dem Autor Macken auszutreiben wie ständig zwischengeschobene Hinweise auf die Zentralfigur – „wie Felix auffiel“, „wie Felix gerührt feststellte“, „wie Felix fand“. Und „Felix dachte“ – wie oft kommt das vor? Ich weiß, dass Felix denkt! Schließlich erzählt er (vermittelt durch Schreiber Schmidt) mir die Geschichte. Wären die beiden in ihrer Sprache bloß so anspruchsvoll wie in ihren Musikhörgewohnheiten – ihr Erzählen könnte mir gut gefallen.

 

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