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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 16:48

    Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

    15.06.2009

    Die Wut über den verlorenen Glauben

    Mit ihrem vierten Roman Apostoloff hat die 1954 in Stuttgart geborene Sibylle Lewitscharoff den “Deutschen Buchpreis” 2009 gewonnen. Es ist ein ebenso mitreißendes wie vielstimmiges Buch einer unserer wortmächtigsten Autorinnen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    “Nicht die Liebe vermag die Toten in Schach zu halten, denke ich, nur ein gutmütig gepflegter Haß”. Mit diesen Worten entlässt einen die Erzählerin nach 240 Seiten, auf denen sie einen auf die mannigfachste Art und Weise gefesselt hat - nicht zuletzt sondern zuförderst mit wahrlich gut gepflegtem Hass auf ihren Vater und einer brillant formulierten “üblen Nachrede” auf dessen Heimatland, die ihre Autorin den Kopf hätte kosten könnten, wenn Bulgarien ein islamische Land wäre. Was beide rhetorischen Haltungen angeht, die in der Literaturgeschichte als poetische Produktivkräfte in dieser Ballung nicht gerade häufig vertreten sind - macht Hass nicht hässlich? -, kann es mit Sibylle Lewitscharoffs Bulgarien-Verfluchung namens Apostoloff im deutschen Sprachraum nur einer aufnehmen: Thomas Bernhard und sein von A bis Z verfluchtes Österreich.

    Als deutscher Leser nimmt man den Furor, in den sich die 1954 in Stuttgart geborene Tochter eines bulgarischen Arztes und seiner schwäbischen Frau quer durch ihren vierten Roman hineingeschrieben hat, mit ebensoviel Erstaunen und Irritation wie einem außergewöhnlich-eigenartigen literarischen (um nicht zusagen: diebischen) Vergnügen wahr.

    Denn es ist ja unter uns Zivilisierten verpönt, negative Pauschalurteile über Völker und Staaten abzugeben, die nur noch im Schutze des Stammtischs in Blüte stehen & geäußert werden. Sibylle Lewitscharoff verstößt mit sardonischer Lust gegen dieses Tabu, wenngleich die Autorin hier eine Rolle spielt, die ihrer namenlosen Erzählerin erlaubt, wo andere Menschen in ihrer Qual verstummen, wortmächtig & fuchsteufelswild zu sagen, was sie leidet. Daraus entsteht eine Komik, die den Ernst transzendiert: in eine groteske Klagensuada. Wenn sie einmal bemerkt, dass sie “ein zutiefst humorloses Kind gewesen sein muss”, so ist es die erwachsene Sibylle Lewitscharoff nimmermehr - wie wir spätestens seit Consummatus (2006) wissen.

    Ernst ist es der Autorin durchaus, wenn sie hier große Teile ihrer autobiografischen Erfahrungen & Erinnerungen zu einem Roman verdichtet, der ebenso verwildert wie kalkuliert Familiengeschichte mit Landesgeschichte, Reisebericht mit Gespensterbeschwörung engführt - zu einem erzählerischen mixtum compositum, das den Leser (ähnlich wie bei Philip Roth) jederzeit darüber im Unklaren lässt, wem er hier zuhört: der Autorin selbst oder ihrer fiktiven Erzählerin.

    Kristo, warum hast Du uns verlassen?

    Mit ihr teilt nämlich die Autorin Herkunft & Kindheit in Stuttgart-Degerloch in einer bulgarischen Emigranten-Gruppe - und den durch Selbstmord früh aus ihrem Kinderleben geschiedenen Vater, der hier den “durchdringend symbolischen Namen” Kristo trägt, erfolgreicher Gynäkologe war, der Ehefrau “die Gefühle heruntergeschabt“ und sie mit zwei, zwölf und zehn Jahre alten Töchtern allein gelassen hatte. Warum dieser “Christus“ - nach zwei missglückten Selbstmordversuchen mit dem dritten erfolgreich - als saturierter Arzt so früh & ausdauernd den Tod suchte, dem er in der Heimat entgangen war, bleibt rätselhaft; und vor allem für die jüngere, räsonierende Schwester, in deren Träumen “dieses Aas von Vater (...) regelmäßig wiederkehrt” und schweigt, ist der Vater & sein Tod: eine schwärende Wunde, ein existenzielles Skandalon, ein Hassobjekt der fortlaufenden Empörung, während ihre “knappe zwei Jährchen ältere Schwester” ihr mit “Engelsgeduld“ begegnet.

    Die beiden (das ist die Rahmenhandlung des Romans, der in seinem erzählerischen Binnenraum viel- & mehrfach assoziativ in familiäre wie in historische Vorgeschichten ab- & zurückschweift) sind in einem Daihatsu von Sofia aus heute in ihres Vaters Land unterwegs, dessen historische, bauliche und landschaftlichen “Schätze” ihnen der “hektische Fahrer” Rumen Apostoloff zeigen will, wobei der Erzählerin auf der Rückbank “Vaterhass und Landhass verquickt sind” und von ihr “auf vertrotzte Weise am Köcheln gehalten” werden: “Bulgarien ist ein grauenhaftes Land. (...) Verbaut, verpatzt, verdreckt. Das aschgraue Meer - leergefischt. Das bulgarische Essen? Ein in schlechtem Öl ersoffener Matsch. Der Fisch ein verkokelter Witzfisch. Bulgarische Kunst im zwanzigsten Jahrhundert? Abscheulich, und zwar ohne jede Ausnahme. Die Architektur, sofern nicht Klöster, Moscheen oder Handelshäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert? Ein Verbrechen!“

    Der Vaterlandsreise der Schwestern in Begleitung ihres Apostels Rumen, ging ein protziger Trauerkonvoi von dreizehn (!) schwarzen Luxuslimousinen voraus, die von Degerloch über die Schweiz, Italien und Griechenland nach Sofia gefahren waren. Dort wurden in einem pompösen Akt die auf Schachtelgröße gefriergetrockneten Überreste von neunzehn Exilbulgaren beigesetzt. Inszeniert hatte das aufwendige Spektakel, zu dem die Familien der Hinterbliebenen, also auch die beiden Schwestern, eingeladen worden waren, der in den USA reich gewordene Millionär Tabakoff, ein dubioser ehemaliger „Kumpan“ des selbstmörderischen Vaters, dessen vorzeitigen Tod seine bulgarischen Verwandten ebenso wechselweise wie idiotisch dem bulgarischen Geheimdienst oder seiner deutschen Frau zuschreiben.

    Reisen im Schwebezustand der Zeiten

    Auf Reisen unterwegs ist man also zwiefach in Lewitscharoffs Apostoloff – und nimmt man noch die vielfach eingestreuten Memorabilien an die Degerlocher Kindheit der Schwestern hinzu, so bewegt sich der Roman in drei Zeitreisen, zwischen denen die Erzählung fluid vermittelt, so dass ein poetischer Schwebezustand der Imagination erzeugt wird. Ein Schwebezustand des allseitigen „Dazwischen“ – wie es der hybriden Existenz der Emigranten entspricht, aber auch einer dantesken Reise der Lebenden in die Hölle, als die das gegenwärtige, in jeder Hinsicht verkommene, von allen guten Geistern (sprich: Schutz-Engeln verlassene) Vater(s)land Bulgarien erscheint, durch die der als „Hermes“ bezeichnete Rumen Apostoloff die beiden Schwestern in dem japanischen Auto kutschiert.

    Das literarisch in der jüngsten deutschen Gegenwartsliteratur ganz Außerordentliche von Sibylle Lewitscharoffs Roman Apostoloff besteht in ihrer Fähigkeit, als Erzählerin „mehrstimmig zu singen“. Einerseits ist das Buch strikt und mit spannendem Vergnügen lesbar als ein komplex verspiegeltes Panorama Europas im „Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm) und als Besichtigung der allseitigen Verwerfungen und Verwüstungen, welche die Ideologien des 20. Jahrhunderts in ihm hinterlassen haben – anhand einer Familien-, Gesellschafts- & Zeitgeschichte.

    Bewundernswert ist dabei die Verve der Autorin, mit ihrem weitgespannten Stoff virtuos umzugehen; ebenso aber auch ihre sinnliche Evokationskraft von Orten und szenischen Momentaufnahmen und ihre sprachliche Souveränität, atmosphärisch scharf umrissene Situationen satirisch zu verdichten. Das trifft auf alle Bereiche mit gleicher Intensität und Leuchtkraft zu – ob es sich um den Mief der Fünfziger Jahre in Stuttgart, den grotesken Trauerkondukt Tabakoffs oder die Bulgarische Reise der beiden Kristo-Töchter handelt.

    Andererseits ist der Text von Anfang bis Ende auf jeder Seite des Buchs mosaikartig gesprenkelt mit semantischen Verweisen, Anspielungen, Metaphern, Assoziationen aus dem mythologisch-religiösen Bereich („Kristo“, „Engelsgeduld“, „Hermes“). Sie erlauben – nicht nur durch die wiederkehrenden Epiphanien und Traumgespinste, in denen der tote Vater die ihn hassliebende Tochter heimsucht –, Apostoloff auch als „Die Wut über den verlorenen Glauben“ zu lesen, um einen Titel zu paraphrasieren, den der späte Beethoven einem bärbeißig-komischen und doch auch rätselhaften kleinen Klavierstück gegeben hat.

    Der eloquente Hass in „der freudlosen Vernunft meiner Sätze“ (wie die Erzählerin einmal bemerkt) wäre also auch eine verschwiegene, nachgetragene, nachtragende Liebe zu dem Kristo, der sie verlassen hat? Die Reise in „Vaterland“ auch ein Gang durch die Unterwelt auf der Suche nach dem verlorenen Vater und seiner gründlich zerstörten Heimat, Herkunft, mithin „religio“?

    Mut zum Abschied von allen Bindungen?

    Auf der abschließenden Fahrt zum Flughafen von Sofia hat die Erzählerin plötzlich eine Epiphanie, als die getönten Scheiben eines schwarzen Geländewagens auf der Überholspur neben ihrem Taxi „wie von Zauberhand durchsichtig werden: Vorne sitzt der Vater am Lenker und die Mutter neben ihm, beide schauen stur geradeaus, er hat sein Käppi auf wie eh und je, wir Töchter hocken regungslos und wie gemalt im Fond“.

    Daraus ergibt sich das Schlussresümee der Erzählerin, das ihre (und unsere) Reise zu und mit den Toten beschließt: „Die Toten warten auf ihre Stunde, sie kommen höchstselbst und nicht nur im tintigen Pfuhl der Nacht. Ich aber bewahre kühlen Mut. Immerhin habe ich es geschafft, länger zu leben als der Vater und ein freundlicheres Leben zu führen als die Mutter. Nicht die Liebe vermag die Toten in Schach zu halten, denke ich, nur ein gutmütig gepflegter Hass.“

    War mithin diese fabulöse Rückreise in die familiären & geistigen Vergangenheiten vielleicht gar ein notwendiger Akt, um sich vom Alb der familiären und historischen Traditionen & deren fortwirkenden Heimsuchungen endgültig zu befreien? „Alles Weitere bleibt geheim“ – lautet der Titel dieses Schlusskapitels. Abschied in Ambivalenz.

     

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