• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 16:48

    Walter Kappacher: Der Fliegenpalast

    26.05.2009

    Büchner-Preis für Kappacher

    Der 1938 in Salzburg geborene und dort lebende Schriftsteller Walter Kappacher erhält für sein erzählerisches Lebenswerk den mit 40.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis. WOLFRAM SCHÜTTE über Kappachers historische Künstlernovelle Der Fliegenpalast um den fünfzigjährigen Hugo v. Hofmannsthal.

     

    Dieses schmale Prosastück, dem ein Genretitel fehlt, weil es zwischen einem Kurzroman und einer Novelle schwebend angesiedelt ist, macht einem das größte Lektürevergnügen. Vorausgesetzt allerdings, der Leser bringt etwas mit, was heute so selten scheint wie die Kunst, der der Fliegenpalast entstammt und in deren Fluidum er sich entfaltet: literarische Bildung und historisches Wissen – und die Lust & Fähigkeit, mit ihnen spielerisch umzugehen.
    Jedoch ohne solche Vorkenntnisse, die einem beim vielfachen Name dropping assoziativ das Erzähl- & Reflexionsgelände des Buchs als „geistige Lebensform“ einer Epoche aufschließen und farbig beleben, bliebe einem die poetische Geister- & Geistesbeschwörung Walter Kappachers verschlossen wie ein Raum, zu dessen Tür einem der Schlüssel fehlt. Der siebzigjährige Autor hat – eine Wendung seines Helden Hugo v. Hofmannsthal (1874–1929) aufgreifend – das Buch „Meinen Freunden gewidmet“.
    Wie viele mögen es sein? Walter Kappacher, der seit 30 Jahren als freier Schriftsteller Romane und Erzählungen publiziert, hat nur einmal einen größeren Leserkreis um sich geschart und einen „literarischen Erfolg“ gehabt. Das war 2005 mit dem wunderbaren Roman Selina oder Das andere Leben (Siehe TITEL vom 15.12.2005).

    Der sensiblere Teil der deutschen Kritik hatte aber den Autor, für seine stille Kunst der Erzählung werbend, nie ganz aus den Augen verloren. Walter Kappacher ist weder öffentlich durch kulturpolitische Statements „auffällig“ geworden, noch hat er sich wie manche andere durch eine laufende, also mittlerweile umfangreiche literarische Produktion immer wieder ins Gespräch gebracht. Er ist eher „ein Seltener“ (Peter Handke), der nur gelegentlich im Laufe der letzten Jahrzehnte mit einem Roman oder einer Erzählung hervorgetreten ist.
    Wie jetzt wieder: überraschend, unzeitgemäß.

    Unzeitgemäß?

    Der Fliegenpalast ist eine erzählerische Versenkung ins Historische, für Kappacher jedoch nahe liegend. Denn das Kurbad Fusch & seine Umgebung sind dem Autor, der nahebei lebt, aufs Intimste vertraut. Ebenso aber das historische Ambiente, wie man jetzt staunend bemerkt, wenn er einen zehntägigen Inkognito-Aufenthalt von Hugo v. Hofmannsthal im August 1924 dort heraufbeschwört – und zugleich zur Bilanz eines Schriftstellerlebens ausformt, das in die Schatten von Alter, Krankheit und Todesahnung tritt (Ich fühlte mich ein wenig an Mörikes Novelle Mozart auf der Reise nach Prag erinnert).

    Weil der Mitbegründer der „Salzburger Festspiele“, dessen dafür geschriebener Jedermann noch heute dort gegeben wird, in Fusch alljährlich mit seinen Eltern die Sommerferien verbracht hat und ihm hier und dort in der Umgebung sein berühmtes lyrisches Jugendwerk zugeflogen war, hofft er nun, zehn Jahre nach Ausbruch des alles umstürzenden, von ihm fatalerweise begrüßten Weltkriegs, im mittlerweile von der Moderne der Automobile und der Inflation veränderten Fusch aufs Neue Inspiration und „Assoziationen“ zu finden. Er will die vielfachen epischen und dramatischen Fragmente – den “Andreas“-Roman, den „Turm“ und seinen „Timon“ – fernab von der Familie in der Nähe Wiens zu Ende bringen.

    Versagensangst als späte Lebensbegleitung

    Denn der fünfzigjährige Dichter, dessen lyrische Ader mit der Ehe versiegte und dessen einstiger literarischer Ruhm bereits zu verblassen beginnt, während er als Librettist für Richard Strauss „nur“ Zulieferer von dessen musikalischem Renommee geworden ist, sieht sich in einer veritablen Lebens- & Schaffenskrise. Das herangerückte Alter verschärft sie, zugleich mit den Zerwürfnissen alter, früh geschlossener Freundschaften (mit Stefan George und Rudolf Borchardt) und durch das Auftreten neuer literarischer Konkurrenten wie Robert Walser, zur Isolation & Einsamkeit.

    Den Schweizer Freund Carl Jacob Burckhardt hatte er gerade in Lenzerheide, wo er nicht arbeiten konnte, fluchtartig verlassen; aber aus den Briefen seiner Frau Gerty erfährt er, dass ein Abgesandter Borchardts ihn womöglich in Fusch erreichen wolle, um zwischen ihnen zu vermitteln, sodass der um seine Anonymität besorgte Sommerfrischler jeden neuen Gast im „Grandhotel“, das in Wirklichkeit ein Hotel dritter Klasse ist, misstrauisch beäugt und fürchtet. Währenddessen lässt Walter Kappacher seinen ebenso hypochondrischen wie nervösen Helden dessen Leben & Zeit zugleich beiläufig-zwanglos wie aufleuchtend-pointiert memorieren: im Kontrast von Erinnerung und Gegenwartsbedrängung.

    Das gelingt Kappacher blendend durch einen fließenden Übergang von innerem Monolog und erzählerischem Außenblick auf „H.“, sofern dieser nicht „ich“ sagt & denkt, Briefe schreibt, Notizen macht – sei´s in seinem Zimmer oder auf Wanderungen in der Umgebung – und das eine oder andere in Gedanken entwirft oder immer wieder an Vergangenes, das mit den Örtlichkeiten verbunden ist, in Wehmut zurückdenkt. Die eine oder andere der reflektierenden „Assoziationen“, die Kappacher seiner historischen Figur zuspricht (wie es mit seinen historischen Leitfiguren, z. B. Tizian, auch Hofmannsthal hielt), ist etwas akkumulativ: quand même!

    Die Angst ist aber H.s Begleiter – wie es das Eingangsmotto von T. S. Eliot annonciert: „Ich zeig dir die Angst in einer Handvoll Sand.“ Es ist die Versagensangst, die des Scheiterns als „ausgebrannter“, sich verzettelnder Dichter; aber auch die Lebens- & Todesangst – waren doch Vater wie Mutter in Fusch in seiner Jugend in eben jenem Alter erkrankt, in dem sich der Sohn nun befindet und der, wie schon einmal vor fünf Jahren, jetzt erneut auf einer einsamen Wanderung von einem Schwächeanfall überwältigt wird.
    Als er aus der Ohnmacht erwacht, blickt er auf einen jungen Mann, der seinen Puls fühlt, ihm gut zuredet und den Vorfall auf den Föhn zurückführt. Es ist Doktor Krakauer, der Begleiter einer Baronin, die den Dichter erkannt hat, weil sie ihn verehrt und beide eine gemeinsame Bekannte haben: die Fürstin Marie von Thurn und Taxis.

    Es ist die K. u. K. Adelswelt, die einem hier und damals im Umkreis von Hofmannsthal, Rilke und Borchardt auf Schritt und Tritt begegnet: gebildeter, dekadenter, kapriziöser Adel im Untergang nach dem Ende der österreichischen Monarchie. Wir erleben die „Welt von gestern“ (Stefan Zweig), die Hofmannsthal in den Libretti sowohl des „Rosenkavaliers“ als auch der „Arabella“ und in seiner Komödie des „Schwierigen“ mit Vergehensmelancholie heraufbeschworen hat und in die uns nun Walter Kappacher mit diskreter Ironie kenntnisreich hineinversetzt – wobei er auch für einen Moment in H.s Erinnerung den jetzt in Landsberg, nach einem Putschversuch in München, einsitzenden Linzer Kunstmaler aufblitzen lässt, der vor dem Krieg in Wiener Kneipen zumeist erfolglos seine Bilder zum Verkauf angeboten hat.

    Brillant nachempfundene „Welt von gestern“

    So sehr der bekannte Autor sich vor der Welt zu verschließen wünscht, so sehr ist er jedoch angetan von dem Unbekannten, dessen flüchtige & hilfreiche Bekanntschaft er zufällig gemacht hat. Der Arzt, den Kappacher als Figur erfunden hat – gewissermaßen als Kontrastmittel, um die Isolationsmalaise von H. kenntlich zu machen –, hatte während des Krieges in den USA studiert und war nun erst in die Heimat zurückgekehrt. Jetzt ist er Begleiter der womöglich schon etwas debilen Baronin, die ihm die Einrichtung einer Wiener Praxis in Aussicht gestellt hat und in deren Nichte Elisabeth, eine angehende Sängerin, er verliebt ist.

    Das Zusammentreffen im Fusch-Tal gleicht alles in allem einer Konstellation wie aus einem Hofmannstahl-Szenario. Die anmutige Meisterschaft Kappachers besteht vorzüglich darin, kraft eigener Imagination, Empathie und „Antizipation“, sich sowohl der verstorbenen Welt anzuschmiegen und sie erzählerisch wieder zum Leben zu erwecken, als auch sie mit dem Blick des spät Nachgeborenen transparent zu machen. So kann sich die eigene moderne, gegenwärtige, persönliche Befindlichkeit in ihr auch spiegeln, ohne doch die Poesie der subtilen Vergangenheitsbeschwörung zu zerstören oder diese allegorisch zu missbrauchen.

    Immer wieder, so oft sie sich gelegentlich sehen – und die Baronin ist eifersüchtig auf Krakauers Kontakt mit H. –, wünscht sich der literarisch interessierte Arzt ein Gespräch mit dem Dichter über dessen „Briefe des Zurückgekehrten“ – ohne dass es aber dazu kommt. Es bleibt ein nachhallendes, ungelöstes Rätsel, das Krakauer zu einer rätselhaften Erscheinung macht, die Hofmannsthals Phantasie beschäftigt, der hier einem fremden Menschen begegnet, für den er freundschaftliche Gefühle empfindet, ohne sie zu artikulieren.

    Als Krakauer, auf Wunsch der Baronin, überstürzt abreisen muss „nach Bruck, in die Welt“ (als verließe er einen kleinen „Zauberberg“), hört der noch im Bett liegende H. mehrfach „das Hupen eines Automobils“. Er steht auf, öffnet das Fenster, „wobei sich ein langes Stück Fensterkitt löste und in den Hof fiel“, und sieht einen „in Ledersachen Vermummten, der zu ihm heraufschaute: Jetzt winkte der sogar. War es Krakauer, der ihm, endlich abreisefertig, noch etwas zurufen wollte? Wäre ich doch auch schon soweit, wünschte er sich (...) Er lehnte sich hinaus, winkte zurück. (...) Jetzt hörte er auf seiner Höhe eine unangenehm laute Frauenstimme: ‚Ja, ja, Herrgott noch einmal, ich komme ja schon!' Rasch zog er sich zurück. Wie dumm von mir, dachte er. Es ist nichts.“

    Nein, ihm wollte nicht jemand „noch etwas zurufen“ – wie Tadzio winkend von dem sterbenden Aschenbach Abschied nimmt. Wie dumm von H., sich gemeint zu glauben. Er ist noch nicht soweit, den „Fliegenpalast“, i. e. den Wintergarten des Hotels, verlassen zu können. Er bleibt in seiner Einsamkeit gefangen.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter