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Freitag, 24. Februar 2017 | 18:11

 

Rolf Dobelli: Fünfunddreißig

24.02.2004



Zwischenbilanz

Zwischen Bitterkeit und Zuversicht schildert Rolf Dobelli in seinem Debüt die Midlife-Crisis eines erfolgsverwöhnten Managers.




 

Der Zähler läuft, digital-emotionslos leuchtet die „35“ auf dem Umschlagbild – die Hälfte des Lebens? Statistik hin, Statistik her: nach der gefühlten Lebenserwartung irgendwie ja. Damit ist ein Alter erreicht, um Zwischenbilanz zu ziehen.
Rolf Dobelli gelingt es in seinem Debütroman Fünfunddreißig ausgezeichnet – nicht zuletzt aus eigener Erfahrung –, die Perspektive eines sehr erfolgreichen Marketingchefs einzunehmen: Protagonist Gehrer sitzt genau an seinem 35. Geburtstag in Zürich am See und denkt nach, vermeintlich sachlich und bemüht, nicht zu viel Gefühl beizumischen. Seinen steilen Aufstieg, seinen gesicherten Wohlstand, seine gesellschaftliche Situiertheit hat er zwar nicht geschenkt bekommen, wohl aber offenbar nahezu spielerisch erreicht.

Unerwartete Bruchstelle
Eine nächste Stufe auf der Erfolgsleiter wäre es nun gewesen in Harvard jenen letzten Abschluss zu machen, der ihm in der Firma den Weg nach ganz oben öffnet. Plötzlich aber bockt Gehrer. Man kann nicht sagen, dass er versagt. Nach drei Tagen in Harvard treibt es ihn jedoch hinaus aus dem ehrwürdigen Institut, hin zum Flughafen und per Zufall in das nächste Flugzeug nach Indien. Im Wechsel lässt Rückkehrer Gehrer nun am Züricher See diese jüngsten exotischen Erlebnisse und die „normalen“ 35 Jahre seines Lebens Revue passieren, immer bestrebt, nüchtern die Konklusion für den weiteren Verlauf seines 35. Geburtstages und damit auch seines weiteren Lebens zu ziehen: Soll er hingehen zur angesetzten Feierlichkeit, die auch anlässlich seiner heute regulär vorgesehenen Rückkehr geplant war, Harvard offen als Verlust abbuchen und wieder in die eingefahrenen Geleise gelangen, wieder mitmachen wie immer oder aber den „Indischen Impuls“ aufnehmen und mit dem geregelten Dasein brechen?

Gratwanderung ins Ungewisse
Dobelli umschreibt in seinem Roman die Bruchstelle in der Person des Aufsteigers zwischen der Leichtigkeit des Luxus und dem zunehmenden Bewusstsein des entstandenen Vakuums, das mit dem Luxus einhergeht: Gehrers Leben droht wie in einer Konservendose zu enden. Zwar werden viele der Abgründe, die sich ihm in seinen Überlegungen auftun und ihr Abbild finden in den vielen aphoristisch anmutenden Absätzen, in denen Dobelli den Roman verfasst hat, abgefedert. Doch es bleibt nicht aus, dass in der Summe das Unbehagen über ein unspektakuläres Leben zunimmt. Gehrers Zwischenbilanz schwebt zwischen Bitterkeit und Zuversicht. In diesem Kontrast entsteht für den um die eigene Entwicklung mitwissenden Leser, der sich eben nur vermeintlich in einer sicheren Distanz zum Erlebten befindet, ein fatalistisch angehauchter Humor.

Dobelli versteht es geschickt, seinen Protagonisten nicht zum Verräter seiner Vergangenheit oder zum billigen, besserwisserischen Triumphator eines neuen Lebens werden zu lassen, sondern im Angesicht der Schweizer Berge lässt er Gehrer eine Gratwanderung im Ungewissen vollziehen.

Textauszug:
„Mit 35 wacht er auf, und plötzlich sind die Piloten jünger, die Polizisten, ja selbst Bankdirektoren sind jünger, Figuren des öffentlichen Respekts, die man vor nicht allzu langer Zeit still und in gebührendem Abstand von unten nach oben gemustert hat. Jetzt: Kinderpiloten, Kinderpolizisten, Kinderdirektoren – wie kann man bloß so jung sein! –, Uniformen über warmem Fleisch, auch dann, wenn es keine Uniformen sind, und er fragt sich zum ersten Mal, ob sie's wohl können: ein Flugzeug steuern, den Verkehr umleiten, eine Bank dirigieren. Uniformen über Sehnsüchten, falschen Meinungen, schiefen Träumen, zitternden Herzen, zweifelhaften Freundschaften, unsicheren Begierden; Uniformen über Menschen, die eines Tages, vielleicht mit 35, aufblicken werden um es sich selbst zuzuflüstern: Wie kann man bloß so jung sein!“


Olaf Selg



Rolf Dobelli: Fünfunddreißig. Diogenes. 204 Seiten. 16,90 Euro. ISBN 3-257-86099-4

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