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Nicholson Baker: Menschenrauch

17.08.2009

Eine Reise ins tiefste Dunkel der Nacht

Nicholson Bakers historische Roman-Revue Menschenrauch ist gewiss eines der eigensinnigsten Bücher der letzten Jahrzehnte: eine Betrachtung darüber, “wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete” (Untertitel), dessen zentraler Schurke weder Hitler noch Stalin, sondern deren entschiedenster Feind, der britische Premierminister Winston Churchill, ist. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Es sei das „Vorrecht der Dichter, vernunftlos zu träumen”. Mit dieser Behauptung verteidigte in den Achtziger Jahren der kommunistische Schriftsteller Stephan Hermlin die „Freiheit der Poesie“ gegenüber den „parteilichen” Instrumentalisierungen der Kunst im „real existierenden Sozialismus“ der DDR. Ins Heutige übertragen hieße das: die Dichtung darf rücksichtslos „unkorrekt” sein, also radikal vom allgemeinen Konsens abweichen.

Ein solches „Vorrecht, vernunftlos zu träumen”, hat der amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker ergriffen, um sein Buch Menschenrauch zu schreiben. Zumindest sehe ich das so. Der 1967 geborene Baker ist bislang zwar nicht immer ein „Enfant terrible” gewesen, aber doch ein literarischer Einzelgänger, der zwischen Fiktion & Sachbüchern pendelte. Sein Oeuvre wurde wahrgenommen als hochartifizielle „Pornografie”, der Monika Lewinsky im Oval Office mit Bill Clinton nacheiferte (Vox, Die Fermate), als nabokovianische Updike-Philologie (U & I) oder als „proustianische” Mystik der Dinge (Die Rolltreppe, Eine Schachtel Streichhölzer - siehe Rezension vom 27. Mai 2004 ).
Mit dem elaborierten Sachbuch (& Pamphlet) Der Eckenknick (siehe Rezension vom 10. März 2006) trat er 2001 als einsamer Mahner und Kämpfer gegen die Zerstörung der Primärquellen der literarischen und historischen Überlieferung an, indem er die Digitalisierung des amerikanischen Bibliotheksbestands von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen (& deren anschließender Objekt-Vernichtung) skandalisierte. Noch mehr Skandal machte aber sein schmaler Roman Checkpoint (2004), indem er ein Attentat auf George W. Bush wegen dessen Irak-Krieg sympathetisch imaginierte.

Bushs Ideologie vom „gerechten”, „gerechtfertigten” oder „guten” Krieg gegen Saddam Hussein hat den Pazifisten Baker offenbar derart empört, dass er nun aufs Ganze ging und den Zweiten Weltkrieg im Lichte seines pazifistischen Fundamentalismus betrachtet. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs - so lautet der Untertitel seines Menschenrauchs - „endete die Zivilisation”.

Der Titel des Buchs spielt auf die Asche der in den deutschen Vernichtungslagern verbrannten Leichen an - und dass die fabrikmäßige Ermordung und Ausrottung der europäischen Juden in den KZs ein „Zivilisationsbruch” war, ist schon zurecht vor Nicholson Baker (u.a. von Th. W. Adorno) konstatiert worden.

Schon für Karl Kraus war die Welt untergegangen

Dem amerikanischen Schriftsteller - wie auch nicht wenigen seiner Kritiker - dürfte jedoch nicht bekannt sein, dass der österreichische Satiriker Karl Kraus bereits im Ersten Weltkrieg den „Untergang der Welt durch die schwarze Magie” (nämlich die Presse) konstatierte und Kraus in seinem aus Realzitaten montierten Drama Die letzten Tage der Menschheit schon mit dem Ersten Weltkrieg angebrochen sah. Insofern steht Bakers Menschenrauch, ohne es zu ahnen, eher in dieser Tradition apokalyptischer Weltverwerfung - als in der Nähe zu Walter Kempowskis Echolot, mit dem der Rostocker Autor ein gewaltiges „Requiem” aus privatesten Erlebnis- & Erfahrungszeugnissen in Briefen und Tagebüchern einerseits und offiziellen Dokumenten, Meldungen, Berichten andererseits zu einem Stimmen-Chor montiert hat.

Baker hat sein Buch als ein historisch fortgesetztes Mosaik konzipiert, dessen rund 1000 Einzelteile er vornehmlich aus Meldungen und Berichten der New York Times und der New Yorker Herald Tribune, aber auch (wie Kempowski) aus Tagebüchern, Memoiren, Denkschriften gezogen hat, sofern sie ihm in Englisch zugänglich waren.

Anders als Kempowski, der nur seine von ihm ausgewählten und montierten Dokumente für sich „sprechen” ließ, ist der Autor Nicholson Baker in jedem seiner politischen „faits divers” präsent: er bettet seine Zitatfunde in ironische, polemische oder sarkastische Kommentierungen ein, instrumentalisiert sie also erzählerisch (wie Karl Kraus es szenisch-dramatisch getan hat) für ein historisch sich akkumulierendes weltpolitisches Szenario, in dem sich die Kriegs(be)treiber Churchill, Hitler, Roosevelt gegenseitig in die Hände spielen & nur vereinzelten Friedensapologeten (deren bekanntester Gandhi ist) ihnen gegenüberstehen.

Amerikanischen und britischen Pazifisten hat er seinen Menschenrauch gewidmet, „weil sie nie gebührend gewürdigt worden” seien. Sie hätten „versucht, jüdische Flüchtlinge zu retten, Europa mit Nahrungsmitteln zu versorgen, die USA mit Japan zu versöhnen und den Krieg zu verhindern. Sie sind gescheitert, aber sie hatten recht”, schreibt er im Nachwort.

Er bezieht sich dabei auf die Versuche der amerikanischen Pazifisten, mehr expatriierte deutsche Juden aufzunehmen, als die amerikanische Regierung erlaubte; auf die von Churchill verhinderten Lebensmittellieferungen amerikanischer Quäker für das von Deutschland besetzte Europa; und auf den publizistischen Widerstand gegen eine amerikanische Aufrüstungspolitik, die dem offenkundigen asiatischen Expansionismus des japanischen Kaiserreichs teils durch Waffenlieferung an die Nationalchinesen Tschiang-Kai-Schecks, teils durch Roosevelts Flottenaufbau im Pazifik entgegenwirkten.

Von Alfred Nobel zur Royal Air Force

Bevor Baker Zug um Zug, einem Schachspiel vergleichbar, seine Erzählmaschinerie in Gang setzt (und dabei jedes Fait divers mit dem Satz „Es war am ...“ zeitlich fixiert), eröffnet er die „Partie” symbolisch mit einem Zitat aus dem Gespräch, das der schwedische Sprengstofffabrikant Alfred Nobel im August 1892 mit seiner Freundin, der radikalen Pazifistin Bertha von Suttner, führte. „Meine Fabriken werden vielleicht dem Krieg noch früher ein Ende machen als Ihre Kongresse”, mutmaßte Nobel gegenüber der Autorin, deren Kampfschrift Die Waffen nieder! damals weltbekannt war: „An dem Tag, da zwei Armeekorps sich gegenseitig werden vernichten können, werden wohl alle zivilisierten Nationen zurückschaudern und ihre Truppen verabschieden”, lautete Alfred Nobels pazifizierende These.

Die frühe Abschreckungstheorie des schwedischen Waffenfabrikanten, die bislang einen Atomkrieg verhindert hat, ging aber noch von einer „klassischen” Kriegsführung aus, in der sich zwei Heere gegenüberstanden - ohne dass die Zivilbevölkerung zur Geisel genommen würde (was schon im Dreißigjährigen Krieg nicht mehr der Fall war). Spätestens seit mit der technischen Entwicklung der Luftfahrt ein Zerstörungspotential durch massiven Bombentransport & - abwurf im Hinterland des Feindes möglich wurde, dessen Wirkungsmacht in keinem Verhältnis mehr zur Gefahr der Selbstvernichtung der Verursacher stand, war aber Nobels Hoffnung zunichte geworden - und der „Luftkrieg” bald die modernste Art der Kriegsführung.

Sie wurde zuerst in den britischen Kolonien gegen lokale Aufstände “erprobt” - und zwar von Winston Churchill, dem von Jugend auf erfahrenen britischen Kolonialoffizier, -reporter und Militärstrategen, der nicht Krieg nur gegen aufständische Guerilla-Armeen, sondern immer auch gegen Bevölkerungen führte. Wie einst Napoleon gegen England die „Kontinentalsperre“, so verhängte der junge Churchill als Erster Seelord schon im 1. Weltkrieg eine Seeblockade gegen Deutschland mit dem erklärten Ziel, „die gesamte Bevölkerung – Männer, Frauen, Kinder, Alte und Junge, Verwundete und Gesunde – durch Aushungern zur Unterwerfung zu zwingen. Es war das Jahr 1914“.

Sechs Jahre später – als es um die Niederschlagung eines Dschihad in den heiligen Städten des Irak (!) ging - , hatte Churchill mit dem Oberkommandierenden der Royal Air Force bereits die Idee entwickelt, das Empire „von oben“ durch die Royal Air Force (RAF) zu überwachen und zwar mit allen verfügbaren Mitteln. Um „aufsässige Einheimische bestrafen zu können“, sprach er sich „ausdrücklich für den Einsatz von Giftgas gegen unzivilisierte Volkstämme aus“ – was dann auch geschehen ist, ganz abgesehen davon, dass Dörfer „bestraft wurden“, indem man sie dem Erdboden gleichmachte.

Ein RAF-Kommandeur fasste bereits 1921 zusammen, was dann die Strategie der britischen Bomberverbände im Zweiten Weltkrieg war: „Der Angriff mit Bomben und Maschinengewehren muss beständig und unaufhörlich, bei Tag wie bei Nacht, auf Häuser, Einwohner, Felder und Vieh durchgeführt werden. Ich weiß, das klingt grausam, aber es muss von Anfang an eine grausame Maßnahme sein. Haben sie die Lektion erst einmal begriffen“, argumentiert er, wie der Zuchtmeister eines britischen Colleges in Eton oder Sandhurst,“„wird sich künftig allein die Drohung als wirksam erweisen“.

Kontraproduktive Terrorangriffe der Bomberflotte

Aber das Gegenteil war der Fall im Zweiten Weltkrieg in Europa. Selbst die durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki angeblich ursächlich herbeigeführte Kapitulation Japans, steht heute unter Historikern in Zweifel. Sie hat zwar den USA Soldatentote „erspart“ - um den Preis weit höherer Verluste unter japanischen Zivilisten, von den grauenhaften Spätfolgen der atomaren Verseuchung ganz zu schweigen.

Aber Nicholson Bakers Menschenrauch endet mit einem Tagebucheintrag des rumänischen Juden Michael Sebastian zum Jahreswechsel 1941/42, als „die meisten Menschen, die im Zweiten Weltkrieg starben, noch am Leben waren“, wie Baker schreibt. Sebastian notierte: „Ich will keine Rückschau machen. Brauche auch keine. Trage in meinem Herzen die 364 furchtbaren Tage dieses schrecklichen Jahres, das heute Nacht zuende geht. Immerhin, wir sind am Leben. Wir können noch warten. Noch ist Zeit, noch haben wir Zeit“.

Ein Irrtum. Die „Zivilisation“ aber war zu diesem Zeitpunkt schon schrittweise zuende gegangen und die Barbarei, die im Menschenrauch kulminierte, bereits weit fortgeschritten. Es sind zwei Indikatoren, die für Baker diesen Befund anzeigen. Zum einen: der in der „Endlösung“ des Massenmords an den europäischen Juden eliminatorisch gewordene Antisemitismus des Deutschen Reichs. Zum anderen: der ohne humanitäre Skrupel gegen die Zivilbevölkerung von der RAF begonnene und bis zur bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands (& Japans) von den Alliierten fortgesetzte Bombenkrieg.

Für beide Indikatoren der Massenvernichtung von Unschuldigen im Sinne der von dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt postulierten ethischen Maxime, wonach „niemand für die Taten eines anderen bestraft werden darf“ (25.10.41), hat Baker schon lange vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs die Voraussetzungen identifiziert. Antisemitismus war weltweit virulent, Churchill sowohl als auch Roosevelt waren nicht frei davon.

Dass Nicholson Baker „besonders die faszinierenden und vorzüglichen ‚Churchill War Papers‘ nützlich für die Vorarbeiten“ seines Buches waren, erklärt einem, warum nicht Hitler, Stalin oder Mussolini im Mittelpunkt von Nicholson Bakers Menschenrauch stehen, sondern der britische Premierminister (und in einigem Abstand der amerikanische Präsident Franklin Delano Roosevelt - als Churchills Gefolgsmann).

Churchill hat jederzeit das Empire im Blick

Offensichtlich hat Baker in Churchill, dem ältesten und am längsten öffentlich politisch tätigen Protagonisten, die beherrschendste Figur unter den staatsmännischen Akteuren des Zweiten Weltkriegs erkannt – was Churchill als Premierminister des damals noch weltumspannenden britischen Empire auch war. Dessen Interessen waren nicht nur in Europa gegen den Faschismus und den als noch gefährlicher eingeschätzten Bolschewismus, sondern auch in Arabien, Afrika und vor allem in Asien gegen den japanischen Imperialismus und gegen die von Gandhis „Gewaltlosem Widerstand“ angestrebte Unabhängigkeit des indischen Subkontinents politisch und militärisch zu verteidigen.

Eine gewaltige Aufgabe, die aber ohne die bis dahin noch nicht hervorgetretene Weltmacht der USA unmöglich lösbar war. Deshalb musste der britische Premier mit allen Mitteln versuchen, die USA nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, den der deutsche Überfall auf Polen ausgelöst hatte, zum Eintritt in den Krieg zu bewegen, den einzig Großbritannien gegen das deutsche Reich fortführte, nachdem Frankreich blitzschnell in deutsche Hände gefallen war und dabei die neutralen Beneluxstaaten okkupiert worden waren.

Der ebenso skrupellose wie weitsichtige britische Premier – welt- & machtpolitisch erfahrener als alle anderen – betritt in Bakers manichäistischem Welttheater als machiavellistischer Schurke, Imperialist, Rassist und Massenmörder schon die Bühne, als keiner seiner späteren Konkurrenten noch in Sicht ist: nämlich im 1.Weltkrieg. Dort und in der Zwischenkriegszeit sieht Baker alle Konfliktstoffe & -herde des Zweiten Weltkriegs schon allseits virulent vorhanden: Rassismus und vor allem Antisemitismus, Imperialismus, Faschismus und Bolschewismus, Luft- & Gaskrieg, der sich gegen die Zivilbevölkerung richtet. Und Churchill ist dabei überall zu finden.

Für ihn, ein „Militarist der extremen Schule” (wie der US-Expräsident Herbert Hoover ihn charakterisierte) und ein brillanter Rhetoriker, der selbst Goebbels in den Schatten stellte (so dass die Nazis in ihm, wie er in ihnen, den größten denkbaren Feind erblickten), war der Krieg eine gigantische Materialschlacht, der er sich mit der weitsichtigen Vorstellungskraft eines rücksichtslosen Strategen und der zynischen Leidenschaft eines Vabanquespielers geradezu lustvoll widmete. Individuelles menschliches Leid und Mitleid mit Zivilisten waren ihm fern, wenn nicht sogar seit seiner Empire-Karriere fremd ; und der Feind: in toto der Feind.

Als Hitler ihn 1938 einen „Kriegstreiber” nannte (um von seinen eigenen Kriegsvorbereitungen abzulenken), „reagierte er in einer zurückhaltenden Presseerklärung überrascht auf die ihm zugeschriebene Rolle“ (Baker), um dann dem deutschen Diktator zu schmeicheln: „Ich habe immer gesagt, falls Großbritannien einmal in einem Krieg unterliegen sollte, dann finden wir hoffentlich einen Hitler, der uns in unsere rechtmäßige Stellung unter den Nationen zurückführt”.

Winston Churchill als Großbritanniens „Hitler”

Weil aber Großbritannien und sein Empire auf keinen Fall im Krieg mit Nazideutschland unterliegen sollte, wählte es sich in Churchill, sozusagen nach dessen eigenem Bild, seinen „Hitler”, der (ebenso „fanatisch” wie dieser) den „Führer” und sein „Reich” vernichten wollte. Churchills ebenso bedingungs- wie skrupellose Kriegsaktivität gegen Deutschland begann damit, dass die Royal Air Force als erste terroristische Bombenangriffe auf deutsche Städte flog und damit bewusst die „Luftschlacht um England” provozierte, die 32.000 britischen Zivilisten das Leben kostete. Indem er derart den Krieg auf die Insel holte, schweißte er das eigene Land, das darunter litt, im Hass auf den Feind zusammen. Er verhinderte aber auch dadurch, dass die Sirenengesänge von Hitlers gleisnerischen Friedensangeboten Gehör fanden. Nach dem aller Welt drastisch vor Augen geführten Scheitern der Chamberlaineschen Appeasementpolitik, in deren Folge Churchill ja erst britischer Premierminister wurde, gerieten alle pazifistischen (& in den USA isolationistischen Tendenzen) in das Zwielicht, dem diplomatisch triumphierenden Hitler und dessen italienischen und vor allem japanischen Verbündeten weiterhin erfolgreich für ihre expansionistische Politik humanitäre Rückendeckung zu geben und deren Grausamkeit temporär abzumildern.

Indem Nicholson Baker Churchill & Roosevelt nicht nur aufgrund von Zeitungsmeldungen, Denkschriften und Erklärungen dabei verfolgt, wie sie Schritt für Schritt zu Alliierten im gemeinsamen Kampf gegen die Achse Berlin-Tokio werden, sondern auch beide Akteure in intimen Nahaufnahmen präsentiert, um sie mit ihren individuellem Verhalten, ihren Idiosynkrasien, Tricks & Ticks (Whisky & Zigarren bei Churchill, Briefmarkensammlung bei Roosevelt) aus Kammerdienerperspektive bloßzustellen, lässt er vor diesem dunkelfarbigen, blutbefleckten Hintergrund aus Brutalität und Lächerlichkeit der „Kriegstreiber” die pazifistischen Protagonisten und ihre irrealen Vorschläge wie eine Lichterkette des einzig Humanen aufleuchten. Könnte aber, entgegen Schillers geflügeltem Wort aus dem Wilhelm Tell, „der Frömmste” doch „in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt” - indem er dem bösen Nachbarn „um des lieben Friedens willen” von mal zu mal nachgibt, also dessen Bösartigkeit usque ad finem salviert (wie es Chamberlain versucht hat)?

Nicholson Baker, der den versprengten angelsächsischen Pazifisten zuspricht, „recht gehabt” zu haben, aber „gescheitert” zu sein, exponiert en détail die Tragödie ihres Scheiterns, ohne aber deren Notwendigkeit ins Auge zu fassen. Oder doch?

Am 26. November 1938 schrieb Gandhi in einer indischen Zeitung einen Artikel, in dem er sich, unter der Perspektive seines radikalen Pazifismus, mit der Judenverfolgung in Deutschland beschäftigt. „Mein Mitgefühl gilt voll und ganz den Juden” zitiert daraus Baker. „Könnte es überhaupt einen gerechten Krieg im Namen der Menschheit und zum Wohle der Menschheit geben, dann wäre dieser Krieg gegen Deutschland absolut gerechtfertigt, um die grausame Verfolgung einer ganzen Rasse zu verhindern”, schreibt Gandhi 1938 (!), nachdem fünf Tage zuvor Premierminister Chamberlain im Unterhaus als Konsequenz aus der „Reichskristallnacht” erklärt hatte, dass das Empire zwar nicht „im Stande” sei, „massenhaft Flüchtlinge aufzunehmen”, aber der Gouverneur von Britisch-Guayana könnte „eventuell 4000 Hektar für deutsche Juden bereitstellen” und der Gouverneur von Tanganjika habe 20.000 Hektar in dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika „angeboten”.

Wider das (lächerliche) Chamberlainsche Appeasement-Angebot, dem Nazi-Antisemitismus entgegenzukommen, argumentiert aber Gandhi: „Wäre ich ein in Deutschland geborener Jude und würde dort meinen Lebensunterhalt verdienen, sähe ich Deutschland ebenso als meine Heimat an wie jeder echte nicht-jüdische Deutsche, und ich würde ihn dazu herausfordern, mich zu erschießen oder in den Kerker zu werfen.(...) Ich würde mich weigern, mich verbannen oder irgendeiner diskriminierenden Behandlung unterziehen zu lassen”.

Gandhi führt das Dilemma des Pazifismus vor

Das ganze Dilemma von Gandhis hilflosem Pazifismus tritt hier zutage. Obwohl er einen Krieg schon für „absolut gerechtfertigt” erkennt, als die westlichen Appeasementpolitiker noch über Abnahmekontingente für expatriierte deutsche Juden diskutierten, verlangt Gandhis Ideologie des „Gewaltlosen Widerstands”, dass die Juden als Deutsche sich eher „erschießen” lassen sollen, als sich verbannen oder durch einen Krieg der Alliierten retten zu lassen. „Da Hitler seine Barbarei gezielt betreibt, könnte er auf eine solche Kriegserklärung”, spekuliert der indische Pazifist nun plötzlich zu Gunsten der westlichen Apathie, „durchaus mit einem allgemeinen Judengemetzel reagieren”. Also überließ man als Pazifist die deutschen Juden ihrem Schicksal, das ihnen ihre deutschen Mitbürger bereiteten - sogar ohne dass es zu einem „gewaltlosen Widerstand” kam.

Aber das von Gandhi imaginierte „allgemeine Judengemetzel” kam in europäischem Rahmen mit der „Endlösung” später, weil die Juden sich pazifistisch verhielten; und der Krieg, den die Alliierten schließlich führten, hatte ihnen Hitler aufgezwungen, und geführt haben sie ihn nicht wegen der oder für die Juden - wenngleich die überlebenden europäischen Juden es einzig Churchills Durchhaltewillen und seiner Kriegsemphase verdanken, dass die nazistische „Endlösung der Judenfrage” scheiterte - indem der „Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete”.

Nicholson Bakers „vernunftlose” pazifistische „Träumerei” über das welthistorische Zentralereignis des 20. Jahrhunderts, die sich aus zeitgenössischen öffentlichen journalistischen und späteren historischen Quellen speist, ist als Zitat-Chronik eine historische Roman-Revue, die mit der Suggestion einer häretischen Gegengeschichtsschreibung auftritt. Denn trotz der vom Autor mit vielerlei Mitteln der literarischen Rhetorik bearbeiteten Zitat-Montage, die sein Ceterum censeo wider die beherrschenden Politiker und die kaltblütig-borniert-zynisch-barbarischen Militärs polemisch zuspitzt, bewahrt die Chronik die Ambivalenz einer epischen Erzählung von der Reise ans Ende der Nacht, die die Menschheit in der Person ihrer Machthaber und durch die Entwicklung ihrer technischen Zerstörungsmittel unwiderruflich angetreten hat. Die kriegstechnische Entwicklung der Infanterie in den USA zielt auf eine Ablösung des Soldaten durch den ihm adäquaten Roboter, um die eigenen Verluste im Kriegsfall zu minimieren & den Feind so perfekt wie nur möglich aus der Luft oder per Satellit, i.e. risikolos dominieren zu können.

 

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