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    TITEL kulturmagazin
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    Dave Eggers: Bei den wilden Kerlen

    14.12.2009

    Max und die Monsterkids

    Dave Eggers schrieb zusammen mit Spike Jonze das Drehbuch zu Wo die wilden Kerle wohnen nach dem gleichnamigen Kinderbuchklassiker von Maurice Sendak. Aus dem angesammelten Material erarbeitete er eine Romanfassung, die interpretiert, konkretisiert und die Geschichte neu verortet. Von MONIKA THEES

     

    Er ist ein begnadeter Illustrator, Kinderbuchautor und es war sein wohl größter Wurf: 1963 veröffentlichte der US-amerikanische Zeichner Maurice Sendak seinen Erstling, ein nur 40 Seiten umfassendes Buch mit kolorierten Federzeichnungen und sparsam verwendetem Text. Where The Wild Things Are (Wo die wilden Kerle wohnen) erzählt in wunderbaren Bildern die Geschichte von Max, der über die Stränge schlägt, von seiner Mutter zur Strafe auf sein Zimmer geschickt wird und sich des Nachts auf eine Insel voller Monster träumt: Er wird zum König der riesigen Fabelwesen, schlägt mit ihnen Krach, erlebt Zerstörungswut, Ohnmacht, abgrundtiefe Angst. Von Hunger und Heimweh geplagt, wacht Max schließlich auf und findet sein Abendessen auf dem Tisch stehend, noch warm.

    Sendaks Buch ist einmalig, ein Kunstwerk, das fast ohne Worte auskommt (die deutsche Übersetzung enthält weniger als 400 Wörter), das Gewalttätigkeit, aber auch Sehnsucht und Hoffnung thematisiert und wie kein anderes die Psyche eines Kindes verbildlicht, das wild ist und liebenswert, aggressiv und kreativ. Trotz anfänglicher Ablehnung erntete Where The Wild Things Are hohes Lob (Caldecott Medal 1964), avancierte zum Kultbuch, zu einem Klassiker der Kinderliteratur, es wurde imitiert, zitiert, für die Bühne adaptiert. Bereits in den frühen 1980er-Jahren bestanden Pläne, die fantastische Traum- und Erlebniswelt von Max zu verfilmen. Nach langer Vorbereitungszeit und etlicher Verzögerung startete Mitte Oktober 2009 eine aufwendig produzierte Kinofassung in den Vereinigten Staaten, ab Mitte Dezember wird sie in Deutschland zu sehen sein: ein Fantasy-Opus, entstanden aus Live-Szenen, Computer-Animation und Puppenspiel, mit dem jungen Max Records in der Hauptrolle und über drei Meter hohen Fell- und Monsterwesen.

    Der Regisseur Spike Jonze (geb. 1969), bisher bekannt durch Skateboard-, MTV-Musikvideos und preisverdächtige Kinofilme wie Being John Malcovich (1999) und Adaption (2002), holte sich den US-amerikanischen Kultautor und McSweeney’s-Verleger Dave Eggers als Co-Drehbuchautor ins Boot. Zusammen schrieben sie das Skript, Maurice Sendak bestärkte die Idee, aus dem angesammelten Material eine Romanfassung zu erarbeiten, und Eggers, der junge Starautor der amerikanischen Literatur, legte los. Seine Textfassung Bei den wilden Kerlen umfasst über 260 Seiten, ist in den USA sowohl in Normal- als auch in limitierter Sonderausgabe (mit Pelzcover) erschienen und seit Oktober in der deutschen Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann auf dem Markt: ein Roman nach dem Kinderbuch und nach dem Drehbuch, eine Geschichte, die sich an den Film anlehnt, aber auch von ihm abweicht, eine Fassung, die interpretiert, konkretisiert und neu verortet.

    „Der Max in diesem Buch ist [...] eine Kombination aus Maurices Max und Spikes Max und dem Max meiner Kindheit“, schreibt Eggers im Nachwort. Sein Max ist der Sohn geschiedener Eltern, lebt in einem Einfamilienhaus der Middle Class im Suburb einer US-amerikanischen Küstenstadt, wünscht seine sechs Jahre ältere Schwester Claire samt Anhang auf den Mond, den Freund seiner Mutter, „Gary Schmary“, der immer nur schlaff herumhängt, zum Teufel und sich endlich genug Aufmerksamkeit von seiner Mom. „Ich wünsche mir, dass Gary in ein ganz tiefes Loch fällt. Ich wünsche mir, dass Claire mit dem Fuß in eine Bärenfalle gerät. Ich wünsche mir, das Claires Freunde durch fleischfressende Bandwürmer sterben.“ Da das Wünschen bekanntlich nur in Märchen hilft, schreitet Max zur Tat, stülpt sich sein Wolfskostüm über, brüllt, tobt, beißt seine Mutter und läuft von zu Hause fort. Er rennt durch den Wald bis an den Fluss, findet dort ein Segelboot, bindet es los und treibt durch die Bucht Richtung Norden.

    Nach Tagen einsamer Fahrt strandet der Ausreißer auf der Insel der Monster, wütenden Randalierern, die lautstark ihre Baumnester abfackeln. Das macht Spaß, ist Knirschen, Knacken, kündet von lustvoller Zerstörung und Anarchie. Die tierhaften Fellwesen, mächtig und stark, schleudern sich gegenseitig gegen die Nestwände. „Na los, wir rasten noch mal richtig aus“, brüllt ihr Anführer. Und wer von der entfesselten Meute noch nicht genug hat, darf sie jetzt richtig kennenlernen. Carol & Co. kennen weder Halt noch Maß, dafür den Weg, wie man ein Problem aus der Welt schafft: „Fresst es auf!“ Kann man vor diesen Ungetümen sein Leben retten? Wohl nur, indem man deren König wird, schließt Max logisch, lässt sich die Krone aufsetzen als Zeichen seiner Macht – über Impulse, die er nicht beherrschen kann, über Gefühle, die er nicht versteht, über Ansprüche, die weder er noch ein anderer erfüllen kann, über Angst und Verzweiflung, die unter der Oberfläche lauern und jederzeit hervorbrechen können. Max ist ein schlechter König. Er wird es noch lernen, mancher Erwachsene nie.

    Zentral war für ihn nicht die Frage, so Dave Eggers, wo die wilden Kerle wohnen, wie sie aussehen, „sondern wer sie sind und was sie vom Leben und von Max erwarten“. „Wir wollen, was wir wollen. Wir wollen alles, was wir wollen“, sagt Judith und schiebt zögerlich nach: „Ach ja, wir wollen nichts mehr wollen.“ Das Wesen der Ungetüme offenbart sich nicht nur in aberwitzigen, sich und andere gefährdenden Aktionen (Krieg spielen, mit lebendigen Tieren als Waffen schmeißen, sich gegenseitig Arme abreißen), sondern primär im Verhalten untereinander und im Dialog. Und hier wird eine vermeintliche Schwäche dieses Romans sichtbar: Eggers Monster sind sehr real, sehr nah an der sozialen Wirklichkeit, kaum gebrochen in Raum, Zeit und Fiktionalität. Max und seine wilde Truppe gebärden sich als neurotische, infantile Zombies, die, ausgesperrt auf eine einsame Insel, auf Gummimatten, sprich Pflanzen, Felsen und Lebewesen, eindreschen, sich selbst und die anderen auf den Tod fürchten und zwischen krankhaftem Narzissmus, Größenwahn und Verlustängsten den letzten Funken Verstand verlieren.

    Ein brisantes Thema, fürwahr, angesichts zunehmender Gewalt (nicht nur) in Kinderzimmern schreit es nach medialer Aufmerksamkeit. Doch Kunst ist nicht eindeutig, der kathartische Schrecken wird durch die Form gebannt, das „Unheimliche“ in der Literatur durch die Sprache gebunden, der Stil entscheidet, ob der Autor auf den flachen, auch pädagogischen, Effekt setzt oder auf die durchdachte Formung. Sicher, Carol, Katherine, Douglas, Ira und die anderen Monster sind individuell gezeichnet, die Ungetüme haben ihre liebenswerten Seiten, sind schutzbedürftig in all ihrer monströsen Gewalt. Sie sind ein Spiegelbild von Max und seiner Konfusion, sie sind Traumfiguren, doch bleiben Bedenken, ob dieser Roman Kindern angemessen ist, hilfreich gar und läuternd. Eggers zeigt den Maxens, den so lebendigen, kreativen wie wilden Jungen und Mädchen dieser Welt, eine merkwürdig bekannte Insel auf gefährlich schwankendem Grund. Sie liegt nicht fern und fiktiv im Reich des Möglichen, sie ist bevölkert mit hilflos-chaotischen Monsterkids – just jenen von nebenan.

    Ob es der Film vermag, positive Impulse zu setzen, die der Hoffnung und Heilung Raum geben, wird sich zeigen. Eines steht fest: Im Medium Film ist der optische Bruch zwischen realistischer Rahmenhandlung und Monsterinsel offensichtlicher, hier verweisen eindeutige Merkmale auf das Traumhaft-Fantastische, in dem andere Gesetze gelten, wo ein Arm eben ab ist und weiter nichts. Hier verwischt keine Grenze zwischen konkret bestimmbarem Alltag und innerer Traumwelt, die zum real andauernden Albtraum gerät. Allen Verehrern Maurice Sendaks und denen, die die Filmfassung von Wo die Wilden Kerle wohnen gesehen haben, sei deshalb – neben der literarisch ausformulierten Adaptation Dave Eggers – das Original empfohlen: 40 Seiten mit rund 330 Wörtern, geschrieben in einer Bildsprache, die klar ist, deutlich und knapp, die aber Raum lässt für kreative Fülle, die eigene Imagination, das Fantastische in jedem Menschen und den Platz, an dem der „wilde Kerl“ sein Abendessen findet, noch warm.

     

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