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Christoph Peters: Mitsukos Restaurant

01.06.2009

Bizarrer Bilderbogen der Comédie Humaine

Christoph Peters schildert den Einbruch des Fremden in die Idylle deutscher Vorstadtkneipen – und schlägt jedem Menge Funken aus dem Zusammenprall der verschiedenen Kulturen und Mentalitäten. Von WEND KÄSSENS

 

In den Theaterferien des heißen Sommers 1992 war er losgegangen, um die Umgebung des Ortsteils Gurschebach zu erkunden, hier, wo er lebt und am Theater „Herz und Hirn“ eine unsichere Position als Schauspieler hat, in der Stadt A. am Niederrhein. Plötzlich stand Achim Wiese vor „Mitsukos Restaurant“: vor dem Wanderheim der Wanderfreunde Gurschebach e.V. , einer Waldschenke, über deren Eingang unübersehbar „Mitsukos Restaurant“ zu lesen war. Das überraschend aufgetauchte japanische Lokal lässt Erinnerungen wieder hochkommen: An sein jugendliches Interesse für das geheimnisvolle Land, das er aus den Samurai-Filmen Akira Kurasawas zu kennen glaubt. An seine frühere Begeisterung für japanische Holzschnitzerei, seine Beschäftigung mit den Schriften des Kunstwissenschaftlers Okakura und dem Zen-Buddhismus Suzukis. Und daran, wie er 1984 mit seinem Freund Wolf nach bestandenem Abitur von Cleve nach Düsseldorf fuhr, um eines der ersten japanischen Restaurants aufzusuchen und dort festzustellen, dass das Geld dann doch nur für eine indonesische Reistafel beim Chinesen reichte. Seitdem hat er sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben geschlagen, als Hilfskoch, Helfer bei Kunstprojekten und als Schauspieler – während Wolf es inzwischen zum Schönheitschirurgen an einer nahegelegenen Privatklinik gebracht hat.

Nun stehen beide vor diesem japanischen Lokal in deutschem Ambiente, nähern sich der japanischen Küche im Wanderheim, seinem Biertresen und denen, die daran sitzen und Steak mit Zwiebeln essen, dem fast leeren Gastraum in rustikaler Eiche und zwei älteren Damen mit Hund, der deutschen Schlagerparade aus dem Radio und den Wanderpokalen in den Regalen. Bis zu den weißen Strümpfen und den Sandalen des Wirts, der so gar nicht japanisch aussieht, ein Hohn auf den japanischen Ästhetizismus! Ein Missverständnis! Und dann noch die Japanerin in der Küche! In Japan eine klassische Männerdomäne, wie Achim weiß. Aber dann schmeckt das Essen doch unerwartet gut:

Er biß auf den Fischkopf, was im inneren Ohr ein Geräusch wie bei berstenden Kartoffelchips verursachte, Zunge und Gaumen allerdings entschieden vielgestaltigere taktile Reize bot: auf die mit Marinade vollgesogene Bratkruste folgte hauchdünner Schädel, weiter vorn waren die kleinteiligen Kieferspangen zu spüren, dazwischen leberweiches Hirn, zartes Backen- und kräftigeres Brustfleisch. Und auch die Köchin kann überzeugen: …außerordentlich schön war sie. Auch heute trug sie eine Kochmütze über gewelltem, nicht pechschwarzem, sondern kastanienbraunem Haar, das sie im Nacken locker zusammengebunden hatte. Selbst auf die Entfernung fielen Achim ihre vollkommen geformten, flach anliegenden Ohren auf, und er raunte: „Hast Du die Ohren gesehen?“ „Ich glaube, dass sie das im Griff hat“ erwidert Wolf. „Wie elfenbeinerne Netsuke.“ Später erfahren wir, dass sie einem alten Samurai-Geschlecht entstammt, aber ihre Familie und ihr Land verlassen hat.

Achim verfällt der acht Jahre älteren Mitsuko und ihrer Küche, er lässt sich als Hilfskraft einstellen, um ihr nah zu sein, auch wenn sie später nicht ihn, sondern Eugen aus Birgelheim heiratet, ihren Partner im Lokal. Auch Wolf ist Mitsuko und der Küche nicht abgeneigt. Aber sein Blick auf Japan und die Japaner ist ein anderer, er ist ihnen als Chirurg in heiklen Geschäften verbunden – es fällt das Stichwort „Yakuza“, und so lange die gehen, führt er Mitsukos Restaurant vorübergehend japanische Kundschaft zu. Bis ein tragischer Unfall ihn zwingt sich nach Brasilien abzusetzen.

Funkenschlagender Zusammenprall verschiedener Kulturen und Mentalitäten

In solchen grotesken Gegensätzen, in Widersprüchen, Erwartungen, Fehleinschätzungen und Andeutungen entwickelt sich Christoph Peters wunderbar heiterer Bildungs- und Liebesroman mit Krimistrang, wie wir ihn auch in seinen früheren Romanen kennen. Er stellt das Archaische und das Moderne, das Bedeutende und das Profane, das Fremde und das Eigene, das Exotische und das Alltägliche, das Spießige und das Abgründige dicht nebeneinander und schlägt aus dem vielfachen Zusammenprall der Kulturen und Mentalitäten grelle und komische, aber auch geheimnisvolle und unheimliche Funken. Im Blick auf asiatische Angestellte, deutsche und japanische Gäste und den Helden Achim gelingen subtile Beobachtungen und Schnappschüsse aus dem Fundus der Selbstdarstellung, der Ängste, Ressentiments und Verdrängungen. Ein bizarrer Bilderbogen der Comédie Humain!
Die Gegensätze ziehen sich an und stoßen sich wieder ab. Die Liebe geht zwar durch den Magen. Aber man kommt nicht wirklich zusammen oder nur vorübergehend, so lange man den Anderen erfolgreich als Projektionsfläche benutzen kann, in dem man sich selbst spiegelt. Persönliche Obsessionen und die Erfahrungen des Scheiterns liegen dicht beieinander. Auch darin korrespondiert dieser Roman mit den vorhergehenden, Das Tuch aus Nacht von 2003 oder Ein Zimmer im Haus des Krieges von 2006.

Auf einer zweiten Ebene, die 17 der 18 Kapiteln unter der immer gleichen Überschrift „Einige hundert Jahre zuvor in Japan“ beigefügt sind, erzählt Peters in knapper Form und kontrastreich hohem Ton die Parabel vom geschlagenen Samurai-Fürsten Norishige, der sich nicht ins Schwert stürzt, sondern das nichtswürdige Leben des Vogelfreien lebt, um beim Meister Tsujimura das Geheimnis der Teeschalen zu erfahren. Über ein Jahr verbringt er, mit dem Tode ringend, wartend in einem Verschlag. Bis ihm der Meister eine Schale schenkt. Norishige wird ermordet. Als man die Schale bei ihm findet, entleibt sich der Meister selbst.

Auch Achim folgt seinem Phantasma, die japanische Natur und Kultur, ihre Traditionen verstehen, ihre Geheimnisse erkennen, seine Liebe zu Mitsuko realisieren zu wollen. In diesem naiven Bemühen gibt er sich gleichsam preis, macht er sich zum Narren seiner Verletzlichkeit. Mitsuko kommt ihm näher, weil sie sein Ringen, sein Bemühen ernst nimmt. Aber es gelingt nicht, die Leere, den Riss zwischen den Existenzen zu überwinden. Anders als zu Samurai-Zeiten ist der Widerspruch nicht mehr tödlich, sondern produktiv. Aus dem Scheitern erwachsen Selbsterkenntnis, neue Wahrnehmungen und Perspektiven. So versteckt sich also auch eine doppelte Parzival- und Gralsgeschichte in dem Roman. Am Ende ein Aufbruch zu neuen Ufern: Mitsuko bricht ihre Zelte in Deutschland ab, verlässt ihren Mann und „Mitzukos Restaurant“. Sie geht nach Australien, um in Sydney in das Flughafenrestaurant ihrer Tante einzusteigen. Und Achim wird nun endlich das Land seiner Träume und seiner Liebe kennenzulernen.

Erstmals ist Christoph Peters ein Roman gelungen, der über weite Teile die Leichtigkeit einer japanischen Tuschezeichnung hat. Die vielen Druckfehler, auch sinnentstellende darunter, hat er nicht verdient.

 

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