• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 02:41

     

    Aleksandar Hemon: Lazarus

    20.04.2009


    Literarische Luftspiegelung der Emigranten-Existenz

    Der 1964 in Sarajewo geborene, seit 1992 in Chicago lebende serbo-bosnische Schriftsteller Aleksandar Hemon macht die Heimatvertreibung und Ortlosigkeit des Emigranten zum Paradigma eines brillanten, hybriden Romans, der in der Gegenwart und der Vergangenheit, in Chicago und Osteuropa spielt. Von Wolfram Schütte

     

    „Hybride“ Literatur ist weltweit alltäglich geworden. Denn Autoren, welche die politischen, sozialen und kulturellen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte zu Emigranten machten, von denen sogar manche erst in der Sprache ihres „Gastlandes“ zu Schriftstellern wurden, gibt es mittlerweile überall auf der Welt – nicht zuletzt auch in Deutschland.

    Die meisten von ihnen leben – zumindest in ihren ersten Büchern – noch erinnernd in der verlassenen oder verlorenen Welt ihrer Herkunft; manche – wie jetzt die aus Bulgarien stammende Sibylle Lewitscharoff mit ihrem gerade ausgezeichneten Roman Apostoloff – haben ihre ursprüngliche Heimat später wieder besucht, und sie ist ihnen fremd geworden.

    Viele dieser Schriftsteller haben aber auch ihre prekäre existenzielle Situation, „halbwegs loyale Bürger zweier Länder“ zu sein, zum autobiografischen Stoff oder fiktiven Thema und zur ästhetischen Form ihrer literarischen Arbeit gemacht, wie eben Aleksandar Hemon, dem ein ganz erstaunliches Buch dabei gelungen ist: virtuos in seiner komplexen Struktur, reichhaltig in seiner erzählerischen Verve und sprachlich (in der tadellosen Übersetzung Rudolf Hermsteins) von einer ebenso imaginativen Präzision der Beschreibung und Erfindung, wie von einer treffsicheren, überraschenden Metaphorik und Frische vor allem des satirischen Ausdrucks.

    Der 1964 in Sarajewo als Kind einer serbischen Mutter und eines bosnischen Vaters geborene Autor wurde 1992, während eines USA-Aufenthalts, von der serbischen Belagerung seiner bosnischen Geburtstadt überrascht und ist fortan im amerikanischen Exil, in Chicago, geblieben, wo er zu einem amerikanischen Schriftsteller wurde, der bereits einen Band mit Erzählungen und einen Roman veröffentlicht hat, die auch deutsch (bei Knaus) vorliegen.

    Das waren jedoch nur Fingerübungen für Lazarus, seinem ehrgeizigsten literarischen Projekt, das sich – aufgrund seines „postmodernen“ kompositorischen Raffinements – jetzt zwanglos mit Daniel Kehlmanns jüngstem „Roman in Geschichten“ vergleichen – und gegenüber Kehlmanns Ruhm erst recht rühmen lässt.

    Beide Autoren „zaubern“ literarisch auf „offener Bühne“, will sagen: machen die Erfindung und Entstehung ihres Buches zu dessen integraler erzählerischen Strategie, die den Leser einbezieht. Hemon geht aber noch über die beiden gemeinsamen Verspiegelungen und spielerischen Verknüpfungen ihrer Erzählungen, bzw. Erzählstränge hinaus.

    Zum einen, indem er Teile der eigenen Biografie und existenziellen Situation seinem alter Ego Vladimir Brik, dem Möchtegern-Schriftsteller & Erzähler, zuspricht; zum anderen dadurch, dass er zwischen dem kapitelweisen Wechsel von historischen Nachempfindungen, Reisebeschreibungen und Selbstbetrachtungen Vladimir Briks, sowohl historische Fotos als auch schwarz-weiß Bilder von dem Fotografen Velibor Bosovic’ einsetzt – als eine zusätzliche optische Verankerung des Erzählten im authentischen Quellgrund seiner Fiktionen.

    Von historischen Bildern zur Fiktion

    Denn Hemon ist (wie sein Erzähler Brik) von einem historischen Faktum und einem Bild ausgegangen; und er hat mit seinem Freund Bosovic, Dank der Förderung einer amerikanischen Stiftung, eben jene Reise in die alte Welt des postkommunistischen Europas unternommen, auf die Hemon in seinem Roman den Stipendiaten Vladimir Brik und dessen Fotografen-Freund Rora schickt. Der bei einem Bosnier-Treffen in Chicago wiedergefundene, windige Schulfreund Rora, den Brik „aus seinem früheren Leben in Sarajewo gekannt hat“, war jedoch während der Belagerung eine zeitlang Begleiter des dubiosen bosnischen Warlords Rambo.

    Auch der angehende Schriftsteller Brik ist vor der Belagerung aus Sarajewo nach Chicago entkommen, hat als Agnostiker die aus einer streng irisch-katholischen Familie stammende Gehirnchirurgin Mary geheiratet und trug bisher nur mit kleinen Zeitungsglossen über seine amerikanischen Exilerfahrungen minimal zur materiellen Existenz der Ehe bei. Nun aber „stürzt“ er sich „kopfüber“ in sein „Lazarus Projekt“, einen großen Historischen Roman, dem ein authentischer Fall zugrunde liegt: „Zeit und Ort sind die einzigen Dinge, deren ich mir sicher bin: 2. März 1908, Chicago. Alles andere liegt im Dunst der Geschichte und des Schmerzes.“

    An diesem Tag vor rund 100 Jahren war der junge russisch-jüdische Immigrant Lazarus Averbuch fälschlicherweise als Anarchist vom Chicagoer Polizeipräsidenten erschossen worden, als er unbewaffnet und ohne sich erklären zu können, bei dem Polizeipräsidenten in dessen Haus um ein Gespräch nachgesucht hatte. Es gibt eine Reihe von historischen Fotos, auf denen der Leichnam des ermordeten Lazarus auf einem Stuhl sitzt und ein hinter ihm stehender Mann seinen Kopf umfasst und dem Fotografen entgegenhält – wie das Beutestück eines Großwildjägers.

    Brik ist fasziniert von diesem Ereignis, weil er in dessen historischen Umständen und Folgen eine Parallele zur zeitgenössischen Terroristen-Hysterie und deren Rassismus nach dem World-Trade-Center-Attentat in den USA erblickt – und ein Paradigma für das „Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm) im Hinblick auf das Schicksal von Minderheiten und Emigranten überall auf der Welt – nicht zuletzt: seines eigenen.

    Während Brik sich Hergang und Folgen des hysterischen Mords an Lazarus Averbuch imaginiert, reist er mit dem Fotografen Rora in jenes Gebiet des zaristischen Russlands, aus dem Lazarus und seine Schwester Olga ein Jahrhundert zuvor als Überlebende eines Pogroms entkommen waren und ihre Zukunft im „Land der Freien und Heimat der Tapferen“ (wie es in der amerikanischen Nationalhymne heißt) gesucht und „im Land der freien Idioten und tapferen Arschlöcher“ (wie Brik das Pathos persifliert) doch nur Tod & Demütigung gefunden hatten.

    Der fulminante Entwurf des Historischen Romans innerhalb des „Lazarus-Projekts“ wird von Brik erkennbar als satirische Groteske gestaltet, die jüngste Hysterie-Erfahrungen der Bush-Ära als Zusammenspiel von rassistischer Polizei, patriotischer Presse & religiösen Fundamentalisten zurückprojiziert, vor deren drastisch beschworenem Bild sich die unbeugsame Tapferkeit von Lazarus’ Schwester bewegend abzeichnet. Allein die immer neu formulierte Folge von Olgas Briefentwürfen, mit denen sie der in Europa gebliebenen Mutter den Tod ihres Sohnes schonend mitteilen will, zeigt Hemons literarische Meisterschaft, blitzhaft zwischen satirischer und empfindungstiefer Prosa wechseln zu können.

    Die Erkundung Osteuropas

    Die verzweifelte Olga will dem erst anonym verscharrten, von forensischen Studenten geplünderten Leichnam ihres unglücklichen Bruders ein ordentliches Begräbnis nach jüdischem Ritus verschaffen, während die ängstlich-opportunistische jüdische Gemeinde kein Aufsehen, christliche Fanatiker aber sehr wohl mit dem „neuen Lazarus“ Aufsehen erregen und die Anarchisten den Unschuldigen zu einem Märtyrer verklären wollen.

    Die zwischen diese schrittweise voranschreitende fiktive erzählerische Rekonstruktion alternativ eingelassenen Reisenotizen Briks und die Erzählungen, Anekdoten und Witze Roras aus dem belagerten Sarajewo öffnen den Blick auf das unheimliche Gelände des postkommunistischen Osteuropa, in dem die Blutspur von Rassismus, Hass, Angst, Verfolgung & Ausrottung im Holocaust terminierte. Heute breitet sich zwischen verfallenden jüdischen Friedhöfen & Gedenkstätten, Supermärkten, Prostitution und Mafia-Protz die Leere der Hoffnungslosigkeit und des zivilisatorischen Verfalls aus.

    Es ist eine verstörend-abenteuerliche Reise ins „Herz der Finsternis“ allseitigen Lauerns und latenter Gewalt, die zuletzt – als die beiden Schulfreunde ihre Geburtsstadt Sarajewo besuchen – Rora das Leben kostet. Ein Killer hat ihn auf einer Cafe-Terrasse vor aller Augen hingerichtet – ohne dass jemand etwas gesehen haben will. Der abwesende Brik aber, der zu spät zum Tatort kommt, hat sich jedoch auf der Reise immer weiter von der „keimfreien amerikanischen Wohlanständigkeit“ seiner pragmatisch-gutgläubigen Ehefrau Mary innerlich entfernt, bleibt danach vorerst in Sarajewo, wo sich Roras Schwester – auch sie eine Chirurgin – um seine verletzte Hand kümmert: „Die brauchen Sie zum Schreiben.“

    Auf der Reise, bei der „tödlichen Verschmelzung von Zorn und guten Absichten“, hatte Brik nämlich einen rumänischen Zuhälter, der auf einer Toilettenschüssel saß, brutal zusammengeschlagen und dabei „die schönen Geräusche von Serjoschas brechenden Gesichtsknochen“ gehört, die ihm seine „Schmerzen wert“ waren.

    Ist er, der in der Neuen Welt so wenig angekommen war wie Lazarus Averbuch zuvor, mit dieser Assimilation an die körperliche Gewalt nun in die Heimat zurückgekehrt? „Alles war noch genauso, wie ich es in Erinnerung hatte, und trotzdem völlig anders; ich kam mir vor wie ein Geist. Die Menschen gingen an mir vorbei, ohne mich anzusehen; ich war völlig unbedeutend und unscheinbar, wenn nicht sogar unsichtbar. (...) Niemand schien sich an mich zu erinnern. Zu Hause ist, wo jemand merkt, dass du nicht mehr da bist.“

    Zwischen Fotos & Gesehenem

    Hybrid ist Aleksandar Hemons Roman in vielfacher Hinsicht – nicht nur durch die existenzielle Situation seines Autors und dessen alter Ego. In der Figur des durch Jesus von den Toten auferweckten, also auferstandenen Lazarus – über dessen prekäre Befindlichkeit uns das Neue Testament so wenig mitteilt wie über seinen zweiten Tod – erblickt Hemon die emblematische Figur des Emigranten, der ein zweites Leben führt, nachdem er sein erstes verloren hatte und nun im Dazwischen von Erinnerung & Vergessen, Melancholie und Euphorie heimatlos lebt. Dies umso mehr, als die Hoffnungen des Entkommenen im „zweiten“ (Emigranten) Leben „anzukommen“, bzw. „wiederaufzustehen“, sich zumeist als Illusionen erweisen – wie es dem armen Lazarus Averbuch und Vladimir Brik in Chicago geschehen ist. So ist Hemons Roman einem polyphonen Musikstück vergleichbar, in dem das Grundthema „Lazarus“ multiperspektivisch variiert und durchgespielt wird.

    Dadurch, dass Hemon den bosnischen Emigranten Brik in Chicago – dessen männliche Vorfahren ebenfalls aus dem zaristischen Russland auf den Balkan geflüchtet waren – bei seinem Versuch verfolgt, sich als Schriftsteller zu erschaffen, indem er der Lebens- & Sterbensgeschichte des jüdischen Lazarus ebenso „nachforscht“ wie der eigenen, sie aber de facto daraus literarisch erfindet, macht Hemon die Literatur, die Fiktion (und den Umgang der Leser damit) zum zweiten durchgängigen Sujet seines Romans.

    In der Kontrast-Figur des von Jugend an zwielichtigen, aufschneiderischen Fotografen Rora, der erzählerisch mit lebensprallen, drastischen Erlebnissen, Geschichten und zynischen Witzen brilliert, bringt Hemon den pikaresk auftrumpfenden „balkanesischen“ Schriftsteller-Typus ins Spiel, wie ihn einst Miodrag Bulatovic in der Literatur Jugoslawiens verkörperte. Bulatovic faszinierte durch eine Literatur der expressiven Übertreibung, man könnte sagen: durch „orientalische“ Fiktionalisierung von Krieg und Partisanenmythos, wohingegen der auf (historische) Fakten spekulierende Vladimir Brik dem Typus des pragmatischen, der „Wahrheit“ hinterher recherchierende Typus eines „amerikanischen“ Schriftstellers entspricht.
    Die abgründige Ironie (oder die ästhetische Wahrheit) von Aleksandar Hemons „Lazarus“, den man getrost in der Nachbarschaft seiner exjugoslawischen Kollegen Danilo Kis & Alexandar Tisma sehen könnte, erschließt sich dem Leser nur dann, wenn er bei seiner Lektüre sich bewusst wird, dass er sich mit Empathie & Vergnügen in einer ebenso bewegenden wie bodenlosen erzählerischen Luftspiegelung bewegt – einer epischen Fata Morgana aus Fakten & Fiktionen, die einen „bezaubert hat“.

    Insofern spiegelt die Kombinatorik aus historischen und jüngsten Fotografien, die den Erzählungen und Geschichten des Buchs den optischen Takt vorgeben, dessen innerste ästhetische Struktur der Ambivalenz eines Kunstwerks, dessen „Identität“ so „nicht-identisch“ ist – wie die des auferweckten Lazarus in der neutestamentarischen Legende.

    Wolfram Schütte


    Aleksandar Hemon: Lazarus (The Lazarus Projekt, 2008). Roman. Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein. Mit Fotografien von Velibor Bo¸ović. München: Knaus-Verlag 2009. 348 Seiten. 19,95 Euro.


    -------------------------------------------------------------

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter