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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 11:07

    Dietmar Dath: Sämmtliche Gedichte

    30.11.2009

    Gewinnbringende Diffusion

    Dass Dietmar Dath von Lyrik keine Ahnung hat, hindert ihn nicht daran, einen vorzüglichen Roman darüber zu schreiben. Aber warum macht er das? Weil er einfach ein Schlingel ist? Ein Buch der anderen Sorte. Von MARIUS HULPE

     


    Wo Diffusion herrscht, das ist ein ganz einfacher logischer Schluss, kommt es manchmal zu spannenden Erklärungen. Das ist keineswegs sicher; doch wenn jemand wie Dietmar Dath einen Roman über Gegenwartslyrik schreibt, von der er keinerlei Ahnung hat, was nichts ausmacht, weil er ja eben doch Dietmar Dath bleibt, wiederum schon. Denn das von der Lektüre des Romans Sämmtliche Gedichte erzeugte Gefühl ist ein diffuses. Allerdings, so spricht ein zweites Gefühl, ist diese Diffusion hier vollkommen angemessen. Überhaupt werden Gefühle, Träume, Sehnsüchte und unerfüllte Wünsche großgeschrieben, egal ob der Protagonisten, des Lesers, eines außerhalb und zugleich innerhalb dieser Fiktion stehenden Autors namens Dietmar Dath, der dem eitlen Protagonisten und halbseidenen Hauptdarsteller Adam Sladek hin und wieder methodisch gut abgefederte Tipps gibt – ganz wie man sich das wünscht als schon gehuldigter und vom Lyrikbetrieb absorbierter, aber eben niemals ganz sattelfester, in seinen Grundfesten immer erschütterbarer Autor, der Sladek ist.

    Der Autor im Autor im Autor

    Ein Buch hat es geschafft, bei der Betrachtung eines kleingeredeten und wenig lautstarken Gegenstands wie der Gegenwartslyrik die ganze ungeordnete tagesaktuelle Weltkomplexität wiederzuentdecken. Wie hat Dath das geschafft? Das wird vermutlich sein Geheimnis bleiben oder das Geheimnis desjenigen, der es so empfindet. Und dennoch kann man über das sprechen, worum es geht: Um Gedichte, hermetische, alberne, bunte, um die Menschen, die sie schreiben und um das, was noch so in ihnen und um sie herum geschieht. Einer gewinnt massenhaft Preise und ist im Feuilleton sehr beliebt. Problem ist, dass Adam Sladek – obwohl von Johanna als der alte „Soldat“ geoutet, „der er immer schon war“ – so sensibel ist, das Widerliche an der eigenen Existenz zu erkennen, zugleich so stalinisiert und abgefeimt, dass er damit immer weniger Probleme hat und es sich gut gehen lässt in seinem Dschungel aus „Huchel-Preis, kookbooks“, später „Suhrkamp“, was auch immer. Dath lässt all das wunderbar fies und geschickt plakativ aufklingen, behandelt es als Oberfläche, trifft in manch offene Wunde. Der Typus, den Adam Sladek verkörpert, entspricht dem Klischee vom landläufigen, mittlerweile auch schon gar nicht mehr ganz so jungen Dichter, dem wie der Künstlerin Johanna Rauch nur immer deutlicher wird, dass sich seine private Existenz von der öffentlich wahrnehmbaren beinahe vollständig abgelöst hat. Denn sie beide sind Wracks. Eigentlich sind sie auch keine Freunde, eigentlich haben Menschen wie sie keine Freunde, will Dath uns weismachen. Hier lehnt er sich vielleicht, mit Sicherheit, ein wenig zu weit aus dem Fenster. Viel interessanter ist die Art und Weise, wie ihre Kunst durch die Maschinerie dringt, sich allmählich durchsetzt, während die Persönlichkeit draußen hängen bleibt und sich nicht mitentwickeln kann.

    Markt und Schönheit

    Dieses Stehenbleiben ist aber nichts, was den Personen nun als Mangel ihres Künstlertums ausgelegt würde. Eher werden die Bedingungen, unter denen sie zu Künstlern werden, als solche beschrieben, die auch nur noch eine solche Entwicklung zulassen. Niemand ist frei, schon gar nicht künstlerisch. Das Ideal dessen verpufft peinlich hinter einer Wolke aus gut bezahlten Aufträgen. Die Suche nach dem Schönen, Wahren und Guten hat ihre pragmatischen Zügel bekommen: mindestens eine dieser drei Urgrößen ist immer auch käuflich, wenn der Preis stimmt. Dann kann sich auch an hoffnungslos verstaubte Beziehungen geklammert werden, verbotene Äpfel hängen überall und das Paradies ist problemlos reproduzierbar, der inner circle ist routiniert illusionslos und doch easy und gut gelaunt.

    Wie aber ist nun mit den vom nicht fiktiven Autor Dath geschriebenen und dem fiktiven Autor Sladek, der unter Beratung des fiktiven Autors Dath arbeitet, in den Mund gelegten Gedichten umzugehen? Dafür dass sich der fleißige Romaneschreiber bislang nicht im Entferntesten als Lyriker geoutet hat, erweisen die Gedichte hier und dort große ästhetische Gewitztheit, man möchte sagen: Hellsicht, was die innovativen Möglichkeiten betrifft. Es sind ganz und gar neue, neoistische Gedichte, blau blühende, suchend-naive, zugleich formal irgendwie hochreflektierte Gebilde, aus denen sich ein halber Band machen ließe. Dem Irgendwie scheint dabei aber eine zentrale Rolle zuzukommen. Die Oberfläche ästhetischer Gewitztheit ist es nicht nur, die Dath reproduziert – er ironisiert sie auch kräftig.

    Die Gedichte zu lesen ist nicht nur für den Roman interessant und entscheidend. Sie könnten als eigenständige Texte bestehen, hätten aber, und hier lässt sich etwas von Daths bewusst klischeeorientierten Interessen herauslesen, ihre Grenzen: er sucht den Künstler, der irgendwie gut und ernst zu nehmen ist, irgendwie aber auch nicht, sondern ein künstlicher Fuchs, der gar nicht mehr merkt, wenn ihm etwas nicht gelingt, weil es der Betrieb auch nicht mehr bemerkt. Es wird hingenommen und geschluckt, und das bei einem vielleicht Vierzigjährigen. Die Erfolgsprinzipien eines Marktes werden also ironisiert, karikiert, und hier gelangt man an den Punkt, an dem sich von der Lyrikdebatte gelöst werden darf. Sie ist nur ästhetizistisches Beispiel einer durchästhetisierten und darum geschmacklosen Welt. Und sie ist noch mehr: die letzte Bastion von Autonomie, Eigenwille und wuchernder Schönheit. Sie muss untergehen. Sladek ist nur die Verkörperung desjenigen, an dessen Schicksal sich das Verschwinden vollzieht. Er selbst zeigt alle Eigenheiten eines manieristischen, selbst bepudelnden Midlife-Kriselnden, der um als avantgardistisch zu gelten auch schon wieder viel zu alt und bieder ist.

    Gerade innerhalb der Lyrik beantwortet sich die Frage nach der Art und Weise, wie sich Welt, Sprache und das Ich, das irgendwo dazwischen hängt, zueinander verhalten, immer neu. Das hat auch Dath erkannt. Darum darf die in poetologischer Hinsicht nicht unspannende Frage, wem die Gedichte des fiktionalen Autors Sladek, geschrieben von Dietmar Dath, nun zuzurechnen sind, getrost hinausgeschoben werden. Zwingender ist, dass Gedichte, ob nun Kitsch oder Poesie, apollinisch oder dionysisch, wieder als Weltempfänger auftreten, an ihnen lässt sich alles Verhandelbare auch verhandeln. Sie sind hellwache Vorboten und Platzhalter einer Kultur, um deren Bedrohung sie wissen.

    Lied


    Sie nahm die Milch und hielt das Schälchen fest
    Und ließ die Erdbeerstücke rot drin schwimmen
    Daß der Geschmack ins Weiße schoß: ein Test.

    Sie schrieb: „Johanna Rauch“, das schien zu stimmen,
    Mitten aufs Bild | so ging die Signatur,
    Und machte sich danach ans Rändertrimmen.

    Dann tat sies in den Umschlag | letzte Spur
    Von zwanzig Jahren Arbeit an den Bildern.
    Jetzt gings ums Leben | nicht mehr um Kultur.

     

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