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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 09:48

    Jochen Schimmang: Das Beste, was wir hatten

    12.10.2009

    Wellen von Rührung

    Passend zum 60. Jahrestag der Gründung dieser nunmehr seit 20 Jahren vereinigten Republik zeichnet Jochen Schimmang in seinem vielschichtigen, handlungs- und detailsatten, sehr kunstvoll komponierten Zeitgeschichts- und Entwicklungsroman ein umfassendes, Abschied nehmendes Bild der alten BRD. Von THOMAS SCHAEFER

     

    Am Anfang war Samuel Becketts Endspiel. Gregors Lieblingsstelle ist „Clovs träumerisches Bekenntnis zur Ordnung“: „Ich liebe die Ordnung. Sie ist mein Traum“, sagt Clov. „Eine Welt, in der alles still und starr wäre und jedes Ding seinen letzten Platz hätte, unterm letzten Staub.“ Am Ende steht Bob Dylan, der 1994 in Köln „Don’t think twice“ singt, „und Gregor spürte Wellen von Rührung neben sich und bei sich selber. Die meisten Tränen blieben indes versteckt hinter Sonnenbrillen. Sie galten sicher bei vielen der Erinnerung daran, dass man das einmal gelebt hatte, im Original gewissermaßen, und dass es zwar unwiederbringlich war, aber allen denen, die hier standen, auch nicht genommen werden konnte“.

    Zwischen diesen leitmotivischen Polen, der Beckett-Lektüre als Schüler in der norddeutschen Provinz in den frühen Sechzigern und dem so nostalgischen wie vitalen Dylan-Erlebnis, zwischen der Sehnsucht nach einer stillen, geordneten Welt und der gegenwartsoffenen Unbedenklichkeit, spannt sich der Lebensbogen von Gregor Korff, des Helden im neuen, nach einer langen Pause von sieben Jahren erschienenen Roman von Jochen Schimmang. Der 1948 im niedersächsischen Northeim geborene und nach Stationen wie Berlin, Köln und Paris jetzt in Oldenburg lebende Erzähler bündelt in seinem Roman auf verspielte Weise zahlreiche Motive seiner Biografie und seines Werkes. So liest Gregor beispielsweise mit einigem Genuss einen Kriminalroman, bei dem es sich um Schimmangs Geistesgegenwart von 1990 handelt. Doch Das Beste, was wir hatten ist keine werkimmanente Retrospektive, sondern ein recht wehmütiger Abgesang auf die Bundesrepublik im Allgemeinen und die achtziger Jahre im Speziellen.

    Ein skrupulöser Zeitgenosse

    Wie viele frühere Schimmang-Helden ist Gregor Korff ein skrupulöser Zeitgenosse, ein Melancholiker, Glückssucher, Frauenlob und Kinogänger, der durchaus zweimal denkt, bevor er handelt, gelegentlich aber auch gar nicht, und sich den Einflüssen des Schicksals passiv ausliefert. Dass es sich dabei häufig um die Liebe handelt, wäre eines der vertrauten Schimmang-Motive.

    So gerät Gregor, der wie Murnau, der Protagonist aus Schimmangs Debüt Der schöne Vogel Phönix (1979), aus der ostfriesischen Provinz ins West-Berlin der frühen siebziger Jahre zieht, eher zufällig unter dem Einfluss einer Frau, die er auf einer Party kennengelernt hat, in eine jener zahlreichen K-Gruppen, die sich am Ende der Studentenbewegung bildeten. Schon bald aber sind ihm die wöchentlichen Freizeit-Fußballtreffen wichtiger als politische Schulung und Agitation, der Gregor denn auch bald den Rücken kehrt – unterstützt von seinem Freund Leo, der sich auch in Zukunft Gregors Geschick annimmt. Dass Leo Mitarbeiter des westdeutschen Geheimdiensts ist, stört den seltsam indifferenten Gregor wenig. Auch er wird, nach einem Lehrauftrag an der Uni Göttingen und einer Tätigkeit an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer, im politischen Establishment landen: Am Rande einer Tagung spricht ihn ein Politiker an, der nur notdürftig camouflierte CDU-Funktionär und spätere Bundesinnenminister Rudolf Seiters, und engagiert ausgerechnet den Ex-Kommunarden Gregor als Berater.

    Das funktioniert, weil der antriebsarme Gregor die Dinge eher nimmt, wie sie kommen, statt sie gestalten zu wollen, und weil er sich zudem von politischen Ideologien verabschiedet hat und somit für den pragmatischen Gang durch die Institutionen nicht ungeeignet ist. Fortan wird Gregor aus nächster Nähe die zeitgeschichtliche Entwicklung mitverfolgen – bis zur Wiedervereinigung und dem Beginn der „Berliner Republik“, die für Gregor in zweierlei Hinsicht Abschied und Aufbruch markiert. Zum einen verliert er wegen seiner Ex-Geliebten Sonja, die sich als Stasi-Mitarbeiterin entpuppt hat, seinen Job. Zum anderen lehnt er das neue Deutschland, das sich am Horizont abzeichnet, entschieden ab: „Man würde die Macht verlagern vom westlichen an den östlichen Rand des Landes. Größer werden, größer denken.“

    “Blühendes Provisorium“

    Gregor ist jedoch tief verwurzelt in der beschaulich und überschaubar anmutenden alten Bundesrepublik, die seinem Naturell in einer Weise entspricht, für die das Bonner Rheinland symbolisch steht, „weil es so vernünftig war, so wenig extrem, so gemäßigt“. Erst im Verschwinden dieses Vertrauten wird Gregor Korff mit größter Konsequenz bewusst, wie sehr er das Land liebt, das er einstmals bekämpfen wollte, das „blühende Provisorium“ Bundesrepublik. Erst dieses Verschwinden verleiht ihm die Antriebskraft, sich für einen eigenen Weg zu entscheiden und der führt, als würde er Gregors Lebensbogen abrunden, weg von den Institutionen zurück zum politischen Handeln. Erst jetzt gelingt es Gregor, der „immer eher ein Zuschauer, manchmal auch ein Kommentator“ war, nahe liegende Schlupflöcher, den Weg des geringsten Widerstands zu meiden. Im solidarischen Engagement für den Freund Carl Schelling, der inhaftiert wurde, weil er das Niederwalddenkmal sprengen wollte, deutet sich für Gregor der Weg ins Offene an, den er schließlich antritt. Zwar weiß er nicht, wohin, nur dass er „ziemlich weit“ zu gehen hat. Gregor, so sagt eine Freundin, „war immer einer, der sich gern am Rande aufgehalten hat, und da ist er jetzt endlich gelandet“.

    Passend zum 60. Jahrestag der Gründung dieser nunmehr seit 20 Jahren vereinigten Republik zeichnet Jochen Schimmang in seinem vielschichtigen, handlungs- und detailsatten, sehr kunstvoll komponierten Zeitgeschichts- und Entwicklungsroman ein umfassendes, Abschied nehmendes Bild der alten BRD. Dieser geschichtliche Abschnitt, vor allem aber das „glückliche Jahrzehnt“ der achtziger Jahre, dieses leichte, sich der Eleganz und dem Genuss öffnende Jahrzehnt, vielleicht war das ja wirklich das Beste, was wir hatten. Es kann zumindest kein Zufall sein, dass ihm Jochen Schimmangs Gunst gehört, weist dessen Literatur doch seit jeher ähnliche Attribute auf: Eleganz, Gelassenheit, Souveränität, die Schönheit einer klaren, wunderbar melodiösen Sprache. Seit nunmehr exakt dreißig Jahren gehört sie zum Besten, was wir haben.

     

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