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    Sonntag, 28. Mai 2017 | 10:42

    Péter Esterházy: Keine Kunst

    28.09.2009

    Die Schönheit der Möglichkeiten

    Peter Esterházys Fußball- und Mutterbuch Keine Kunst ist große Kunst. Von THOMAS SCHAEFER

     

    Seit der traumatischen Niederlage der Wunderelf um Ferenc Puskás im Berner WM-Finale 1954 gegen Deutschland hat der ungarische Fußball den Anschluss an die internationale Spitze verloren. Im Gegensatz zur ungarischen Fußball-Literatur, die ein Niveau bespielt, das – um beim Fußballvergleich zu bleiben – als geradezu brasilianisch bezeichnet werden muss. Man denke an László Darvasis Miniaturensammlung Wenn ein Mittelstürmer träumt (2006) oder an Péter Esterházys Deutschlandreise im Strafraum (2006). Wobei in beiden Büchern dem Fußball der Stellenwert eingeräumt wird, der ihm gebührt: als Lebensgleichnis.

    Für Péter Esterházys Mutter wäre eine solche Aussage purer Unfug. Zum einen, weil sie es als sinnlos ablehnt, über Fußball zu reden oder gar zu schreiben, zum anderen, weil Fußball nie eine Metapher für das Leben sein kann, bedeutet er ihr doch das Leben selbst. Der „Reichtum, der Überfluss, die Pracht der Welt vereinigte sich für sie im Viereck des Fußballplatzes“, denn sie erkennt und liebt die dem Fußball eigene „Schönheit der Möglichkeiten“. Zumindest lässt der 1950 in Budapest geborene Péter Esterházy in seinem neuen Buch Keine Kunst seine Mutter Lilike derartige Positionen vertreten und inszeniert sie als höchst eigenwilligen Menschen: Sie wird in der Fabrik, in der sie arbeiten muss, „zum Mann ehrenhalber erklärt“, wütet auf der Tribüne gegen den Schiedsrichter und staucht den Trainer zusammen, weil der ihren Sohn nicht in der Startelf aufstellt. Auch dem Sohn gegenüber verhält sie sich burschikos. Dass er als Schriftsteller Karriere gemacht hat, imponiert ihr nicht im Geringsten, schließlich sollte er Fußballer werden, und dass er an seinem 15. Geburtstag „das Leder an den Nagel hängte“, kann sie ihm nie verzeihen. Auch nach ihrem Tod mischt sie sich in die literarische Arbeit des Sohnes ein, weist ihn zurecht, korrigiert ihn, bringt ihn zum Schweigen und weiß ihn an sich zu binden: „Eine Mutter ist für immer und ewig eine Mutter. Und ihr Kind ist für immer und ewig ihr Kind. Das ist das Schicksal der Mutter und des Sohnes.“

    “Romanheld namens Meinemutter“

    Diese wunderbare Person ist eine Variation jener Mutterfigur, mit deren Tod sich Esterházy 1985 in Hilfsverben des Herzens auseinandergesetzt hat. Und sie ist Fiktion. Aber was für eine! Und was für einen Genuss bedeutet es, dem vertrauten Stil Esterházys wieder zu begegnen – der eigentlich eine Zumutung ist. Stringentes Erzählen einer allwissenden Instanz ist Esterházy fremd. Sein Verfahren wird gern als postmodern bezeichnet und ist doch vor allem ein großer Spaß: ein Erzähler, der sich selbst ständig ins Wort fällt, seine Formulierungen und Erinnerungsfähigkeit kritisiert, der abschweift, sich in Widersprüche verwickelt, den Faden verliert und nicht immer wieder aufnimmt. Ein Füllhorn an Anekdoten, ein Kaleidoskop an Figuren und aphoristischen Aperçus. Nur mittels eines solchen Verfahrens vermag man den „unverständlichen und unannehmbaren Fakten der Wirklichkeit“ gerecht zu werden – zumal, wenn die so kompliziert ist wie im Fall jener aus altem Adel stammenden, in Esterházys großem Roman Harmonia Cælestis dargestellten Familie des Autors. Allein die Rolle des Vaters ist ja nicht zu fassen: ein Mann, der in den Zeiten der kommunistischen Rákosi-Diktatur verfolgt, später aber der Kooperation mit dem Geheimdienst überführt wurde. Wie die Familie sich durch die Diktatur lavierte, ist eines der vielen Motive des Buches, zum Beispiel, indem die Mutter ihre Freundschaft zum Fußballgott und Major Puskás nutzte, um die Deportation aufs Land zu verhindern und im Budapester Haus zu bleiben.

    Dort sitzt Esterházy in seinem „turmgleichen“ Arbeitszimmer, lässt die Blicke und Erinnerungen schweifen und Gestalten der Vergangenheit wieder auferstehen: Trainer, Mannschaftsbetreuer, ehemalige Mitspieler und immer wieder, Abschied nehmend und liebevoll, den „in der Tiefe des Raumes nunmehr für immer verschwindenden Romanheld namens Meinemutter“.

    Keine Kunst – das Understatement des Titels mag sich auf den Fußball beziehen, auf die Literatur oder auf das neue Buch. Aber natürlich weiß Esterházy um seine Könnerschaft und demonstriert seine außergewöhnlichen Zauberstücke mit der Gelassenheit eines alten Meisters. Ein Puskás der Literatur.

     

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