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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 22:51

    Angelika Overath: Flughafenfische

    10.08.2009

    Angst vorm Fliegen

    Schwindelnde Bilder in dem zeit- und raumlosen Universum eines Flughafens verbindet Angelika Overath in ihrem zweiten Roman mit einem Karussell von dahintreibenden Transitreisenden. Zwischen den Zeilen kann INGEBORG JAISER noch den Jetlag erspüren.

     

    In einem großen deutschen Flughafen – einem der größten in der Welt - teilt ein überdimensionales 200.000-Liter-Aquarium das Flight Connection Center von der angrenzenden Ruhezone. Gesprenkelte Rochen gleiten gespensterhaft durch das riesige Wasserbassin, Seeanemonen wogen wie Felle im Wind und Seepferdchen wirbeln elegant dahin. Dieser unwirklich erscheinende künstliche Ozean wird zum Dreh- und Angelpunkt dreier Menschen, deren Lebenslinien sich für kurze Zeit an einem bizarren Ort kreuzen.

    Messias der Meere

    Tobias Winter, gelernter Schreiner, später Verkäufer in einem internationalen Tierfachhandel, ist seit sieben Jahren als Aquarist alleinig zuständig für diesen einzigartigen Unterwasserkosmos. Hingebungsvoll züchtet er Seepferdchen, kontrolliert den Algenbewuchs und füttert die Igelfische von der Hand. Fast jedes Tier kennt er persönlich. Er fühlt sich als „stiller Messias der Meere“. Welch Ironie des Schicksals, dass eine Umstrukturierung gerade diesen scheuen, zurückhaltenden Menschen der Abteilung Public Relations zugeordnet hat. Nun steht er Rede und Antwort, wenn es denn notwendig ist, nun verhält er sich „situationsbedingt gesprächig“, wenn es sein Gegenüber verlangt.

    Täglich ziehen Menschenmassen an Tobias´ künstlicher Unterwasserwelt vorbei: gehetzte, müde, übernächtigte Menschen, mit sperrigen Rollkoffern und schweren Rucksäcken, auf der Duchreise, im Transit. Unzählige Schicksale driften an diesem Korallenriff vorüber – und nur wenige nimmt Tobias wahr, auch wenn er insgeheim ein aufmerksamer, stiller Beobachter ist. Reisen erscheint ihm selbst vollkommen überflüssig.

    Ethnologin des Alltags

    Da ist Elis, eine routinierte, aber reichlich desillusionierte Magazinfotografin, die zu viel gesehen, zu viel erlebt hat. Die Flughäfen dieser Welt sind ihr zweites Zuhause, nicht nur wegen des gut aussehenden, allzeit gebräunten Piloten, der einmal ihr Liebhaber war. Und da ist ein alternder, erfolgreicher Biochemiker, der whiskeytrinkend im Raucherabteil des Transitbereichs seinen trüben Gedanken nachhängt. Nach 30 Jahren Ehe hat ihn seine attraktive, jedoch mehr und mehr dem Esoterik- und Wellness-Kult verfallene Frau verlassen. Den Entschluss hat sie ihm per SMS mitgeteilt.

    Mit dieser fragilen Versuchsanordnung konnte Angelika Overath schon vor drei Jahren beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb punkten und den begehrten „Ernst-Willner-Preis“ einheimsen. Dabei kamen der 1957 in Karlsruhe geborenen Autorin, die über die Farbe Blau in der modernen Lyrik promoviert hat, ihre langjährigen Erfahrungen als Reporterin und Journalistin zugute. Das ORF rühmte sie gar als Ethnologin des Alltags.

    Paare, Passanten

    Am überzeugendsten gelingt Overath die Zeichnung der Protagonistin Elis. Nach einem 17stündigen Flug taumelt die Fotografin übermüdet durch die Transithalle, vom Jetlag geplagt, noch die surrealen Erinnerungen an ihre Erlebnisse in Asien verarbeitend. Gedankenfetzen, Flashbacks und sentimentale Anwandlungen kreisen in ihrem Kopfe. Und plötzlich macht sich eine abgrundtiefe Erschöpfung breit. Liegt es am verpassten Anschlussflug? An der gescheiterten Liebesbeziehung? An dem ständigen Druck, als erfolgreiche Fotografin „erleuchtete Augenblicke“ zu konservieren?

    Gerade in diesem scheinbar zeit- und raumlosen Zustand zwischen zwei Flügen strandet Elis an der unwirklichen Szenerie eines künstlichen Korallenriffs. Dabei trifft sie auf Tobias,
    dem scheuen Heger und Pfleger dieser Traumwelt. „Früher war er nur Aquarist gewesen, jetzt war er zudem Animateur“. Ein zaghaftes Gespräch kommt auf, ein paar Sätze zwischen gänzlich unterschiedlichen Menschen – ehe Elis vollkommen erschöpft, in ihren langen Mantel gehüllt, auf einem der Plastikstühle einschläft. Und Tobias, der eigentlich ein zurückhaltender Mann ist, schafft es gerade noch, den herabrutschenden Mantel ein wenig über ihre Schultern zu ziehen, so als müsse er sie gegen Zugluft schützen. Mehr Nähe läuft nicht ab zwischen den beiden. Und mehr sollte der Leser auch nicht erwarten.

     

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