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    Samstag, 27. Mai 2017 | 11:54

    Mark Sarvas: Harry, die Zweite

    29.06.2009

    Ein Monte-Christo-Sandwich, bitte!

    In seinem Debütroman kreiert Mark Sarvas einen Typen, der versucht, sich dem modernen Leben mit dantèsker Heldengröße zu stellen. Und das macht er ziemlich unterhaltsam. Von SENTA WAGNER

     

    Manchmal haben Namen ja so was an sich. Harry gehört zum Beispiel auch dazu, klingt nach Prinz, Potter, nach Hardrock und Lederjacke.
    Der Harry aus unserem Buch Harry, die Zweite ist der Mitte 40-jährige, verheiratete Arzt Harry Rent aus Los Angeles, ein „Standardmodell“, ein Nullachtfünfzehntyp. Im Villenbezirk Bel Air – Harrys Zuhause – herrscht das Recht vor auf einen gepflegten Reichtum, eine grandiose Aussicht und ein sorgenfreies Leben auf dem Sofa. Und dann wird ausgerechnet so einer – vom Erzähler wohlwollend, mal sorgenvoll, mal spöttelnd unser Held genannt – losgelassen auf die Abenteuer Lebenswahrheit, Selbsterkenntnis und Neuerfindung.

    Harry Rent ist auf Zwischenstopp und trödelt in einem Café herum, wo er das schier Unmögliche will: die hübsche, junge Kellnerin Molly erobern. Bereits überfordert mit der Essensbestellung lässt sich Harry von ihr das Monte-Christo-Sandwich empfehlen. Das ist zwar nicht Harrys Geschmack, verführt ihn aber zu einem langen Moment der Reflexion, aus dem er siegessicher hervorgeht in Anverwandlung der Rolle des Grafen von Monte Christo, vulgo Edmond Dantès, aus dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas. „Auch er kann Dantès sein.“ Und mit dieser Vorstellung, nicht Harry, sondern ein toller Held zu sein, wird er das Herz seiner Molly zu gegebener Zeit schon gewinnen. In weiteren schlüpfrigen Fantasien verliert sich der Mann noch ein Weilchen, bis er das Café abrupt verlässt. Harry geht zur Beerdigung seiner Frau Anna.

    Dieses irritierende Nebeneinander von Komik und Tragik bildet den Auftakt zu dem stattlichen Debütroman des amerikanischen Schriftstellers Mark Sarvas. Er packt ihn in das erste von insgesamt 16 Kapiteln, die von dieser gelungenen Melange in künstlerischer Hinsicht gewinnen. Es wird in ihnen berichtet in wohl dosierten Rückblenden und mit vollem Gewicht auf der Gegenwart. Die vielen rasanten Dialoge konturieren die Charaktere und stehen für die stilistische Treffsicherheit des Autors.

    Die Metamorphose

    Harry und Anna sind seit acht Jahren verheiratet, und in dieser ganzen Zeit gelingt es Harry nicht, sein „Unterlegenheitsgefühl abzustellen“. „Die Wahrheit ist, dass Anna ihn einschüchterte, ihm ein wenig Angst machte.“ Anna sieht blendend aus und ist überaus vermögend und – schämt sich für Harry. Irgendwann schleichen sich die ersten Lügen und Geheimnisse von beiden Seiten in die Ehe ein und rumoren darin herum. Harry beginnt wöchentliche Treffen mit Prostituierten, die ihm zwar mehr Seelenpein als Vergnügen verschaffen, aber immerhin. Als Anna davon erfährt, schlägt sie einen verzweifelten Weg ein, um ihre Ehe zu retten, und stirbt bei einer Schönheitsoperation.

    Jetzt steht Harry vor einer Lebensleere, ist unfähig zu trauern und versucht mit aller Gewalt, sich neu zu erfinden, um eine mögliche Mitschuld an dem Tod seiner Frau zu verdrängen. Der originelle und absurde Witz des Romans liegt nun gerade in der Transformation von Harry. Die dantèske Strategie wurde oben angedeutet, nimmt aber richtig Fahrt erst im Verlauf der Handlung auf. Harry mimt die Rolle des Wohltäters von Mollys Arbeitskollegin Lucille, wodurch er sich die Zuneigung der Angebeteten erhofft. Das mag ihm heldenhaft erscheinen, die Beweggründe sind jedoch niedrig und so entgleist eine Aktion nach der anderen, oft genug ins Slapstickartige gewandt.

    Sarvas hat Figuren geschaffen, die sich durch eine Verletzlichkeit auszeichnen, an der sie auf eine sehr komische, aber auch anrührend menschliche Weise wachsen dürfen. Ein Skandal unserer heutigen modernen Welt ist ja, dass darin für solche Typen kaum Platz ist. In dem Roman von Mark Sarvas haben sie ein großes Stück davon bekommen.

     

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