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    Montag, 26. Juni 2017 | 19:24

    Sebastian Horsley: Dandy in der Unterwelt

    22.06.2009

    Geld, Stil und brillante Ignoranz

    Sebastian Horsleys Roman Dandy in der Unterwelt war in Großbritannien extrem erfolgreich. Das lag nicht nur daran, dass der Autor auf der Insel ein Leben als berühmter, missratener Millionärssohn mit Hang zum zwanghaften Exhibitionismus geführt hat. Er hat vor allem sein letztes Geheimnis verraten: Er kann richtig gut schreiben. Von FELIX STEPHAN

     

    Sebastian Horsley hat einen ansehnlichen Roman geschrieben – zum Glück war er nicht so unverschämt, etwas zu sagen zu haben. Aussagesatz, Satzzeichen, paradox-koketter Folgesatz. Das ist die Blaupause für etwa achtzig Prozent der Witze, die Horsley in seiner Romanautobiografie Dandy in der Unterwelt reißt. Man muss sich in Geduld üben, denn es nimmt wirklich kein Ende: „Deshalb erwies ich meiner Heimatstadt aufs Stilvollste die Ehre: Ich verließ sie so schnell wie möglich.“ Oder: „Natürlich waren sie in jeder Hinsicht seinesgleichen – mit der einzigen Ausnahme, dass sie nichts mit ihm gemein hatten.“ Oder vielleicht: „Ich musste einfach Unmengen von Geld so schnell wie möglich verprassen, wie ich es nicht verdient hatte, um den Qualen zu entkommen, damit irgendetwas Sinnvolles tun zu müssen.“ Diese Possenjagd ist bisweilen fade, aber verzeihlich, denn sie schützt den Autor vor dem beengenden Eingeständnis, tatsächlich schreiben zu können.

    In Großbritannien, wo Dandy in der Unterwelt im März 2008 erschienen ist, wurde das Buch unerbittlich gelobt, was vielleicht bemerkenswert ist, denn es ist so verrottet, amoralisch und lebensfeindlich, dass sich Ursula von der Leyen wahrscheinlich zwanzig Jahre in ein Sanatorium zurückziehen müsste, sollte Sie dazu gezwungen werden, das Buch zu lesen. Sebastian Horsley macht alles, wovon man sich selbst abraten würde, und begründet das mit der Qualität des ästhetisches Erlebnisses, was eine lustige Umkehrung ist: Das Erleben folgt der Gestaltung. Er nimmt sämtliche Drogen, schläft mit allen Huren der Insel („Ich kann mich noch an das erste Mal erinnern, als ich richtigen Sex hatte – ich habe noch die Quittung.“) und lässt sich von Jimmy Boyle, dem gewalttätigsten und gestörtesten Schotten seit William Wallace, in seinem Elternhaus von hinten bedienen, während dieser eine Affäre mit seiner Ehefrau pflegt, die er ohnehin nur widerwillig geheiratet hat. Das könnte für einen Roman reichen, entspricht hier aber nur etwa fünfzig Seiten. „Wir hätten uns Vitamin C gespritzt, wenn es verboten gewesen wäre“, heißt es in Irvine Welshs Roman Trainspotting, und Sebastian Horsley wirft sich kopfüber in diese beste Gesellschaft. „Leben bis zum Anschlag“ sei das, mutmaßte das britische Financial Times Magazine.

    Läuterung am Kreuz

    Die konventionellen Romanleser, zu denen selbstredend die meisten konventionellen Romanautoren gehören, erwarten eine moralische Läuterung der schlechten Figuren im Verlaufe der Handlung. Auch Horsley, der sich ansonsten so jenseitig verhält, kommt erstaunlicherweise daran nicht vorbei. Nach dreißig Jahren Ecstasy, Crack, Heroin, Vatermord, Lebensflucht und Huren sucht er nach einem reinigenden Schlüsselerlebnis, das ihn zurück zu seinem Ursprung führen soll. Er will die Reihenfolge von Erleben und Gestalten wieder umdrehen und engagiert zu diesem Zweck einen berühmten Punkfotografen und eine berühmte Dokumentarfilmerin, die seine Rückkehr zu den Menschen in Szene setzen sollen. Bei der Wahl des Initiationserlebnisses offenbart er einen verblüffenden Mangel an Kreativität: Er reist auf die Philippinen und lässt sich dort als erster Westler rituell kreuzigen. Eine halbe Stunde soll er laut Protokoll mit Nägeln in den Händen am Kreuz hängen, doch dazu kommt es nicht. Nach einigen Minuten bricht das Brett, auf dem er steht, und Sebastian Horsley fällt halb ohnmächtig vor Schmerzen vom Kreuz. Die Symbolik hat den Junkie zurückgewiesen. Dieser Treppenwitz ist zu pathetisch, um nicht wirklich passiert zu sein.

    Dem deutschen Leser sei erläutert, dass dieser blasse, androgyne, zerklüftete Mann, der hier über sein Leben schreibt, in Großbritannien bereits vor der Veröffentlichung seiner Memoiren eine öffentliche Figur war, die nur wegen der Klatschhaftigkeit der leichten Blätter existieren konnte und folglich im Boulevard-Duktus am besten zu beschreiben ist: Er war ein „Skandal-Künstler“, der es spätestens mit seinem Kreuzigungshappening zu einiger Bekanntheit in Albion gebracht hat.

    „Auch wenn es nicht von Bedeutung ist: Das Nachfolgende ist wahr“, bekennt der Autor in einer kurzen Eröffnungsnotiz. Und der Kitzel des Realen springt immer dann ein, wenn die Messe der Furchtbarkeiten ins Eintönige zu kippen droht. Man kann die meisten Figuren, die im Roman auftauchen, googeln und sich überzeugen, dass Rachel wirklich mit der irreal antiken Schönheit gesegnet ist, die im Roman behauptet wird. Das Video von Horsleys Kreuzigung gibt es bei Youtube und das Medienecho vom Guardian bis zur Sun ist auch o­nline abrufbar. Der Roman wird zu einem weiteren, krönenden Mosaikstein der öffentlichen Figur namens Sebastian Horsley, hinter die der Mensch zurücktritt, seit er zum ersten Mal in den Kleidern seiner Mutter vor dem Spiegel getanzt hat. Von Anfang an waren die Kunst und das Leben des Sebastian Horsley eins. Nur darin war er noch disziplinierter als in seinem Drogenkonsum.

    Woran das liegen kann, wird im Roman deutlich, ohne dass der Autor darüber ein einziges Wort verliert: Horsley war sein Leben lang allein. Als seine Mutter ihn in der Entzugsklinik besucht, lässt sie sich an seinem Bett nieder und fragt: „Habe ich als Mutter versagt, Sylvester?“ „Ich heiße Sebastian, Mutter.“

     

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