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Norbert Scheuer: Überm Rauschen

31.08.2009

Kleine Fische

Welthaltige Literatur aus der Eifel: Norbert Scheuers großer Roman Überm Rauschen, der zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2009 nominiert worden ist - gelesen von THOMAS SCHAEFER.

 

Nicht, dass an den Rändern Ruhe herrschen würde. Aber vielleicht ist es so, dass man von den Rändern aus mehr Ruhe hat, genauer hinzuschauen, was so geschieht. Die Eifel kann geradezu als Modellbeispiel randständiger Provinz gelten, Grenzland fern der Metropolen. Und doch spielt sich dort das Leben genauso ab wie in Ballungsräumen und Großstädten, existentiell, repräsentativ – wie wir vor allem aus Edgar Reitz' epochalem Film-Zyklus Heimat wissen.

Ebenso mustergültig wäre Norbert Scheuer ein „randständiger“ Autor, der seit seinem ersten Roman Der Steinesammler (1999), bei denen, die ihn lesen, den Ruf als einer der „besten deutschen Erzähler“ genießt (und entsprechend in einer von Hubert Winkels herausgegebenen gleichnamigen Anthologie vertreten ist), jedoch nie den Sprung ins helle Rampenlicht geschafft hat – auch nicht, als er vor drei Jahren beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde. Dazu sind seine Bücher zu unspektakulär, zu leise und zu unaufdringlich. Und vielleicht zu sehr auf den engen Raum seiner Heimat fixiert, eben die Eifel, wo er 1951 geboren wurde und heute als Systemprogrammierer mit seiner Familie lebt.

Sein neuer Roman Überm Rauschen, dessen Vorstufe mit besagtem 3sat-Preis prämiert wurde, wird daran wohl nichts ändern, sollte es aber. Denn in ihm findet Scheuer, zahllose Motive seiner vorherigen Bücher bündelnd und variierend, zu souveräner Meisterschaft. Der ruhige Blick von den Rändern aus nimmt das, was sich ihm darbietet, mit geschärftem Auge wahr und findet – was ja über Wohl und Wehe von Literatur als sprachlichem Kunstwerk entscheidet – die dem Inhalt angemessene Form.

Der Ich-Erzähler Leo, ein Mann, von dem wir lediglich erfahren, dass er in Düsseldorf studiert hat und in Hamburg lebt, kehrt – eine klassische Erzählsituation – nach langer Abwesenheit in sein Elternhaus in dem kleinen Eifelort zurück, in dem er geboren wurde und seine Kindheit verbrachte. Der Anlass ist eine familiäre Krise: Leos Halbruder Hermann, der die elterliche Gaststätte am Fluss, nahe dem „der Rauschen“ genannten Wehr, übernommen hat und mit Alma betreibt, die seine Lebensgefährtin war oder ist, verbarrikadiert sich seit Tagen in seinem Zimmer und ist offensichtlich dem Wahnsinn verfallen. Leo und seine beiden ebenfalls herbeigerufenen Schwestern sollen Alma beistehen, doch abgesehen davon, dass man gelegentlich an Hermanns Zimmertür klopft, unternimmt die Familie nichts. Leo verbringt den Großteil seiner Zeit am Fluss und tut das, was sowohl für Hermann als auch den schon lange verstorbenen Stiefvater das Zentrum des Lebens war: er angelt. Leo, der sich seinerzeit wenig aus dem Angeln gemacht hat, greift in einer Art Stellvertreterhandlung diese Passion auf und träumt davon, jenen „alten großen Fisch“ zu fangen, dem die Sehnsucht von Bruder und Vater galt: „Vater wollte uns alles über das Fischen beibringen. Für ihn war Fischen das Leben, in dem er allerdings immer nur verlor. Fischen sei List, Geduld, Grausamkeit, Schönheit und Glück.“ Und Leo gleitet, während er am oder im Wasser steht, in einen Strom von Erinnerungen an das Leben seiner Familie, das oberflächlich betrachtet mustergültig erfüllt, was uns jeder dritte „Tatort“ vorführt: die Provinz als Sphäre dumpfer, hinter der Fassade idyllischer Überschaubarkeit und Ordnung wabernder latenter und irgendwann ausbrechender Gewalt.

Vom umfassenden Scheitern…

Zumindest ist die Geschichte dieser Familie eine des umfassenden Scheiterns: Da ist die Mutter, einst eine außergewöhnlich schöne Frau, die nach dem Unfalltod ihres Jugendgeliebten verhärmte und auch nach ihrer Heirat nymphomanisch sexuelle Verhältnisse zu Gästen pflegt. Sie kann „niemanden mehr lieben, und wenn sie uns etwas beigebracht hat, dann, keinen zu lieben“. Der Vater, der als selbst ernannter Anarchist revolutionäre Literatur liest, eine Chronik „vom Fischen und dem Glück“ schreiben und ein so bequemes wie intellektuelles Leben führen wollte, um dann, von seiner Frau ungeliebt, im örtlichen Zementwerk zu arbeiten und schließlich nach einem Betriebsunfall und einer mysteriösen Beziehung zu einer tot im Fluss aufgefundenen Holländerin als daueralkoholisiertes Wrack zu enden. Schließlich die eigentliche Hauptfigur Hermann, der als Schüler zu großen Hoffnungen Anlass gab, den Absprung aus dem engen Eifeltal fand und zur See fuhr, bevor er dann doch heimkehrte, um ein ähnliches Schicksal wie sein Vater zu erleiden. Begleitet werden diese Figuren von einem ganzen Reigen weiterer Eifelbewohner, deren Biografien ähnlich desillusionierend verlaufen: mit großen Träumen und Hoffnungen zu Beginn und einem schicksalhaften Niedergang, den sie im günstigsten Fall mit stoischem Fatalismus hinnehmen. Denn – so erkennt Leo in der Wiederbegegnung mit seiner Heimat – „alles war geblieben, wie es immer war, nichts hatte sich verändert, die Zeit verging, der Fluss strömte an unserem Haus vorbei zum Rauschen, wo das Wasser unaufhörlich hinunterstürzte, in einen großen See verlorener Zeit“.

Um eben diesen merkwürdigen Stoizismus scheint es Scheuer vor allem zu gehen. Sein Roman ist keine wohlfeile sozialkritische Milieustudie in der Tradition von Fleißer, Sperr oder Kroetz – der Realismus besteht darin, dass die Menschen sowohl die Katastrophen als auch die wenigen Glücksmomente mit dem Gleichmut von Bagatellen hinnehmen, ohne Mitleid dem Los der anderen, ohne Aufbegehren dem eigenen gegenüber. Sie sind wie die Steine im Flussbett, die kontinuierlich vom steten Strom abgeschliffen werden.

… und dem kurzen Glück

Der Fluss, das Angeln, das Leben der Fische – das sind selbstverständlich traditionelle Symbole, von denen Scheuers Roman durchzogen ist, ohne jemals der Manie zu verfallen, vielmehr ausgewogen, im Gleichgewicht mit der Handlung, sparsam und effektiv gesetzt, die Leerstellen in der Erzählung ausfüllend, die der Ich-Erzähler Leo hinterlässt. Und in den entscheidenden Momenten in eine Form des Magischen gesteigert, die den Roman vom kruden Naturalismus abhebt und die banale, traurige Geschichte von Leos Familie zu einem existentiellen Menschheitsdrama erhebt. In solchen Momenten gelingen Scheuer Passagen von großer, ja ergreifender Schönheit, vor allem in jener Schlüsselszene aus der Kindheit, in der Leo dem großen Bruder heimlich auf den zugefrorenen Fluss folgt und beobachtet, wie es Hermann gelingt, den „großen Fisch“ zu fangen – und wie er ihn wieder in die Freiheit entlässt.

Denn natürlich handelt Überm Rauschen angesichts des allgegenwärtigen Scheiterns von dessen Gegenpol, dem Glück, das uns laut Tucholsky immer nur als kurzes beschieden ist. Das Glück war da, in den Nächten, wenn die Kinder im Bett lagen und dem Klang des Flusses lauschten: „Wir öffneten abends das Fenster, und der Rauschen flutete in unser Zimmer, der Fluss schmeckte nach Pflaumen, reifen Äpfeln, roch nach schleimigen Kuhnasen, nach einem Sack ertränkter junger Katzen, nach Nebel und Abenteuern, für die es keine Sprache gab, Dinge, die uns stumm machten wie Fische und glücklich, am Fluss zu leben.“ Und in all den von Scheuer so sinnlich geschilderten Stunden am Fluss, in der Sehnsucht nach der in der Jagd auf den „großen Fisch“ symbolisierten Vollkommenheit. Dass der Weg das Ziel und die Erfüllung letzten Endes die größte Enttäuschung sind, wird Hermann auf dem winterlichen Fluss begriffen und sich vielleicht deshalb später für „seine Ruhe“ im unspektakulären Leben als passionierter Angler entschieden haben.

Norbert Scheuers wunderbarer, welthaltiger Literatur aus der Eifel ist jedoch die überfällige Erfüllung zu wünschen: dass sie wahrgenommen wird als zum Kostbarsten zählend, was unsere gegenwärtige Literatur zu bieten hat.

 

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