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William S. Burroughs: Naked Lunch. Die ursp. Fassung

20.07.2009

Burroughs Revisited

Mit achtjähriger Verspätung präsentiert der Verlag Nagel & Kimche die Übersetzung der „Originalversion“ von William S. Burroughs’ Naked Lunch und muss sich die Frage gefallen lassen, inwieweit man bei Burroughs’ Textproduktionen überhaupt von einer „ursprünglichen Fassung“ geschweige denn von „unterdrückten Textpassagen“ sprechen kann. JÖRG AUBERG über marktschreierische Transparente eines ignoranten Verlagsmarketings.

 

Im Jahre 1959 tauchte William S. Burroughs’ Anti-Roman Naked Lunch auf dem literarischen Markt auf und riss den lange verkannten Autor aus der Obskurität seines bisherigen Daseins. Betrachteten die einen das Buch als obszönen, pornografischen Schund, sahen die anderen in Burroughs ein literarisches Genie im Range eines Joyce oder Céline. In den USA durfte das Buch bis zum Jahre 1966 nicht zum Verkauf angeboten werden. Erst im vom New Yorker Verlag Grove Press angestrengten Berufungsverfahren wurde der literarische Text vom Vorwurf der Obszönität freigesprochen.

Original und Bearbeitung

In den Jahren zwischen 1955 und 1959 war ein tausendseitiges Manuskript mit Auszeichnungen, Notizen und Textimprovisationen entstanden, das erst durch die editorische Hilfe von Freunden wie Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Alan Ansen und Sinclair Bailes in eine lesbare Form für eine Publikation unter dem Titel Naked Lunch transformiert werden konnte. Während sich in die hektisch für den Pariser Verlag Olympia Press produzierte Ausgabe eine Reihe von orthografischen Fehlern einschlich, gab es für Burroughs keinen Grund, Korrekturen am editorischen Konzept vorzunehmen. „In der Olympia Edition liegt das Buch so vor, wie es geplant und Gestalt angenommen hat, von den aktuellen Druckfehlern mal abgesehen“, schrieb Burroughs 1960 an den Lektor Irving Rosenthal. „Man kann diese Form nicht einfach ändern, ohne dass man herbe Verluste riskiert. Ich halte eindeutig nichts davon, dem Text Materialien hinzuzufügen.“ [Hervorhebung im Original – A] So galt die korrigierte Grove-Ausgabe über Jahrzehnte als definitive, vom Autor autorisierte und bei öffentlichen Auftritten selbst benutzte Edition, bis sein langjähriger Sekretär James Grauerholz im Burroughs-Nachlass das „fast komplette“ Typoskript der Olympia-Edition fand. Zusammen mit dem „Beatologen“ Barry Miles stellte er eine neue, „restaurierte“ Edition her, die 2001 ebenfalls bei Grove Press erschien. Die Herausgeber strichen Wiederholungen, korrigierten Rechtschreibfehler, fügten „Outtakes“ – Textfragmente, die zwischen der letzten Typoskriptfassung und der Druckfassung in Paris verloren gingen – sowie Briefe und Einlassungen des Autors hinzu.

Permutation und Rekombination

Freilich ist die Frage, inwieweit man bei Burroughs’ Textproduktionen von einer „ursprünglichen Fassung“ oder einem „endgültigen Text“ sprechen kann. In der Einleitung zu „Interzone“, einer Vorarbeit zu Naked Lunch, wies Grauerholz darauf hin, dass Burroughs Literatur als endlose Permutation und Rekombination begriff, für die es kein finales Stadium gebe. Burroughs selbst begriff sein literarisches ¼uvre als endlosen „work in progress“, und Naked Lunch entstand an der Schnittstelle zwischen dem flachen Realismus von Frühwerken wie „Junkie“ und den multimedialen, kollaborativen Experimenten der 1960er Jahre. So fielen die Texte über die „Sex and Dream Utilities“ namens „Trak“ bis auf kurze Allusionen aus dem veröffentlichten Naked-Lunch-Text, da sie ein zentraler Bestandteil des späteren Werkes The Soft Machine (das Burroughs als „Fortsetzung“ bezeichnete) wurden.

Zudem ist das editorische Verhalten von Grauerholz und Miles nicht frei von Fragwürdigkeiten. In ihrem Nachwort erwähnen sie die korrigierten Rechtschreibfehler, bei denen es sich zumeist „um Eigennamen von Stämmen und Drogen sowie anthropologische Verweise“ handele. An einer zentralen Stelle haben sie jedoch stillschweigend eine bemerkenswerte Korrektur vorgenommen: Während es in der Olympia-Edition heißt: „Now I, William Seward, will unlock my word horde“, ist in der restaurierten Version „word horde“ durch „word hoard“ ersetzt worden. In der Übersetzung Carl Weissners, die im Rahmen der Burroughs-Werkausgabe 1979 bei Zweitausendeins erschien, liest sich die Stelle wie folgt: „Jetzt werde ich, William Seward, die hechelnde Meute meiner Worte von der Leine lassen ...“, während es in Michael Kellners Übersetzung der „ursprünglichen Version“ schlicht heißt: „Und jetzt werde ich, William Seward, meinen Wortschatz öffnen ...“ In der Olympia-Edition gab es an verschiedenen Stellen die Variationen „word hoard“ und „word horde“, die das ambivalente Verhältnis Burroughs’ zur Sprache („the word“) ausdrückten und später in der programmatischen Sentenz „Language is a virus“ kulminierten. Indem die Herausgeber der „restaurierten“ Version die monströse Seite der Wort-Produktion (die Burroughs im Text „Word“ des „Interzone“-Manuskripts in geradezu manischer Art artikuliert hatte) durch Angleichung auslöschen, wird die Ambivalenz des von Burroughs autorisierten Textes eingeebnet – zumal diese Veränderungen gegenüber der Standard-Edition an keiner Stelle dokumentiert werden.

Marktschreierische Transparente

Daher grenzt der Versuch des deutschen Verlages, diese Edition als „Author’s Cut“ verkaufen zu wollen, an eine dreiste Leserverdummung. Naked Lunch liege hiermit, heißt es im Umschlagtext, „erstmals in einer Fassung vor, die dem Originalmanuskript und den Absichten des Autors entspricht“. Und auf seiner Homepage lässt der Verlag verlauten: „Von Fehlern bereinigt, um alle unterdrückten Passagen ergänzt, enthält die Neuausgabe dieses Klassikers der Beat-Generation einen Anhang mit Briefen des Autors sowie ein Nachwort, das die abenteuerliche Publikationsgeschichte des Buchs erzählt.“ Offenbar hat die Marketing-Abteilung von Nagel & Kimche das Nachwort nicht zur Kenntnis genommen, denn sonst wäre es wohl kaum auf den abstrusen Gedanken gekommen, in dieser Ausgabe würden erstmals „unterdrückte Passagen“ veröffentlicht. Wer sollte der Urheber dieser „Unterdrückung“ sein? Etwa Allen Ginsberg, der sich jahrelang um die Veröffentlichung von Naked Lunch bemüht hatte oder die Kollegen Burroughs’, die das monströse Manuskript in eine publikationsfähige Fassung brachten? Wie wohltuend nimmt sich dagegen der Cover-Text der „restaurierten“ Version bei Grove Presse aus: „Für den Burroughs-Enthusiasten wie für den Burroughs-Neuling ist dieser Band eine wertvolle und frische Erfahrung dieses Klassikers unserer Kultur.“ Damit ist das Buch gut umrissen: Diese Fassung von Naked Lunch bietet mit seinem Anhang bislang unzugänglicher Texte neue Einblicke in die Entstehungsgeschichte eines „Romans“, von dem der Autor selbst sagte: „DIES IST KEIN ROMAN.“ Marktschreierische Transparente eines ignoranten Gemischtwaren-Marketings dagegen desavouieren die solide Übersetzung Michael Kellners.

 

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