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    TITEL kulturmagazin
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    Jakob Hein: Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand

    07.12.2009

    RocknRoll im ,,Haus der Pioniere"

    Jakob Heins neuer Roman erzählt vom Erwachsenwerden in der späten DDR. Die locker geschriebene Adoleszenzgeschichte ist witzig, wirkt durch die Aneinanderreihung permanent schiefgehender Liebesabenteuer auf Dauer aber auch etwas anstrengend. Von DIETMAR JACOBSEN

     

    Wer zählt die Frauen, nennt die Namen? In Jakob Heins neuem Roman kommen einige zusammen. Sie heißen Ute und Doreen, Sarah und Peggy, Jana und Julia, Anette und Jeanine, um nur die wichtigsten zu nennen. Und sie stellen den Stoff dar, aus dem die Träume von Heins Protagonisten Alexander sind, dessen erotische Eskapaden von der sechsten Klasse an der Leser Kapitel für Kapitel mitverfolgen darf.

    Der Kerl ist einerseits ein Tausendsassa. Immer die schönsten, immer die intelligentesten, immer die undergroundigsten Frauen suchen sich ihn aus. Nur tun sie das andererseits leider nicht, weil sie von ihm als Mann begeistert wären, sondern man benutzt ihn nur als „beste Freundin mit Penis“. Er darf die Angebeteten trösten, wenn sie Liebeskummer haben. Ihn schicken sie vor, soll ein neuer Märchenprinz mit Witz und Verve erobert werden, und auf seine einfühlsamen Sätze zählen sie, wenn ihnen selbst die Worte fehlen.

    „Wir haben Musik gehört, geraucht, bisschen Scheiße gebaut. Cool eben.“

    Man schreibt im Übrigen die späten Achtziger in der DDR. Lethargie und Stillstand sind an der Tagesordnung. Bewegung existiert allenfalls noch simulativ und wer Ambitionen hat, wird automatisch als Störenfried empfunden. Doch den Helden des Berliner Autors treiben ganz andere Fragen um als die, warum es nicht klappen will mit der kapitalistischen Alternative im Osten Deutschlands. Wieso etwa bringen die Großeltern von ihren Westreisen nicht Platten von The Cure und Depeche Mode mit, sondern lassen sich Johnny Cash und Modern Talking aufdrehen? Weshalb findet man in ganz Ostberlin, wenn man dem System als Grufti seine Verachtung bekunden will, keine ordentliche Weißschminke, sondern muss sich das Gesicht mit Zinksalbe zur Behandlung wunder Babypos einschmieren? Und woran kann es wohl liegen, dass immer andere von den Bettgeschichten erzählen, die man selbst gerne erleben würde.

    In fünfundzwanzig kurzen Kapiteln, eingerahmt von einem Pro- und einem Epilog, die das Ganze notdürftig runden, erzählt Hein vom Erwachsenwerden. Im Grunde ist das natürlich nichts Neues. Denn wer hat sie nicht durchgestanden, all die Plagen und Nöte jenes Lebensabschnitts, in dem Eltern an ihren Kindern zu verzweifeln drohen und Letztere alles unternehmen, um sich von den Altvorderen abzunabeln. Dass Jugendliche in der DDR dank sozialistischer Erziehung rund um die Uhr und der aufklärenden Wirkung des alljährlichen FKK-Urlaubs von diesen Problemen verschont blieben, sollte deshalb niemand annehmen. Auch hier, inmitten des Arbeiter-und-Bauernstaats ging es rund in jenen Lebensjahren, in denen man hineinwuchs ins Große und Ganze. Und gar mancher zukünftige Funktionär hatte erst einmal mit seinen feuchten Träumen zu kämpfen, ehe er über den Ergüssen von Hager, Honecker und Co. langsam verblödete.

    Kein Hauptwerk des 1971 Geborenen

    Dass Jakob Hein schreiben kann, muss er längst nicht mehr unter Beweis stellen. Inzwischen nimmt man dem 1971 in Leipzig Geborenen sogar eine heiter-melancholische Auseinandersetzung mit dem Fauststoff ab, wie sie sein letzter Roman - Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht – erzählerisch raffiniert darbot. Von den Qualitäten dieses Buches ist Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand allerdings ein ziemliches Stück entfernt. Denn selbst wenn man sie zum Roman aufpumpt - belangvoller werden all die kleinen Geschichten von den hormonellen Krisen eines Heranwachsenden dadurch auch nicht. Vielleicht mussten sie einmal erzählt werden, um das hartnäckige Gerücht zu entkräften, die östlich der Elbe aufgewachsene Jugend hätte nichts anderes im Kopf gehabt als das, was ihnen Partei, Puhdystexte und Polytechnische Oberschule eintrichterten. Aber das wäre dann hiermit geschehen. Vom nächsten Hein erwarten wir uns wieder etwas mehr als 174 Seiten getränkt mit Pubertätsschweiß.

     

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