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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 13:30

    Wolfgang Hegewald: Fegefeuernachmittag

    12.10.2009

    Nicht komisch!

    Über Wolfgang Hegewalds selbstquälerischen Versuch dem persönlichen Trauma des allmählichen Vergessenwerdens mit den Mitteln der Literatur zu begegnen. Von Christoph Pollmann

     

    Man kann ihn riechen, schon nach der zweiten Seite macht er sich breit – dieser verräterische Ruch. Dabei versucht ihn Hegewald allerorts zu überdecken, schon beim Titel fängt es an - dreifache Absicherung! Fegefeuernachmittag, irgendwo angesiedelt zwischen superkryptisch und hochlakonisch. Untertitel: "Mein Leben. Von ihm selbst erzählt", hier mischt sich schon das Falsche ins Raffinierte. Und dann noch eine zweite Romanunterschrift, eine Kategorisierung: "Kolportageroman". Das Ganze demnach nur ein Gerücht? Ein verquatschtes Zeugnis, das man nicht allzu ernst nehmen sollte?

    Postmodernetotschlagfloskeln

    Wie viele Zwischenböden Hegwald hier auch einzieht, dieses Versteckspiel, dass sich intelligent gibt, wird bald allzu deutlich zum Erweis einer substantiellen Unsicherheit, ja der Substanzlosigkeit. Und auch mit Postmodernetotschlagfloskeln lässt sich hier nichts mehr retten - diese Etiketten können die erzählerische Havarie einfach nicht mehr retten! Im Gegenteil: Sie versehen den Roman unwillkürlich sogar mit einer gewissen Rabattramschigkeit. Oder, um ein anderes Bild zu bemühen: Es eitert hier ordentlich durch einen viel zu dünnen Verband.
    Fegefeuernachmittag ist nämlich eine nicht verheilte Wunde. Man stelle sich nur vor, es fing alles so wunderbar an: Ein mit Schreibverbot belegter Jungostler übersiedelt ein paar Jahre vor der Wende in den Westen und veröffentlicht dort erfolgreich Buch für Buch, bekommt Preise und Posten. Doch dann will seine Romane plötzlich keiner mehr. Es ist wie ein Fluch, ein stiller Bann, ja wie ein kafkaeskes Urteil, eine klamme Aburteilung durch die Gesellschaft, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein.
    Genau diese zugrundeliegende Verwundung aber wird im Roman immer weiter heruntergespielt, beinahe bis hin zur absurden Verleugnung. Man fühlt sich erinnert an Monty Pythons Ritter der Kokosnuss, worin der Schwarzen Ritter im Kampf nach und nach alle Körperglieder verliert, seinem Gegner aber versichert, es seien nur Kratzer, er solle gefälligst weiterkämpfen.

    Schmerzhaft für Leser und Autor

    Es gerät ihm einfach nicht komisch und leicht, was so tragisch und schwer, so sehr sich Hegewald auch rhetorisch darum bemüht - seine Humorigkeit entstammt nämlich dem klammen Beleidigtsein. Und das spürt der Leser in jeder Zeile.
    Das gleiche gilt für die Romankomposition, die eben nicht besonders clever ist, wie der Verlag nicht müde wird zu betonen, sondern die genau so unmotiviert erscheint wie das ganze Buch. Und sollte uns ein Autor denn wirklich so weinerlich daherkommen, selbst wenn er versucht, diese Pimpeligkeit in das Honigkleid des Humors zu schnüren?

    Kapitel für Kapitel – chronologisch durcheinandergewürfelt, um wenigstens für ein wenig Überraschungsmoment zu sorgen – trifft Protagonist N.N. auf zumeist eine Person, es ist ein Defilé. Doch all diese Pas de deuxs laborieren an derselben Krankheit: Allenthalben wird ein Gestus angeschlagen, der unbedingt große reflektierte Kunstform sein will, aber fast immer danebengeht. Das andauernde Bekommentieren des Erzählten, manchmal auch gerade erst Anerzählten ermüdet maßlos. Die Fiktion, so knapp sie auch erst aufgeblasen ist, droht auf diese Weise immer zu zerplatzen. Es ist der unappetitliche Kampf von Bierschaum und Seifenlauge, den uns Hegewald da hingezapft hat.

    Dahergeplappert und zurechtgeschraubt


    Kleistisch gesprochen: Hegewald fehlt in seinem Tun die Anmut, weil sich entweder zu viel Bewusstsein in sein Geschriebenes mengt, um natürlich zu sein, oder zu wenig davon, um göttlich zu sein.

    „Ich glaube, es ist tatsächlich ein komplexeres Spiel als nur die grelle groteske Abrechnung“, sagt Hegewald in einem Interview.
    Sein „ich glaube“ ist hier in höchstem Grade verräterisch. Gerade wenn er dann fortfährt mit einem: „Ich halte das für ein wirklich gearbeitetes, elaboriertes Buch.“ Schon fällt mir ein Satz aus dem Buch ein:

    „Parias waren Leute, die in die Amputation ihrer Weltorgane eingewilligt haben, um dann schmerzfrei von der schönen Fremde zu träumen.“

    Klingt irgendwie gut, irgendwie auch nach Literatur - nur kurz allerdings, dann tönt die Hohlheit laut hindurch. Und so geht es mit dem ganzen Roman, der Lebensgeschichte des N.N.
    Dieses Kürzel N. N. entstammt übrigens der römischen Rechtsprechung und wurde für Angeklagte verwendet, um ohne Ansehen der Person urteilen zu können. Und leider passiert genau dies: Der Roman wird zu einer Anklageschrift – und das auch noch für einen echten N.N., einen Nathan Niedlich. In dieser Namensblödigkeit verhaftet war er also immer schon ein Angeklagter. Und Fegefeuernachmittag ist ein zu mieses Plädoyer, als dass es ihn daraus erretten könnte: Halbbekenntnishaft und von überheblicher Larmoyanz wie es daherkommt, lässt es den Leser (längst in den Stand des Geschworenen erhoben) im höchsten Grade übellaunisch zurück auch wenn der Verlag noch ehrenretterisch dazwischenzurufen versucht: „Sprühend vor vitaler Komik schafft er es, selbst deprimierenden Episoden eine triumphierende Pointe abzugewinnen.“
    Nein, der Leser wird nur noch stärker mit der Lust zu einem harten Urteil geimpft: lebenslängliches Schreibverbot.
    Aber so hart wird es, darf es natürlich nicht kommen. Stattdessen: Bewährung, zwei Jahre. Das muss reichen, um einen neuen Roman zu verfassen, der all das einlöst, was uns hier vorenthalten wurde.

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