Ein glanzvolleres als das 18. Jahrhundert hat die britische Geistes- und Literaturgeschichte nicht erlebt, trotz des Elisabethanischen Zeitalters zuvor und des 19. Jahrhunderts danach. Vier bis heute nachwirkende Beispiele dafür: mit James Boswells „Dr. Johnson“ kam die „Mutter aller Biografien“ in die literarische Welt; mit Defoes, Richardsons, Fieldings, Smollets und Sternes Romanen war die ganze Breite des modernsten literarischen Genres vom semidokumentarischen über den sentimental-psychologischen Brief- und den auktorialen Roman bis zur Offenen Form des experimentellen humoristischen Romans ausgeschritten; Adam Smith schrieb mit dem „Reichtum der Nationen“ die Bibel des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus – und Edward Gibbon legte mit seiner „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ (1778/1788) die umfangreichste, dichteste Beschreibung des nachaugusteischen Zeitalter Europas bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 vor.
Gewaltige Eruptionen von geistiger Energie und intellektueller Tatkraft bestimmten das 18. Jahrhundert in Großbritannien, und obwohl alle diese erwähnten Autoren fleißig waren, war Edward Gibbon doch der fleißigste. Was hat er nicht alles lesend zu & an sich nehmen und verdauen müssen, um sein grandioses Panorama des römischen Commonwealth daraus entfalten zu können! Ein kränkelndes Kind war Gibbon, das mit sieben Jahren die Mutter verlor, und der Junge sättigte seinen Hunger auf Welt von frühauf mit der Lektüre von historischen, theologischen und geografischen Büchern; ein Autodidakt, der mit 15 Jahren nach Oxford zum Studium ging, sich dort über die lehrenden Hohlköpfe mokierte, aufgrund einer Lektüre zum Katholizismus konvertierte, worauf ihn der Vater zu einem calvinistischen Pfarrer nach Lausanne verpflanzte, der ihn vom Katholizismus kurierte – wenn nicht gar von allem christlichen Glauben. Der Vater verbot ihm seine Liebe zu einer Schweizer Pfarrerstochter, der Sohn gehorchte, weil ihm „die Liebe zur Wissenschaft“ mehr wert war, als die zur einzigen Frau seines Herzens – und ihm der Mehrwert, der ihm nach dem Tod des vermögenden Vaters 1770 zufiel, erlaubte, on his own zu leben, sich seine eigene Bibliothek zusammenzukaufen und – obwohl Mitglied des Unterhauses von 1774/80 – sich daran machen konnte, seine monumentale „Geschichte des Verfalls und Untergangs des römischen Reichs“ zu schreiben. Ein intellektueller Außenseiter, gewiß auch Exzentriker, wie das in Great Britain nicht selten damals an der Tagesordnung war, zugleich öffentlich tätig – wie der Friedensrichter Fielding und der Pfarrer Sterne.
Weil der von ihm höchst verehrte Tacitus ihm für die frühe römische Zeit vorgearbeitet hatte, setzte er erst in der Mitte des 2. Jahrhunderts mit seinem Geschichtswerk ein; und weil Gibbon seine großen Nachfolger noch einschüchterte, fand der deutsche Historiker und Nobelpreisträger Theodor Mommsen nicht den Mut, seine „Römische Geschichte“ über die Zeit nach Diokletian (284/305) hinaus fortzusetzen. In der englischsprachigen Welt gilt Edward Gibbon noch heute, trotz Toynbee, als der größte Historiker.
Der „weite Blick“ (Mommsen), mit dem der 1737 in der südenglischen Grafschaft Surrey geborene, 1794 in London gestorbene britische Historiker mehr als ein Jahrtausend europäischer (und vorderasiatischer Geschichte) betrachtete, durchforschte und zur erzählerischen Darstellung brachte, wurde nicht nur schon von seinen Zeitgenossen bewundert, sondern von manchen auch vehement angefeindet. Denn Gibbon hat die Geschichtswissenschaft aus dem breiten Schatten der Theologie und der religiösen Spekulation in die Helle des aufklärerischen common sense geführt – und zwar indem er sich eben jener Zeit zuwandte, in der aus der ursprünglich jüdischen Sekte, die sich durch den Apostel Paulus universalisierte, christliche Staatsreligion im byzantinischen Ost-Reich wurde, und der Zentralismus des Katholizismus mit dem römischen Papst an der Spitze, nach dem Untergang des weströmischen Reiches, zur einflussreichen Gegenmacht im künftigen Europa aufstieg.
Gibbon begab sich also auf den heißesten Boden seiner Zeit, auf dem protestantische und katholische Historiker und Theologen ihren Streit über die historische Wahrheit und die Historizität von Christentum und Kirche austrugen. Seine Genialität bestand darin, daß er sowohl gegen die „langweiligen Stoffhuber“ wie gegen jene sich wandte, die alle Überlieferung bezweifelten und er mit philosophischem Scharfsinn, methodischer Strenge und gewissermaßen in guter Laune und möglichst „unparteiisch“ auf eine Fundierung historischen Wissens durch „wissenschaftliche“ Abwägung der Überlieferungen zusteuerte und dabei notwendigerweise (aber auch mit unverkennbarer Lust) das Gestrüpp von Legenden, Ideologien und Spekulationen durchforstete.
So ermittelte er die mögliche historische, sprich „objektive“ Wahrheit aus den christlichen und heidnischen Quellen z.B. dadurch, daß er sein Augenmerk auf jene Fakten-Behauptungen legte, welche seine einander widersprechenden Zeugen den Objekten ihrer Abneigung gewissermaßen zähneknirschend zugeben mußten. Wenn ihm auch die methodischen Möglichkeiten der modernen Textkritik noch nicht zur Verfügung standen und er zwar oft Berichte nur teilweise als wahr bezweifelte, wo man heute das Totum jener Zeugenschaft als nachträgliche Aufschönung erkannt hat, so gelingt es ihm doch, die Ursachen sowohl für die Verfolgung wie für den Aufstieg des Christentums und seinen Anteil am Untergang des Römischen Reiches darzustellen. Wenn er von den „unerschrocken freien Männern Britanniens“ spricht, schlägt das Selbstbewusstsein durch, einer unermüdlich tätigen Nation anzugehören, die auf dem Weg zu Weltherrschaft ist – und der er mit seiner Verfallsgeschichte des römischen Imperiums ein fabula docet ins Stammbuch schreibt.
Warum aber sollte man heute noch Edward Gibbons Geschichtswerk lesen? Nicht, weil wir augenblicklich Zeugen, Teilhaber und Nutznießer eines Imperiums sind, das nach der Einschätzung nicht weniger Gegenwartshistoriker im „Decline and Fall“ ist und – wie nach Gibbons Einschätzung des römischen Abstiegs – an seiner „übermäßigen Größe“ zum Scheitern verurteilt ist. Auch nicht, weil der englische Universalhistoriker in einem historischen Panoramaschwenk über Europa dieses nicht mehr, wie Rom, vom Norden und asiatischen Osten bedroht sieht und schreibt: „Doch diese anscheinende Sicherheit sollte uns nicht vergessen lassen, daß möglicherweise neue Feinde und unbekannte Gefahren von dem einen oder anderen verborgenen Volke drohen, das auf der Weltkarte noch kaum zu erkennen ist. Die Araber oder Sarazenen, die ihre Eroberungen von Indien bis nach Spanien ausdehnten, hatten in Armut und Missachtung geschmachtet, bis Mohammed diesen wilden Leibern eine begeisterungsfähige Seele einhauchte“.
Nein, man sollte (& man muss nicht) „den Gibbon“ aus aktuellen Nützlich- oder Befindlichkeitserwägungen heraus lesen. „Klassiker“ hat Italo Calvino geschrieben (& Gibbon ist einer): „sind Bücher, die beladen mit den Spuren aller Leseerfahrungen daherkommen, die unserer vorausgegangen sind, und die hinter sich die Spur herziehen, die sie in der Kultur oder den Kulturen (oder einfach in der Sprache oder in den Bräuchen) hinterlassen haben, durch die sie gegangen sind“. Aber dass wir das Werk dieses vergangenen Historikers über eine noch viel länger vergangene Zeit heute noch mit Vergnügen (& nicht nur aus Wissenslust) lesen können, hat seinen Grund in Gibbons ästhetischem Genie: seiner Sprache und seine Darstellung und seinem dabei zutage tretenden menschlichen Charakter.
Er ist als Historiker nämlich nicht weniger Romancier als es sein Zeitgenosse Henry Fielding war, der im „Tom Jones“ ein Universalgemälde des englischen Lebens seiner Zeit gab. Eher noch übertrifft Gibbon, der Erzähler, den britischen Romancier, weil der erzählende Historiker einen Hundertschaft von Personen, Charakteren, Lebensläufen, Intrigen, Schlachten, Landschaften, Orten, Gebäuden im Verlauf von Jahrhunderten uns so prägnant vor Augen stellt, das wir uns unter diese Menschen und ihre Leidenschaften versetzt sehen, mit ihnen fühlen, sie lieben und hassen, mit ihnen leiden und uns freuen. Das gigantische Tableau von Geschehnissen wäre aber von bloß kalter Pracht, besäße Gibbon nicht eine höchst lebendig, kräftig ausgreifende, farbige Prosa und hätte er nicht – was seinen anderen literarischen Zeitgenossen ebenso eigen ist – einen unbändigen Humor, der sowohl sich ins Ironische wie ins Sarkastische ausbreitet und seinen Stil auf eine ganz eigene Art vieldeutig und seine verborgene Haltung dialektisch macht.
Toll trieben es nicht nur die alten Römer, toll treibt es auch ihr englischer Historiker, der vorallem seine Fußnoten auf Trab bringt, indem er dort – wie erst später unser Jean Paul (auch ein gelehrter Bücherfresser & Autodidakt) – nicht nur seine Belegstellen wie Waben anlegt, sondern daraus würzigsten Honig unfrommer Denkungsart saugt, weil er in den Legionen seiner Fußnoten zugleich in epigrammatischer Kürze seinen Witz, seine Launen, seine Kritik en détail Kobolz schießen lässt und mit dem Leser die schönsten Sottisen über Anstößiges austauscht.
Kurz: es ist ein großes literarisches Schmöker-Vergnügen, mit Gibbons Adlerblick sowohl das Ganze als auch das Kleinste beim Verfall und Untergang des römischen Imperiums imaginiert zu sehen: sowohl darunter als auch darüber zu sein. „Gibbon wollte eine Historiographie entwickeln, die mit intellektueller Brillanz und den geschichtsphilosophischen Reflexionen eines Tacitus (oder in seiner eigenen Zeit eines Montesquieu) mithalten konnte, zugleich sich aber der gelehrten Einzelforschung versicherte und schließlich diese Verbindung in einer literarischen Form darbot, die ein großes Publikum erreichen konnte“, schreibt Wilfried Nippel, der nun allen, die sich dem großen englischen „Historiker der Ambivalenz“ zuwenden wollen, als ein höchst kundiger Begleiter willkommen sein dürfte.
Denn wir Heutigen (und speziell wir Nicht-Fachhistoriker & -Anglisten) können natürlich nur dankbar sein, wenn uns von einem Gibbon-Kenner die historisch-geistesgeschichtlichen Grundlagen für unsere Lektüre-Liebhaberei dargelegt werden – auf einem historischen Gelände, das einerseits vor 250 Jahren beackert und anderseits dabei Geschehenes ausgräbt und rekonstruiert, das bis zu 800 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht. Nicht zu vergessen, dass da natürlich auch die Erkenntnis-, Interessens- & Mentalitäts-Grenzen Gibbons und seiner Zeit bedacht sein wollen und sein Werk nicht zuletzt ein Spiegel der Weltsicht des britischen 18.Jahrhunderts ist.
Wilfried Nippels „Einführung“ von immerhin fast 100 Seiten, steht aber nicht im ersten, sondern erst im sechsten und letzten, von Walter Kumpmann edierten Band der dtv-Ausgabe, die hier angezeigt wird. Dieser Appendix enthält zudem u.a. Auszüge aus Gibbons Autobiographie, Lebensdaten und Epitaph, eine Aufstellung seiner Werke, seiner Quellen & eine Auswahl von Sekundärliteratur und Fragmente einer unpublizierten Rezension, die der deutsche Altphilologe Jacob Bernays um 1870 voller Bewunderung geschrieben hatte. Vorallem aber sind uns als Leser eine Zeittafel der römischen west- und oströmischen Kaiser vonnöten und von logistischem Nutzen das Personenregister, das uns die verstreuten Bemerkungen zu einzelnen dramatis personae lokalisiert.
Der dtv-Gibbon bietet jedoch nur die erste, zwischen 1771 und 1781 erschienene Hälfte des Gesamtwerkes, dessen zweite Hälfte 1788 erschien. Obwohl wir also „nur“ den Verfall und Untergang des Römischen Reiches bis zum Ende Westroms im 5. Jahrhunderts hier vor uns haben, so haben wir doch den Text in einer vorzüglichen Neuübersetzung. Sie stammt (bis auf den fünften Band und die Anmerkungen, die Walter Kumpmann übertragen hat) von Michael Walter, der schon vor Jahren Laurence Sternes „Tristram Shandy“ in ein Deutsch gebracht hat, das mit joyceanischer Hellhörigkeit dem Englischen viele Unter- & Oberstimmen abgelauscht hatte, die früheren Übersetzern nicht vernehmbar geblieben waren. Wenn auch Gibbon kein subversiver Humorist wie der Landpfarrer aus Yorkshire war, so war er doch ein brillanter Schriftsteller, der die Register der Ironie, des derben Humors und der polemischen Rhetorik zu ziehen wusste, wie wenige andere Historiker, wenngleich diese literarische Versatilität zu seiner Zeit gewissermaßen zur Grundausstattung des öffentlich Redenden und Schreibenden gehörte, erst recht für jemanden wie Gibbon, der sich auf höchstem geistigen Niveau bewegte und neben Griechisch, Lateinisch, Italienisch vor allem so gut Französisch konnte, dass er zweisprachig publizierte.
Es ist erstaunlich ebenso wie erfreulich, um nicht zu sagen: bewundernswert, dass man bei dtv die Initiative ergriffen hat, uns diesen „Gibbon“ nicht in antiquarischer, sondern in höchst fein und kompetent herausgeputzter Gestalt als angenehmen Gesellschafter unserer Tage, Abende und Nächte: zu schenken. Es ist ein literarisches Geschenk; zu wünschen wäre, es würde von den beschenkten deutschen Literaturinteressierten auch entsprechend geschätzt und gekauft. Wo eine Luxusausgabe von Tolkiens „Herr der Ringe“ selbst in Kaufhäusern für mehr als 300 ¤ (!) angeboten wird, müssten Leser, die bei Gibbon viel mehr Abenteuer, Spannung & Action erwarten können, läppische 68 ¤ doch locker machen können.
Wolfram Schütte
Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums. Bis zum Ende des Reichs im Westen.
Aus dem Englischen von Michael Walter und Walter Kumpmann,
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003.
Sechs Bände in Schuber, zus. 2296 Seiten. Bis 31.3.2004: 68 ¤, danach 78 ¤