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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 04:30

    Tim Parks: Träume von Flüssen und Meeren

    31.08.2009

    Reise nach Indien

    Seinen vierzehnten Roman siedelt der preisgekrönte britische Autor Tim Parks erstmals außerhalb Europas an – und wagt somit eine spannende Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Indien zwischen Tradition und Moderne. Von INGEBORG JAISER

     

    Der Roman startet langsam, träge, nüchtern und fatalistisch – doch schon früh mit einem mysteriösen Unterton. Albert James, Biologe, Anthropologe und Kybernetiker sowie die bemerkenswerte Hauptfigur dieses ausladenden 500-Seiten-Werks, ist bereits tot, noch bevor der erste Satz ausgesprochen wird. Eine unbehandelte Prostatakrebserkrankung wird ihm zum Verhängnis und macht seine 52-jährige, immer noch attraktive Ehefrau Helen zur frühen Witwe.

    London – New Delhi und zurück

    Als Sohn John, ein ambitionierter Biologie-Doktorand kurz vor der Promotion, von seinem Tod erfährt, bucht er sofort einen Flug von London nach New Delhi, der Wahlheimat seiner Eltern. Zugegeben, ganz geheuer waren ihm die Wohnorte seiner Eltern nie. Doch die gaben sich als Wissenschaftler ganz ihren Forschungsthemen hin, zogen von einem exotischen Ort zum anderen – Kenia, Borneo, Laos –, dort, wo sich gerade Fördermittel, Stipendien, finanzkräftige Mäzene auftaten. Während sich Albert in abseitige Untersuchungen zur Anthropologie verstieg, praktizierte seine Frau Helen kostenlos als Ärztin für die Ärmsten der Armen. Ihr einziger Sohn John hingegen wuchs in Internaten auf und wurde stets etwas auf Abstand gehalten. Ein gewöhnliches Familienleben war ihm fremd.

    Nun reist er Hals über Kopf zur Trauerfeier seines Vaters, findet jedoch nur eine emotional kühle und beherrschte Mutter vor, die die ehrenamtliche Arbeit in einer Klinik dem Zusammensein mit ihrem Sohn vorzieht. John verbringt den kurzen Aufenthalt in Indien in tiefer Verwirrung, aufgezehrt von einem fast unerträglichen Klima, von Lärm und Gestank. Während der Trauerfeier lernt er die unterschiedlichsten Freunde, Bekannten, Bewunderer des Vaters kennen – ohne dass sich daraus ein schlüssiges Bild des Verstorbenen zeichnen ließe. Irritiert und beunruhigt reist er nach wenigen Tagen ab.

    Daheim erreicht ihn ein posthum aufgegebener Brief seines Vaters mit rätselhaftem Inhalt. „Seit einiger Zeit bin ich nun geplagt, vielleicht auch gesegnet, durch Träume von Flüssen und Meeren“, beginnt die merkwürdige letzte Nachricht, die der Sterbende seinem Sohn übermitteln wollte. Auch wenn Albert James’ verquere Denkweise hinlänglich bekannt war, macht sich bei John eine tiefe Enttäuschung breit. Seine ständig umherziehenden Eltern hatten sich nie um eine finanzielle Absicherung gekümmert – so dass dieser Brief nun die einzige Hinterlassenschaft ist, die dem verzweifelten und im Übrigen fast bankrotten Sohn bleibt.

    Biografien und Passwörter

    Dieses Dilemma treibt John ein zweites Mal nach Indien. Er fliegt mit dem Geld, das er seiner verhassten Großmutter unter falschen Versprechungen abgeluchst hat. Und er mietet sich in einem schäbigen Hotel in Delhi ein, anstatt sich bei seiner Mutter zu melden. Die ist sowieso inzwischen anderweitig beschäftigt. Der amerikanische Journalist Paul Roberts plant nach einer erfolgreichen Gandhi-Biografie ein Buch über Albert James. Hartnäckig, forsch und selbstbewusst dient er sich dessen Witwe Helen an und schreckt auch vor einer Liebesaffäre nicht zurück, wenn sie seinen Recherchen neue Impulse verleiht.

    Indes treibt auch John seine eigenen Ermittlungen voran. Tatsächlich taucht Alberts verschwunden geglaubter Laptop wieder auf, geschützt mit dem Passwort „JohnJames“, dem Namen seines Sohnes. John ist gerührt – doch zugleich auch zutiefst verstört, als er auf einen intensiven Mailverkehr zwischen seinem Vater und der jungen Inderin Jasmeet Singh stößt. Das aufbegehrende Sikh-Mädchen erhoffte sich eine Flucht nach Europa und hängt sich nun umgehend an Johns Fersen.

    Spinnennetz als Metapher

    Wer war Albert James? Ein etwas zerstreuter, fahriger Wissenschaftler wie aus dem Bilderbuch, „der ständig vergaß, seinen Hosenschlitz zuzumachen, der Schuhe ohne Socken trug oder Sandalen mit Socken“? Ein genialer Anthropologe und Biologe, der stets um mehrere Ecken dachte? Ein belesener, moderner Enzyklopädist, der seine Bücher alphabetisch ordnete und mit wirren handschriftlichen Marginalien versah? Vielleicht sogar ein verborgener Frauenheld? Ein Suchender, der heimlich ayurvedische Ärzte konsultierte und die Theosophische Gesellschaft unterstütze?

    Alberts letztes Forschungsthema – die Untersuchung von Spinnennetzen – gerät so zur lebendigen Metapher für menschliche Netzwerke und weit verzweigte Verbindungen. Je länger sich die Hinterbliebenen bemühen, das vermeintliche Rätsel des Verstorbenen zu lösen, desto tiefer verlaufen sie sich in einem undurchdringlichen Irrgarten, desto enger greifen die komplexen Verstrickungen.

    Scheitern an der eigenen Identität

    In den vielschichtigen Beziehungsgeflechten stranden die Suchenden letztendlich an ihrer eigenen Identität. Nicht umsonst fühlt man sich bei der Lektüre vage an Antonio Tabucchis Indisches Nachtstück erinnert, in dem ein Mann seinen verschollen geglaubten Freund vergeblich in Indien sucht und durch Nachrichten, Briefe und verschlüsselte Botschaften in die Irre geleitet wird. Wen wundert es da, dass Tim Parks, der seit Jahren in Mailand Literarisches Übersetzen lehrt, dieses Buch einst ins Englische übertragen hat.

    Auch wenn Träume von Flüssen und Meeren streckenweise als Kriminalgeschichte gelesen werden kann, ist sie doch einiges mehr: ein klug recherchierter und brillant komponierter Wissenschaftsroman, eine illustre Love-Story, ein schonungsloser Indien-Roman ohne falschen Exotismus, ein verwirrendes Vexierbild von der Unzulänglichkeit menschlicher Kommunikation.

    Schon im Vorwort wird klar, dass die literarische Figur Albert James ein reales Vorbild hat, nämlich den angloamerikanischen Anthropologen und Sozialwissenschaftler Gregory Bateson. Doch Achtung, keine falschen Illusionen: „Leser, die etwas über seine bemerkenswerte Arbeit erfahren möchten, sollten auf keinen Fall das vorliegende Buch konsultieren, denn die hier erzählte Geschichte ist frei erfunden.“

     

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