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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 04:29

    David Foster Wallace: Unendlicher Spaß

    24.08.2009

    Spaß mit Depressionen

    1547 Seiten Unendlicher Spaß – das Hauptwerk des US-Schriftstellers David Foster Wallace, der sich im September 2008 das Leben nahm, liegt nun nach sechsjähriger Übersetzung auch auf Deutsch vor. Es ist das Epos der individuellen Süchte und Störungen in der Postmoderne. Von MAIK SÖHLER

     

    Wir öffnen David Foster Wallaces Roman Unendlicher Spaß, beginnen zu lesen und merken schnell, dass wir es mit zweierlei zu tun haben: einem Roman und einem zerschlagenen Spiegel. Bruchstücke, Splitter, Fragmente, mal größer, mal kleiner, solche, die einen Zusammenhang erahnen lassen, und solche, die unvermittelt vor-, neben-, über- und untereinander liegen, purzeln uns entgegen. Sie verlangen nach Ordnung und tun gleichzeitig alles dafür, sich einer Ordnung zu verweigern.

    Wir denken an Thomas Pynchons Vineland, einen Roman, der ähnliche Effekte hervorruft, und als Pynchons konsistentester Roman gilt, weil er Ordnung zumindest andeutet, den Leser beim Versuch der Zusammenführung der Spiegelscherben aber von Ordnungen aller Art immer weiter wegführt. Wir vermuten am Anfang, dass auch Unendlicher Spaß nach diesem Prinzip funktionieren wird, wissen es zur Hälfte des Buches aber schon besser: Die Ordnungen sind weit entfernt, ja, aber anders als bei Pynchon liegt das nicht an der verwirrenden Vielfalt fiktionalisierter Welten, die kein Ende zu haben scheinen und folglich auch nicht zu ordnen sind.

    Es liegt an uns selbst, an unserem Inneren, das auf die verwirrende Vielfalt fiktionalisierter Psychen und Innenwelten reagiert, die uns Wallace auf 1547 Seiten darbietet und die uns zwingen, uns in den Spiegelscherben zu betrachten, statt sie zusammenzusetzen. Da die Scherben nicht einfach gerade zerbrochen sind, sondern eigenartige konkave und konvexe Spiegelungen zur Folge haben und sich in immer neuen Winkeln auch noch gegenseitig spiegeln, handelt es sich um ein Unterfangen, das unmöglich zum Ziel führen kann, die Ordnung wiederherzustellen. Unendlich starren wir also und staunen, auch dann noch, wenn die letzte Seite und die letzte Fußnote längst gelesen sind.

    Epos der Süchte und Störungen

    Unendlicher Spaß, das im Original Infinite Jest heißt, ist ein Epos der menschlichen Süchte und Störungen. Nein, es ist das Epos der Süchte und Störungen. Infinite Jest ließe sich auch altmodisch als „unendliche Narretei“ übersetzen, damit käme besser zum Ausdruck, wie die Figuren im Roman von ihren Süchten, Sehnsüchten und Begierden genarrt werden. Etwas neumodischer ginge als Titel auch „unendlicher Scherz“. Dabei bliebe offen, auf wessen Kosten der Scherz ginge, und das wiederum passte perfekt zu einem Buch, das nicht selten mit den Mitteln einer Posse eine unfassbar verdichtete Ernsthaftigkeit erzeugt.

    Der Titel „Unendlicher Spaß“, nach sechs Jahren der von Ulrich Blumenbach geleisteten, hervorragenden Übersetzung vom Verlag gewählt, ist dennoch der richtige. Er enthält die Narretei und den Scherz und bezieht zudem einige Versprechen ein, die David Foster Wallace offensichtlich fasziniert haben, wie Rezensenten und sein Freund Jonathan Franzen häufig betont haben: Vor allem das Versprechen der Unterhaltungsindustrie, die Kundschaft vor dem Fernseher maximal zu bespaßen, und das Versprechen der Kundschaft, für diesen Spaß direkt oder mittels aus Werbung gespeistem Konsum zu bezahlen, auch und gerade dann, wenn (wie es im Roman heißt) das Angebot so süßlich ist, „dass man wie bei Soft Rock generell vom bloßen Zuhören Karies bekam“.

    Hinzu kommt das Versprechen der Drogen – egal ob legal oder illegal –, subjektiv als unangenehm bis schwierig empfundene Lebensumstände erträglicher zu gestalten; schließlich auch Rudimente des Glücksversprechens bürgerlich-westlicher Gesellschaften, wie es zum Beispiel in der Unabhängigkeitserklärung der USA als „Pursuit of Happiness“ („Streben nach Glück“) so hübsch und nicht ganz unideologisch zum Ausdruck kommt.

    Glück und Spaß verwechseln kann jeder, der Intellektuelle ebenso wie die Leistungssportlerin, der daueralkoholisierte Schulabbrecher oder der Geheimagent, dem das Glück plötzlich als „eine große Limonade auf einer quietschenden Hollywoodschaukel“ erscheint. Gerade davon zeugt Unendlicher Spaß. Und so konsequent der Roman die ewige Streitfrage, was zuerst da war – Henne oder Ei –, umformuliert in den Dualismus Drogengebrauch oder Persönlichkeitsstörung bzw. Droge oder Störung, was war zuerst da?, so konsequent verweigert er eine Antwort. Manch eine Romanfigur macht sogar die Lebensumstände für beides verantwortlich. Sie hätten den Weg für den Drogenkonsum gebahnt, der dann für die Störung gesorgt habe usw. Oder umgekehrt. Das erdrückende Schweigen der Besucher von Treffen der Alcoholics Anonymous oder Narcotics Anonymous auf solche Kausalzusammenhänge kommt der Härte eines kalten Kokainentzugs furchtbar nahe.

    Zukunft von gestern

    Wenn es so etwas wie eine Handlung in Unendlicher Spaß gibt, dann spielt sie in einer nahen Zukunft. In den USA ist das Buch erstmals 1997 erschienen, der Plot könnte auf fünf bis acht Jahre später datiert sein, Vergangenheit jedenfalls für jene, die es im Jahr 2009 auf Deutsch in den Händen halten. In dieser Zukunft von gestern haben sich die USA, Mexiko und Teile Kanadas zu einem Staatenbund mit dem Namen Organization of North American Nations, abgekürzt „O.N.A.N“ oder o­nan, zusammengetan, selbst die Jahreszahlen werden verkauft, so dass große Teile des Romans im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ spielen. Die üblichen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Probleme eines solchen Zusammenschlusses werden in diesem Fall von zwei Phänomenen überlagert und beide – strahlender, hochgiftiger Müll einerseits, Quebecer Separatisten andererseits – drängen mal mehr, mal weniger ins Geschehen.

    Ein Geschehen, das über weite Strecken keines ist. Vielmehr hintertreiben eine unterhaltsame Mischung aus Passagen, die dem irrwitzigen Figurendialog eines William Gaddis kaum nachstehen, Erinnerungsspiegelstücken (vor allem zum Ende hin), die es durchaus mit Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit aufnehmen können, und an Pynchon erinnernde kausale, temporäre und örtliche postmoderne Brüche und Wendungen die Handlung. Das alles durchdrungen von Wallaces Neigung, längst vergessene Worte wieder aufleben zu lassen und neue Worte und Sätze zu schaffen. Blumenbach weist in einem luziden kleinen Beibuch darauf hin, der Literaturwissenschaftler Toon Theuwis spreche in seiner Dissertation in diesem Kontext vom „Desorient-Express verbaler Extravaganz“.

    Zwei, drei wiederkehrende Gesichter finden sich in den vielen Spiegelscherben wieder – Hal Incandenza, Don Gately, stellenweise auch zwei zwielichte Agenten. Indirekt noch James Incandenza, Vater von Hal und Autor des Films Infinite Jest, der angeblich so viel Spaß bereitet, dass niemand ihn abschalten kann und der Zuschauer beim Genuss des Films stirbt, da er seinen biologischen Grundbedürfnissen nicht mehr nachkommt. Oder wenn er gegen seinen Willen vom Film losgerissen wird, fortan im „mentalen/geistigen Horizont einer knienden Waldameise“ vegetieren wird, um es in den Worten von Wallace zu sagen.

    Drei Orte sind fix – die Enfield Tennis-Academy auf einem Berg in Boston und direkt darunter im Tal Ennet House, eine Entzugseinrichtung für Alkoholiker und Drogenabhängige. Hinzu kommt ein Wüstenplateau als Treffpunkt der multiplen Spione. Den Roman auf diese Protagonisten und diese Orte zu beschränken, käme einer Charakterisierung der Bibel als Sammelband von Jesus-Homestorys in Jerusalem gleich.

    Kartierungen des Dunklen

    Wo Pynchon seine Figuren auf Reisen durch eine Welt schickt, die ihm und ihnen längst zu klein geworden ist, da löst Wallace für sein Personal die Tickets für Fahrten in den dunklen Bereich der menschlichen Psyche, also dorthin, wo es wehtut. Dort angekommen, heißen die Nachbarn drogeninduzierter Ausfall, Entzug, leichte und schwere Depression, Psychose, Angst und Panik, Ess-, Trink- und Schlafstörung, Abgrund aus Furcht, Filmriss und Gewalt gegen sich selbst und gegen andere.

    „Es ist eher Grauen als Traurigkeit. Ja, eher wie Grauen. Es ist, als passiert gleich was Schreckliches, das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann – nein, schlimmer als alles, was man sich vorstellen kann, weil da dieses Gefühl ist, dass man sofort was machen muss, um es zu stoppen, aber man weiß nicht, was man machen muss, und dann passiert es auch, die ganze schreckliche Zeit, es passiert gleich und es passiert jetzt, alles zur selben Zeit“, sagt die psychisch kranke Kate Gompert an einer Stelle. Wallace leuchtet die Dunkelheiten der Psyche nicht nur aus, er kartiert sie und macht sie uns allen auf diese Weise in Teilen zugänglich.

    Die grandiose Komik, die den Roman bis in die Fußnoten hinein begleitet, ja gerade dort manchmal erst voll zur Entfaltung kommt, etwa in der Filmografie von James Incandenza oder einem Interview zu den sogenannten Drames trouvés des Filmemachers, lässt die seichte, weit verbreitete literarische Ironie postmoderner Literatur weit hinter sich. Der Humor in Unendlicher Spaß ist brachial und befreiend, weil er ein integraler Bestandteil des Schreckens ist. Der Roman ist postmodern mit einem knallharten Rückgrat, er ist dialektisch ohne Zwangssynthese, enzyklopädisch ohne Didaktik, rhizomatisch mit viel Erdung, schwer neurotisch, ausreichend paranoid – und einfach unwiderstehlich.
    1547 Seiten über das nackte Grauen im Menschen – bei einigen von uns ganz oder teilweise sichtbar, bei anderen verdeckt – wollen zur Lektüre empfohlen sein. Im Dunkel kreisend, aber erhellend, und traurig, aber wahr: Das ist Unendlicher Spaß.

     

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