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Stephan Thome: Grenzgang

26.10.2009

Die Ordnung der öden Orte

Irgendwo mitten in der deutschen Provinz wird alle sieben Jahre ein Dorffest namens „Grenzgang“ gefeiert. In seinem gleichnamigen Debütroman seziert Stephan Thome die Beschaulichkeiten und Normalitäten des Alltags. Von TOM THELEN

 

Der Bergenstädter Bürgermeister definiert es: „Denn der Grenzgang ist Vergegenwärtigung und die Feier all dessen, was wir als das Besondere an unserer Heimat empfinden, das was wir bewusst pflegen, worauf wir stolz sind, was uns die Gewissheit gibt, dass wir Mitglieder einer Gemeinschaft sind, in der Mitglied zu sein sich lohnt.“ Mal abgesehen davon, dass wir seit Groucho Marx nur noch Mitglieder in Clubs sein wollten, die unsereiner nicht aufnehmen würden, ist in diesen Worten viel von dem enthalten, was von vermeintlich aufgeklärten Menschen in Hinblick auf Provinz und Brauchtum gerne ins Lächerliche gezogen wird. Doch die Wahrheit ist wohl, dass Bergenstadt überall ist. Denn die Protagonisten dieses Romans sind eine ganze Riege Normalos, sind Lehrer, Hausfrauen, Journalisten, Swinger-Club-Besitzer und Mittelständler. Die verlieben sich, betrügen sich, lassen sich scheiden und leiden. Verhinderte „Kleinstadt-Kantianer“: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer langweiligen Ehe gelten könnte.“

Eine Kritik der Provinz hat literarische Tradition. Mit dem Säbel wird sie oft kabarettistisch vorgetragen, werden Spießig- und Biederkeit angeprangert. Mit dem Florett agierte etwa die Neuere Frankfurter Schule, aus deren Umkreis sich die Schreiber der Reader über Öde Orte rekrutierten. Auch Eckard Henscheids Provinz-Idylle Maria Schnee sei hier genannt und auf Pedro Lenz’ nicht ganz ernst gemeintes schweizerisches Lexikon der Provinzliteratur verwiesen. Doch all diese Formen der aufklärerisch und zuweilen überheblich daherkommenden Beschreibungen greifen kurz angesichts der messerscharfen bis mikroskopischen Vermessung der provinziellen Gegenwart, die Thome in Grenzgang gelingt.

Grandiose Konstruktion

Zuvorderst ist es eine grandiose Konstruktion des Romans, die es erlaubt, ganze Lebensentwürfe am Ende exemplarisch aufgeblättert zu sehen. Der siebenjährige Turnus des Festes strukturiert das Buch; wir sehen das Leben der Protagonisten so einerseits im extremen Zeitraffer, andererseits in entscheidenden Momentaufnahmen und Lebenswendepunkten. Im Zentrum steht Kerstin Werner, geschieden, alleinerziehend und kreuzunglücklich. Selbst im Badezimmer einer Bekannten fällt das „Strahlen der Armaturen wie ein Schatten auf ihr eigenes Leben (…)“. Ihr Pendant ist der Lehrer Thomas Weidmann, ehemals hoffnungsvoller Akademiker an der Humboldt-Universität, der frisch geschasst das Bürofenster seines Professors attackiert, ehe er zurück in seine Heimat (noch so ein Begriff!) fährt. So schnell kann es gehen in Deutschland: „Zwölf Stunden war es her, dass er sich wie ein Idiot benommen und einen Stein durch das Fenster des Historischen Seminars der Humboldt-Universität geschmissen hatte, aber jetzt erfreute er sich der körperlichen Anstrengung, der kaltfeuchten Waldluft und dem eigen Schweiß. Den Blick auf den Boden gerichtet zogen die Bergenstädter den Hang hinauf, dickköpfig engagiert im Kampf gegen sich selbst. (…) in den Adern dieser Grenzgänger schien ein dunkler, schwerer Most zu fließen, der sich in Momenten der Anstrengung bewährte.“ Zwischen diesem Larmoyanzexperten und der überforderten Pflegerin von Pubertät und Rebellion (Sohn) und Demenz und Vorwurf (Mutter) entwickelt sich eine Beziehung, die psychologisch unglaublich präzise darüber berichtet, wie Liebe jenseits der Dreißig wohl vermutlich aussieht in unseren Zeiten. Sogar einen in einem derartig gegenwärtigen Roman nicht unriskanten Blick in die Zukunft erlaubt sich Thome, so stark und sicher ist sein Romanfundament.

Einnehmender Realismus

Neben den beiden Hauptpersonen erschafft er eine ganze Kleinstadtgemeinde, deren Charaktere zwar den Vorgaben der Gesellschaftspanoramen von den Buddenbrooks bis zur Verbotenen Liebe entsprechen, doch mittels Andeutungen und Verästelungen über die Jahrzehnte fein geschnitzt sind. Entsprechend weit mehr Mann als Soap.

Der einnehmende Realismus des Romans fußt besonders auf Thomes Fähigkeit, Dialoge zu schreiben und Perspektiven psychologisch zu erleuchten. Ob im Kopf des Halbwüchsigen, der die elterliche Welt nicht versteht, oder durch die Augen seiner Mutter, deren Versuch, eine Ehe zu retten, brutal endet: Thome versteht sich auf exemplarische Szenen, kurze Wortwechsel und lakonische Andeutungen. Und er hat sogar Humor.

Ein weiterer – in der Literaturkritik ungewöhnlicher – Aspekt nur zur Anschauung: Jedes alkoholische Getränk passt als Attribut perfekt zu seinen Konsumenten, nicht nur hier treffen Beobachtungsgabe und Wissen um Wirkung trefflich zusammen.

Thomes Roman ist sicherlich eines der erstaunlichsten Debüts der letzten Jahre und hat definitiv Format. Wer es gelesen hat, versteht mehr davon, wie die Provinz und wie dieses Land funktioniert und was es zusammenhält. Dieser Kitt, das kleine Glück und die Jagd danach, sollte nicht mehr unterschätzt werden.

 

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